21. Februar 2012 Frank Pfütze (Leipziger Volkszeitung)

Vorschlag Gauck - von Sternstunde bis selbstgefällig

Bundes- und Kommunalpolitiker äußern sich in der Kreiszeitung zum neuen Bundespräsidenten

Kreisgebiet. Das politische Tauziehen um den neuen Bundespräsidenten hat ein Ende: Joachim Gauck soll nach dem Rücktritt von Christian Wulff der Präsident der Deutschen werden. Die Kreiszeitung befragte gestern dazu unter anderem Kreistags-Politiker.
Heiko Wittig, Fraktionsvorsitzender SPD-Grüne, sei überrascht, dass sich Gauck durchgesetzt hat. "Joachim Gauck ist der Kandidat, der auch in der Bevölkerung den meisten Zuspruch erfährt. Ich freue mich besonders, dass auch die FDP diesen Kandidaten mitträgt und sich nicht zum zweiten Mal als Steigbügelhalter für einen eventuellen CDU-Kandidaten hergibt. Die Kanzlerin hatte damit schlussendlich keine andere Wahl."
Auch CDU-Fraktionschef Albert Pfeilsticker äußerte sich zuversichtlich. "Joachim Gauck hat eine beachtliche Lebensgeschichte hinter sich. Ich gehe davon aus, dass er die Aufgabe gut ausfüllt. Er ist eine geeignete Persönlichkeit für Gesamtdeutschland. Das ist wichtig in dieser Funktion."
Für Bernd Biedermann von der FDP-Fraktion sei Gauck eine gute Wahl. Die sächsischen FDP-Wahlmänner hätten sich bereits bei der vergangenen Bundespräsidenten-Wahl bewusst für Gauck entschieden. "Er ist überparteilich und hat sich über viele Jahre bei den meisten Menschen mit einem klaren Standpunkt und klaren Linien hohes Ansehen erarbeitet."
Heinz Bieniek, Delitzschs OBM a. D., sei ein Stein vom Herzen gefallen. "Die Kanzlerin hat für mich große Konsensfähigkeit bewiesen. Für mich eine Sternstunde nach der Deutschen Einheit. Wir bekommen einen Bundespräsidenten, der die große Mehrheit der Menschen in unserem geeinigten Vaterland hoffentlich mit dem einen oder anderen Ruck begleiten wird."
Für den nordsächsischen Bundestagsabgeordneten Manfred Kolbe (CDU) sei das ein prima Vorschlag. "Ich habe mich damals im ersten Wahlgang für Herrn Gauck entschieden. Er ist das, was ein Bundespräsident am meisten sein muss, er ist glaubwürdig, macht Politik der Sache wegen und ist bereit, auch unbequeme Themen anzusprechen."
Für den Fraktionschef der Partei Die Linke, Michael Friedrich, steht fest: "Mein Präsident wird er nicht. Ich sehe in ihm einen selbstgefälligen Menschen voller Eitelkeiten. Selbst wenn ich seine frühere Tätigkeit als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde ausblende, die alles andere als unproblematisch war, bekommen wir mit Gauck eine extrem konservative Wahl. Sein einseitiges und euphorisches Gerede über Freiheit in Verantwortung lässt den Aspekt der solidarischen Gemeinschaft und des sozialen Zusammenhalts unserer Gesellschaft außer Acht. Wer, wie Gauck, Armut schon mal als eine individuelle Charakterschwäche auslegt und den demokratischen Protest junger Menschen gegen die Macht der Finanzmärkte für dumme Jugendstreiche hält, ist gegenüber denen, die über ihre Steuern die Rechnung für das Finanzcasino zu zahlen haben, hochmütig und arrogant. Klaus Töpfer oder Margot Käßmann wären eine weitaus bessere Wahl gewesen."