22. Februar 2012 Klaus Staeubert (Leipziger Volkszeitung)

"Vereine nicht links liegen lassen"

Beschäftigungsförderung: Schwenk auf Ein-Euro-Jobs schafft personelle Probleme

Egal ob Sport- oder Kulturverein, Kleingartensparte oder die Kommune selbst - sie alle müssen sich in diesem Jahr auf gravierende Veränderungen einstellen. Grund ist die Neuausrichtung der Beschäftigungsförderung.
Danach fallen dieses Jahr regulär bezahlte Beschäftigungsverhältnisse auf dem zweiten Arbeitsmarkt nahezu weg. Deutlich aufgestockt werden im Gegenzug die Ein-Euro-Jobs. 765 solcher Stellen sollen direkt bei der Stadt, 2385 bei freien Trägern, also Vereinen und Verbänden, geschaffen werden. Zum Vergleich: Im vorigen Jahr waren es insgesamt 1350 Ein-Euro-Jobs in Leipzig.
Die Entgelt-Arbeitsgelegenheiten laufen dagegen bis Ende April weitgehend aus. Dahinter verbirgt sich gemeinnützige Arbeit, die je nach Qualifikation mit 900 bis 1300 Euro im Monat vergütet wird und Arbeitslose aus dem Hartz-IV-Bezug herauslöst. Von den 925 Stellen, die es davon im vorigen Jahr gab, bleiben 2012 noch ganze 108 Stellen übrig, zwölf davon direkt bei der Kommune.
Die geförderten Tätigkeiten sollen Langzeitarbeitslosen eine Brücke zum ersten Arbeitsmarkt bauen, was sich immer schwieriger gestaltet. Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht (CDU) sieht deshalb in der Neuausrichtung der Arbeitsmarktpolitik auch eine Reaktion auf das sich verändernde Arbeitskräftepotenzial in der Stadt. "Alle diejenigen, die wir am ersten Arbeitsmarkt platzieren konnten, sind inzwischen versorgt", so Albrecht. Übrig geblieben seien Langzeiterwerbslose "mit multiplen Vermittlungshemmnissen, die nicht so ohne Weiteres bei freien Trägern und dem Kommunalen Eigenbetrieb einzusetzen sind". Sie machten eine stärkere Betreuung und Förderung notwendig.
Konkret bedeutet das: Von den 150 Stellen beim Stadtreinigungstrupp Blau-Gelbe Engel, die drei Jahre über das Kommunal-Kombi-Lohnmodell finanziert waren, kann Ordnungsbürgermeister Heiko Rosenthal (Linke) nur noch 50 halten. "Kleingarten- und Sportvereine trifft der Wegfall der Arbeitsgelegenheiten in der Entgeltvariante hart", sagt er. Denn alle, die pflegeintensive Anlagen unterhalten wie Fußball-, Leichtathletik- und Hockey-Verband müssten sich nun nach alternativem Personal umschauen. Allein bei Fußballvereinen könnten von 101 bezahlten Stellen nach dem April nur noch zwölf gehalten werden. Der Fußballverband denke daher schon über Streiks an Spieltagen nach. Für Ersatz sollen Ein-Euro-Jobber sorgen. "Aber ob das funktioniert, wird man sehen", meint Rosenthal. 474 Ein-Euro-Jobber will er unter anderem bei den Blau-Gelben Engeln, dem Bürgerdienst LE und den Grünen Engeln im Stadtforst einsetzen. Auch der Ortschaftsservice, der zur Beseitigung von Müll und Graffiti in den Ortsteilen gegründet wurde, wird nur noch mit 60 Ein-Euro-Jobbern besetzt. Sie können sich zum Arbeitslosengeld II 1,25 bis 1,75 Euro pro Stunde dazu verdienen. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt aber nur 20 Stunden.
Noch heftiger trifft es die Kultur. "2012 wird es zu einer ganzen Reihe von Einschränkungen im Angebot der Vereine kommen", prophezeit Kulturbürgermeister Michael Faber (parteilos). Von den 90 Stellen, die ihm bislang zur Verfügung standen, könne durch Bürgerarbeit und Bundesfreiwilligendienst nur "ein Fünftel" ausgeglichen werden. Ursache ist die oft spezialisierte Arbeit in den Vereinen. Faber: "Wenn der Theatertechniker im Theatrium fehlt, geht der Vorhang nicht auf." Doch das kann sich die Stadt gar nicht leisten. Das Haus wurde erst aufwändig saniert. "Wir sind mit dem Theatrium deshalb im Dialog", sagt er, "wir können doch die Vereine nicht links liegen lassen."