Kreisgebiet. Über 3000 Menschen droht im Kreis Nordsachsen ein ärmlicher Lebensabend. Die heute 55 bis 65 Jahre alten Frauen und Männer werden auf staatliche Grundsicherung und kleine, preiswerte Wohnungen angewiesen sein, geht aus einer neuen Erhebung hervor, die dieser Zeitung vorliegt.
"Das soziale Netz wird die meisten 55- bis 65-Jährigen, die heute von Hartz IV leben, im Rentenalter auffangen müssen. Wir werden damit auch im Landkreis Nordsachsen einen deutlichen Anstieg der Altersarmut erleben", sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut in Hannover. Grund dafür ist, dass die Betroffenen oft lange Zeit arbeitslos oder geringfügig beschäftigt waren und deshalb nur geringe Renten beziehen werden. In einer aktuellen Untersuchung kommt das Pestel-Institut zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2020 rund 3600 Rentner im Landkreis Nordsachsen auf staatliche Grundsicherung angewiesen sein werden. Gemessen am Bundesdurchschnitt stuft das Pestel-Institut die zu erwartende Altersarmut im Landkreis Nordsachsen im Jahr 2020 als "erhöht" ein.
Die Prognose des Institutes ist nicht aus der Luft gegriffen. "Ich teile die Befürchtung, dass die Altersarmut in den kommenden Jahren steigt. In welcher Größenordnung ist allerdings ungewiss", sagt Frank Germer, Geschäftsführer des Jobcenters auf Anfrage. Aktuell bekommen nach seinen Angaben 17 814 Personen im Landkreis Nordsachsen Arbeitslosengeld II, darunter 3367 in der Altersgruppe 55 bis unter 65 Jahre. Das entspricht knapp einem Fünftel der Arbeitslosengeld-II-Bezieher.
Laut Sozialdezernent Hans-Günter Sirrenberg vom Landratsamt Nordsachsen beziehen aktuell 842 Menschen Grundsicherung im Alter. "Der finanzielle Bedarf an der Grundsicherung im Alter liegt beispielsweise gegenwärtig bei einer Einzelperson bei rund 650 Euro monatlich", weiß Sirrenberg. Der Anteil für die Kaltmiete beträgt knapp 236 Euro und für Heizkosten 54 Euro. Der Landkreis Nordsachsen muss etwa 3,5 Millionen Euro im Jahr für die Grundsicherung aufwenden.
Bis zum Jahr 2020 soll die Zahl der aktuell 842 Betroffenen laut Pestel-Institut auf das Vierfache steigen. Eine Explosion der Kosten muss Nordsachsen dennoch nicht fürchten. Grund: "Die Finanzierung der Grundsicherung im Alter soll ab 2014 komplett vom Bund übernommen werden", so Sirrenberg.
Eine Folge der zunehmenden Altersarmut ist, dass sich ein Teil der Betroffenen seine jetzigen Wohnungen nicht mehr leisten können wird. "Wenn die Altersarmut im Landkreis Nordsachsen zunimmt, dann müssen wir über neue Wohnformen nachdenken. Das heißt konkret: kleinere, energieeffiziente und altengerechte Wohnungen für Senioren. Das spart Miete und Heizkosten", so Institutsmitarbeiter Günther. Bezahlbar seien für viele ältere Menschen, die alleine lebten, nur noch Wohnungsgrößen zwischen 30 und 40 Quadratmeter.