1. Juni 2011 Nico Wendt, Frank Lehmann (Torgauer Zeitung)

Absatz sank durch EHEC dramatisch

Landkreis (TZ/dpa/AFP). Der Killerkeim EHEC hat auch Auswirkungen auf das Verkaufsverhalten im Landkreis Nordsachsen, wie in den vergangenen Tagen zu spüren war. Konsumenten reagieren zurückhaltend, verzichten an der Warentheke erst mal lieber auf Gurken, Salat und Tomaten. Das wiederum bringt einheimische Gemüseproduzenten in Bedrängnis.

„Glücklicherweise gibt es traditionell nur wenige Betriebe im Raum Torgau, die sich auf den Anbau von Gemüse spezialisiert haben“, sagte Reinhard Eggert, Geschäftsführer des Regionalbauernverbandes Torgau. Die Region sei nicht gerade begünstigt, was Böden und Witterung angeht. Gemüse brauche zum Wachsen bekanntlich viel Wasser. „Das ist eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Zwar kann man die Kulturen beregnen lassen, aber das kostet zusätzlich. Außerdem braucht man große Flächen, damit sich der Anbau lohnt“, so Eggert. Man habe derzeit kein einziges Mitglied im Regionalbauernverband, das sich dem Gemüseanbau widmet. „Insofern betrifft uns EHEC nicht“, zeigte sich der Geschäftsführer erleichtert. Er appellierte an die Verbraucher aber generell, auf einheimische Produkte zu vertrauen, die unter strengsten Anforderungen angebaut und ständig kontrolliert werden. „Wer landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Region kauft, weiß, was er hat und stärkt damit noch einheimische Arbeitsplätze“, lautete sein Appell.

Auf der Suche nach der EHEC-Infektionsquelle erlitten die Forscher einen Rückschlag. Der auf spanischen Gurken in Hamburg entdeckte Erreger ist zwar gefährlich, hat offenbar aber nicht die Erkrankungswelle ausgelöst. Die offizielle Verzehrwarnung bleibt jedoch bestehen. Das hat auch Einfluss auf das Verbraucherverhalten bei anderen Gemüsearten.
Albrecht Richter von der Landwirtschaftlichen Eigentümergemeinschaft Dommitzsch bekommt in seinem Betrieb sehr wohl die Auswirkungen von EHEC zu spüren. „Wir bauen zwar nur Kohlrabi an, der hierbei gar nicht relevant ist. Aber selbst hier ist der Absatz um 70 Prozent gesunken. Dafür habe ich keine Erklärung“, zeigte sich Albrecht Richter schockiert. Der Großhandel habe die Bestellungen seit Montag drastisch reduziert. „Wenn sich die Situation in den nächsten 14 Tagen nicht beruhigt, können wir einen großen Teil der Ernte vernichten“, erklärte der Dommitzscher. Von den insgesamt 100 000 Pflanzen seien derzeit etwa 50 000 erntereif. Verluste werde man auf jeden Fall hinnehmen müssen, hieß es.

Dr. med. Joachim Müller, Chefarzt und Geschäftsführer der Kreiskrankenhaus Torgau „Johann Kentmann“ gGmbH, will sich an der Hysterie nicht beteiligen. „EHEC ist kein besonderer Keim. Deshalb sollte man das Geschehen nicht isoliert betrachten. Allein an einer Sepsis sterben täglich in Deutschland mehr Menschen wie bisher an EHEC“, machte der Mediziner deutlich. Eine konsequente Hygiene hält er nicht nur gegenwärtig für eine sinnvolle Prophylaxe. Am Kreiskrankenhaus Torgau gilt ein bewährter Hygieneplan, in dem die Desinfektion eine ganz entscheidende Rolle spielt. Um dessen Erstellung und Durchsetzung sorgen sich mit Oberärztin Edith Bieck eine spezielle Hygieneärztin und Hygieneschwester Renate Thiel. „Wir haben unser Personal noch einmal aktuell belehrt“, so Chefarzt Dr. Müller. Gegenwärtig gibt es in der Torgauer Klinik keinen EHEC-Verdachtsfall. Sollte ein solcher auftreten, stehen im Bereich der Inneren Abteilung entsprechende Patientenzimmer bereit. „Bei schweren Verläufen würde eine Verlegung auf die Intensivstation erfolgen. Wir sind also für den Ernstfall gerüstet“, erklärte ein völlig unaufgeregter Chefarzt, der nach entsprechender Säuberung selbst auch weiterhin Gurken und Tomaten verzehrt.

Die Zahl der EHEC-Erkrankungen in Sachsen hat sich auf acht erhöht. Darunter ist auch eine 60-Jährige mit der gefährlichen HUS-Variante der Darminfektion, sagte Gesundheitsministerin Christine Clauß (CDU). Auch wegen des heute beginnenden Kirchentags wurden die sächsischen Behörden angewiesen, ihre Lebensmittelkontrollen zu verschärfen. Die Überprüfung von Obst und Gemüse wurde auch auf regionale Erzeuger ausgeweitet. Zuvor waren lediglich Großbetriebe überprüft worden. Neben Gurken, Tomaten und Salat wird nach Angaben von Christine Clauß auch anderes Gemüse und Obst getestet. Im Ministerium ist ein Arbeitsstab mit der Infektionskrankheit befasst.