30. Mai 2011 Frank Hörügel (Leipziger Volkszeitung)

Bürgerarbeit für Auserwählte

Nordsachsen beteiligt sich nicht an Projekt / Beschäftigung im Nachbarkreis Meißen schwierig

Oschatz/Riesa. Die beruflichen Hoffnungen von Antje Müller ruhen auf einem Wort: Bürgerarbeit. Beim Sportclub (SC) Riesa gibt es für die Oschatzerin über diese Bürgerarbeit den Bedarf als Kinderbetreuerin beim Schwimmtraining. Doch die Kreisgrenze zwischen Oschatz und Riesa könnte die Hoffnungen der 36-Jährigen auf eine Anstellung zunichte machen.
Seit vier Jahren ist Antje Müller nun schon ehrenamtlich als Übungsleiterin in der Abteilung Schwimmen beim SC Riesa im Einsatz. Im September 2010 ist die Oschatzerin arbeitslos geworden und würde nun gern über die Bürgerarbeit wieder beruflich Fuß fassen. "Beim SC Riesa hätte ich dafür gute Chancen", sagt die 36-Jährige optimistisch.
Die Geschäftsführerin des Sportclubs, Peggy Freytag, bestätigt diesen Eindruck: "Ja, wir haben bis jetzt Frau Müller in die Bürgerarbeit geplant und hoffen weiterhin auf einen positiven Bescheid." Die Oschatzerin würde dabei für gemeinnützige Tätigkeiten wie die Betreuung von Kindern bei den Schwimmkursen, ihre Beförderung von der Kindertagesstätte zur Schwimmhalle oder auch beim Vorbereiten von Wettkämpfen gebraucht. Laut Geschäftsführerin Freytag sollen insgesamt vier Stellen mit solchen Bürgerarbeitern besetzt werden.
Ob Antje Müller eine dieser Stellen bekommt, steht allerdings derzeit in den Sternen. Der Grund: Als Oschatzerin wird die 36-Jährige vom Jobcenter Nordsachsen betreut. Und Nordsachsen beteiligt sich nicht an dem Projekt Bürgerarbeit. Der Landkreis habe sich für eine Orientierung auf den ersten Arbeitsmarkt und nicht für einen subventionierten Marktersatz wie die Bürgerarbeit entschieden, nennt der Geschäftsführer des Jobcenters Nordsachsen, Frank Germer, einen der Gründe.
Der Nachbarlandkreis Meißen, zu dem Riesa gehört, setzt gegenüber dem Kreis Nordsachsen hingegen schon auf Bürgerarbeit. "Ich möchte arbeiten, würde beim SC Riesa eine Chance bekommen - und nun hängt alles an der Bürokratie", ärgert sich die betroffene Antje Müller. Aus ihrer Sicht könnte eine individuelle Lösung der Ausweg sein, auf die sich die Jobcenter Nordsachsen und Meißen in ihrem Fall verständigen sollten.
Der Jobcenter-Chef von Nordsachsen sieht das jedoch kritisch. "Bürgerarbeit wird nur modellhaft durchgeführt und ist daher nicht überregional vernetzt", so Frank Germer. Jedes Jobcenter werde daher versuchen, zuerst seine eigenen Leute unterzubringen. Eine weitere Schwierigkeit sei, dass der Bürgerarbeit eine sechsmonatige Aktivierungsphase voraus gehe. Erst wenn in dieser Zeit keine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt erfolgt sei, könne die Bürgerarbeit beginnen. Eine individuelle Lösung werde es deshalb "in der Praxis eher nicht" geben, so Jobcenter-Chef Germer.