12. März 2011 Frank Pfütze (Leipziger Volkszeitung)

Biotec stellt Abfallbehandlung ein - Zweites Standbein wird zum ersten

Neubeginn unter denkbar schlechten Voraussetzungen


Pohritzsch. Eine Razzia bei der SDR Biotec Verfahrenstechnik Pohritzsch platzt voll in die Umstrukturierung des Betriebes. Geschäftsführer Jörg Schmidt ist aus dem Unternehmen ausgeschieden und mit 66 Jahren in den Ruhestand gegangen. Alleiniger Geschäftsführer ist jetzt sein bisheriger Partner Hans-Peter Richter (66). Das vor allem als Entsorger bekannte und in die Schlagzeilen geratene Unternehmen stellte am Freitag die Annahme von gefährlichen Abfällen komplett ein. Die Zukunft soll dem innovativen Bereich, der Entwicklung von neuen Produkten, gehören.
Die Razzia vom Freitag habe mit diesem Schritt nichts zu tun, sagte Richter. Wegen mutmaßlich illegaler Vorgänge in der Abfallbehandlungsanlage in Pohritzsch bei Delitzsch hat die Polizei länderübergreifende Durchsuchungen gestartet. Sie steht in Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Schmidt und Richter. Sie stehen im Verdacht, tonnenweise giftige Abfälle nicht korrekt behandelt und falsch deklariert auf Deponien geschafft zu haben (wir berichteten). Jörg Schmidt dementierte das am Freitag gegenüber der Kreiszeitung. "Wir sind ein sehr streng überwachtes Unternehmen. Alles, was Biotec erreicht und verlassen hat, war geprüft und behandelt. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Aber ich kenne auch unsere Gegnerschaft und deren Arbeitsweise. Momentan stehen wir ziemlich alleine da, weil es auch von behördlicher Seite keine Unterstützung gibt. Wir haben alles dokumentiert", sagte Jörg Schmidt auf Anfrage der Kreiszeitung.
Hans-Jörg Richter verwies darauf, dass die Qualität der Luft automatisch überwacht wird. Die eingehenden Abfälle werden jeweils gemäß spezifisch vorgesehenen Rezepturen zur Verwertung als Baustoffe in Deponiebereichen behandelt und können auf der Grundlage eigener und Analysen von zertifizierten Trendlabors auf Deponien mit ihren Annahmekriterien verbracht werden. Am 18. Februar 2011 erfolgte die Entscheidung, die Behandlung gefährlicher Abfälle einzustellen. Das Landratsamt Nordsachsen wurde am 21. Februar schriftlich informiert. Richter: "Nach der durchgeführten Durchsuchung habe ich eine Detailanalyse angeordnet, diese erfolgt nunmehr." Was wird aus der Abfallbehandlungsanlage? Richter: "Die Behandlung von Abfällen ist auf Grund immer schärferer Verordnungen und immer strengerer Gesetze für uns zu teuer geworden. Seit drei Monaten beeinflussen sie unser Betriebsergebnis stark negativ. Die Mitarbeiter machen seit dem 1. Februar Kurzarbeit. Ich habe mich aus wirtschaftlichen Gründen entschlossen, dieses Geschäftsfeld einzustellen. Ab Freitag nehmen wir keine gefährlichen Abfälle mehr an", so der Geschäftsführer noch zu Wochenbeginn. Der 66-Jährige blicke aber auch zufrieden und erleichtert zurück. "Abfallentsorgung ist wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Aber ich möchte auch nicht verschweigen, dass ich sehr froh bin, dieses Kapitel bald hinter mir zu haben, weil wir ja keine Chance hatten, etwas richtig zu machen. Die Abfallwirtschaft steht mit dem Rücken an der Wand, unter Beobachtung und Druck, es war am Ende eigentlich nur noch unerträglich. © Standpunkt

Biotec-Geschäftsführer Hans-Peter Richter sprach am Donnerstagabend vor den Neukyhnaer Gemeinderäten. Dort stellte er die Zukunft seines Unternehmens vor. Bereits am Dienstag präsentierte er seine Vorhaben in der LVZ-Redaktion. Es gibt mit der Entwicklung neuer Produkte schon lange ein zweites Geschäftsfeld. Mit 30 Mitarbeitern forscht Hans-Peter Richter seit zehn Jahren beispielsweise mit Textilglasfasern, mit textilen Strukturen, Leichtbauelementen für den Flugzeug-, Atomobil-, Schiffs- und Maschinenbau. Ziel sei die Einsparung von Treibstoffen (Benzin, Kerosin, Diesel) und Elektroenergie. Die neuen Produkte werden ausschließlich aus Naturstoffen wie Quarzsand hergestellt. Zur Herstellung solcher Fasern optimiert Richter in Pohritzsch eine Anlage und rüstet sie technisch um. In den nächsten Wochen, wenn die Kreditfrage beantwortet sei, gehe sie in Betrieb. Bund, Land und Europäische Union haben bereits in den vergangenen Jahren Forschung und Investitionen in Pohritzsch gefördert. SDR Biotec will in Zukunft vor allem auf dieses Geschäftsfeld bauen und die Entsorgung gefährlicher Abfälle komplett einstellen. "Wir haben seit langer Zeit vor, beide Geschäftsfelder zu verändern und wegzukommen von der gefährlichen Abfallentsorgung. Ich sehe unsere Zukunft in diesem innovativen Bereich", so Richter. Neben dem Standort Pohritzsch, der bestehen bleibt, soll ein zweiter auf dem Delitzscher Gewerbegebiet Südwest eröffnen. Voraussichtlich ab Frühjahr lässt Richter dort Gewebe, Garne und Fasern, die in Pohritzsch hergestellt werden, weiterverarbeiten. In Pohritzsch werden zukünftig ausschließlich nichtgefährliche Abfälle behandelt und zu Baustoffen weiterverarbeitet. Und auch das sei nur eine Übergangslösung. Denn mit der Herstellung von Baustoffen aus Glas, als Grundlage für den Straßenbau und die Wärmedämmung, entstehen völlig neue Betätigungsfelder. "Wir stellen Steine aus Schaumglas, Glasmehle für die Lack- und Kunststoffindustrie und Nano-Produkte für Hochleistungsteile her. Das sind Kunststoffe, die Festigkeit und Elastizität von Kunststoffen deutlich erhöhen", so Richter. Auch dazu werden neue Anlagen errichtet und noch in diesem Jahr in Betrieb genommen. So die Pläne, die von der Kreditvergabe abhängen. Richter: "Wir wollen bis Jahresende den Geschäftsbetrieb komplett umstrukturiert haben." Das Unternehmen suche sich auch einen anderen Namen. Die 60 Mitarbeiter behalten laut Geschäftsführer ihre Arbeitsplätze, weitere 16 sollen eingestellt werden. Richter sprach von fünf bis sechs Millionen Euro, die in diesen Umbruch fließen. In den nächsten Tagen laufen die abschließenden Verhandlungen mit den Banken. Richter habe ein gutes Gefühl, was die Zukunft seines Unternehmens angehe. pfü