Eilenburg und Umgebung. Mit Beginn dieser Woche ist ein bedeutsames Stück Eilenburger Geschichte überwiegend noch ein Fall für den Insolvenzverwalter. Künftig werden wohl vor allem die Chronisten oder das Museum an die Historie der ersten deutschen Verbrauchergenossenschaft erinnern, die ihre Wurzeln in der Muldestadt hatte. Nur wenige Wochen, nachdem in einer Sonderausstellung im Stadtmuseum an diese 160-jährige Tradition erinnert wurde, wechseln 27 Filialen der Konsumgenossenschaft Sachsen Nord, die zurzeit noch in ihrer Verwaltung an der Wurzener Landstraße die ausstehenden Formalitäten abwickelt, den Besitzer. Die Märkte, darunter in der Eilenburger Region im Osten der Stadt, in Hohenprießnitz, Jesewitz und Doberschütz, werben seit Beginn der Woche unter dem Logo "Markant Nah & Frisch" um die Kunden.
Der geschäftsführende Gesellschafter von Markant, Wolfgang Märkisch, der das Verkaufsstellen-Paket übernahm, ist dieser Tag im Stress. Auch gestern ist der Zittauer mit Ute Sambale, der zuständigen Sachbearbeiterin des Insolvenzverwalters Michael Schoor von der Leipziger Pluta Rechtsanwalts GmbH, an der Wurzener Landstraße mit den entsprechenden Übergabeformalitäten beschäftigt: Nach und nach möchte der Endfünfziger die neuen Geschäfte in den Regionen Eilenburg, Bad Düben, Torgau und Wurzen kennenlernen "und nach vorn blicken", betont er. Wie berichtet, überlebt in Eilenburg am Gabelweg der ehemalige Konsum-Markt die Insolvenz. Die Verkaufsstelle in Mitte, die in der Breiten Straße eingemietet war, ist geschlossen worden. Markant will immerhin 190 von einst 330 Arbeitsplätzen beim Konsum Nord mit Voll- und Teilzeitmitarbeitern erhalten. In einer ersten Welle war im Rahmen des Insolvenzverfahrens vor drei Monaten bereits 77 Konsum-Mitarbeitern gekündigt worden. Etwa zehn Kündigungen stünden in der Verwaltung noch aus, ergänzt Sambale. An wenigen Büros in der Verwaltungsbaracke in der Wurzener Landstraße 2 kündet das Firmen-Logo von Markant bereits, wer jetzt das Sagen hat. Geschäftsführer Märkisch hat zunächst nur wenig Zeit für Pressegespräche, vertröstet noch einige Tage und erwähnt zunächst nur, dass die Übernahme für sein Familienmanagement eine Herausforderung ist, der es sich stellen will. Markant Nah & Frisch betreibt in Ostsachsen bereits 13 Getränke- sowie vier Lebensmittelmärkte. Der bisherige Konsum-Nord-Hauptlieferant, die Bela Handelsgesellschaft, bleibt Vertragspartner und Märkisch versichert, "dass die Preise bleiben und auch die Qualität".
Den 16000 Mitgliedern der Konsumgenossenschaft Nord bietet die Firma Markant übrigens zwischen dem 15. und 31. Dezember gegen Vorlage des Mitgliederausweises an der Kasse einen Rabatt von zwei Prozent auf die meisten Artikel, ergänzen Sambala und Märkisch. "Das soll ein kleines Dankeschön an die Mitglieder sein, die den ehemaligen Konsum-Märkten treu bleiben", so der neue Chef. Denn auf eine Auszahlung der Anteile an der Genossenschaft kann Sambale keine Hoffnung machen. Laut Genossenschaftsgesetz sei eine Kündigung der Beteiligung während der Auflösung der Genossenschaft nicht möglich und damit auch keine Auszahlung der Anteile. Und nach der Auflösung hätten die Gläubiger, deren Ansprüche in einer vorgeschriebenen Reihenfolge erfüllt werden, den Vorrang. "Das bedeutet, dass aus der Vermögensverwertung so viele Einnahmen erzielt werden müssen, um damit alle Schulden der Genossenschaft bezahlen zu können", so Sambale. Davon sei nicht auszugehen, weshalb mit einer Auszahlung von Mitgliedsanteilen nicht zu rechnen sei.
Die Mannschaft des Eilenburger Museums lud in diesem Sommer zu einer Sonderschau anlässlich der 160-jährigen Historie der ersten deutschen Verbrauchergenossenschaft, die in Eilenburg ihre Wiege hatte, ein. Dass daraus eine Art Abgesang auf langjährige Traditionen der Konsumgenossenschaft Sachsen Nord werden würde, das lag wohl nicht in der Absicht der Gastgeber. Die Ereignisse haben eine gut gemeinte Sache überrollt, die deswegen nicht weniger von Bedeutung war und ist. Denn ein Teil der Exponate wird im Fundus wohl auch künftig in Erinnerung halten, was der Erinnerung wert ist. Die Genossenschaft hat das Wettrennen der Supermärkte um die Gunst der Kunden verloren. Daran ist nicht mehr zu rütteln. Was auch immer die Ursachen für die Insolvenz gewesen sein mögen. Es tröstet, dass es für die meisten Märkte und Mitarbeiter einen neuen Anfang und eine neue Chance gibt. Ein neuer Start ist aber nur mit dem Zuspruch der Kunden erfolgreich.