Bad Düben. Über 400 Gäste - vor allem Männer - füllten am Dienstagabend den Saal des Bad Dübener Heide Spa. Nordsachsens Landrat Michael Czupalla (CDU) stimmte beim Neujahrsempfang des Landkreises optimistischen auf das neue Jahr ein. Ihm gelang es, mit Jürgen Hubbert einen hochkarätigen Festredner in Sachen Automobile zu gewinnen. In diesem Monat feiert das Automobil seinen 125. Geburtstag. Der Altkreis Delitzsch befindet sich in Nachbarschaft von BMW und Porsche. Die Sächsische Bläsersinfonie umrahmte den Festakt mit Märschen, den Slawischen Tänzen und Hymnen gewohnt klangvoll.
Wirtschaft, Sport, Fußball, die Siege auf Auto- und Skipisten, die kulturelle Ausstrahlung bieten für den Landrat wenig Grund zu meckern. Der Trend der wirtschaftlichen Entwicklung habe sich 2010 in Nordsachsen positiv gestaltet. Die Arbeitslosenquote erreichte den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, die Investitionsquote in den Unternehmen sei sehr hoch gewesen. Die Wirtschaftsförderung konnte so viele Fördermittelanträge bearbeiten, wie seit Mitte der 90er-Jahre nicht mehr. Czupalla begründete das mit der Tüchtigkeit der Unternehmen und ihrer Mitarbeiter, der Leistungsfähigkeit des Marktes und den richtigen Weichenstellungen der Politik.
Der Landkreis Nordsachsen habe umfangreiche Anstrengungen unternommen, die Haushaltssituation mittelfristig ausgeglichen zu gestalten. So konnten im Jahr 2010 Altfehlbeträge gedeckt werden. Czupalla sprach aber auch von "zukünftigen massiven Problemen bei der Finanzierung und beim Ausgleich des Haushaltes". Dies sei auf die rückläufige Finanzausstattung und aufsteigende Deckungsbeiträge bei den sozialen Leistungen zurückzuführen. Die Haushaltskonsolidierung bleibt ein Schwerpunkt.
Czupalla sei froh, dass es hier nur einen Dioxin-Verdachtsfall gab. Er kritisierte, dass Lebensmittel zur Billig- und Wegwerfware gemacht wurden. "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass zu Hause ein Stück Brot weggeworfen wurde. Solange eine Stunde Parken im Parkhaus mehr kostet als ein komplettes küchenfertiges Huhn, stimmt etwas nicht in unserem Land. Wir haben im Interesse unserer Kinder und unserer Gesundheit die verdammte Pflicht, endlich unser Verhalten zu ändern und die entsprechenden Lehren zu ziehen." Das neue Jahr halte aber auch Aufgaben der Infrastruktur, wie die B 87 neu, bereit, die schnell realisiert werden müssten.
Czupalla hofft, dass alle gesund bleiben, dass die gute Konjunktur noch mehr Arbeitsplätze schafft und viele Frauen und Männer aus Hartz-IV holt, dass sich die Menschen wohlfühlen. Das Wort des Jahres 2010 "Wutbürger" sei für ihn ein Unwort, er setze auf "Mutbürger". Wut sei wie Angst und ein denkbar schlechter Ratgeber für 2011. Czupalla verpasste aber auch der Talk-Offensive des öffentlich rechtlichen Fernsehens einen Seitenhieb: "Die ganze Welt lobt Deutschland. Und ich soll mir fast jeden Abend anhören, wie schlecht die Lage in unserem Land ist." Czupalla freut sich auf ein spannendes und interessantes Jahr 2011, auf die Fußfallweltmeisterschaft der Frauen in Deutschland und auch im Freistaat Sachsen.
Über die Herausforderung der Automobilindustrie referierte danach Jürgen Hubbert. Nach 40 Jahren Erfahrung sprach er davon, dass sich die Geschichte des Automobils dauerhaft verändern wird und die Autoindustrie eine Wachstumsbranche bleibt. In Deutschland kommen beispielsweise 550 Autos auf 1000 Einwohner, in Nordsachsen sind es 532. Dem stehen unter anderem Brasilien (103), China (60) und Indien entgegen. Russland sei der größte europäische Markt. Hersteller seien gefordert, ihre Produkte zu prüfen und an das Kaufverhalten anzupassen. Die Hersteller stünden unter dem Zwang, mit Blick auf Klimadiskussion und endlicher Ressourcen, bezahlbare Produkte anzubieten. "Wenn Kraftstoff 2,50 Euro pro Liter kostet, hätte das dramatische Folgen, weil sich viele Menschen Mobilität nicht mehr leisten könnten. Die Alternative heißt Elektrizität. Die Hersteller sind jedoch meilenweit davon entfernt, bezahlbare Elektroautos anzubieten. Die kommen nicht heute, nicht morgen, vielleicht übermorgen", so der Experte. 2010 waren nicht einmal 500 Elektroautos in Deutschland zugelassen. Alle befanden sich im Besitz der Herstellerfirmen. Bis 2020 sieht Hubbert zehn Prozent Elektrofahrzeuge auf den Straßen. Autos werden zukünftig vor allem verbrauchsärmer gebaut. Sicherheit spielt eine weitere Rolle. 1970 gab es noch über 21000 Verkehrstote, im vergangenen Jahr waren es erstmals unter 4000. "Ich bin sehr optimistisch über die Zukunft und Leistungsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie. Sie wird auch in Zukunft jedem siebten, achten Beschäftigten Arbeit geben", so Hubbert.
Jürgen Hubbert (geboren 1939 in Hagen) ist Maschinenbau-Ingenieur und Manager. Er war von 1998 bis 2005 Mitglied des Vorstands der damaligen Daimler-Chrysler AG und gehört zu den meistgefragten Fachexperten in Sachen Automobilbau auf der ganzen Welt. Er plante und begleitete den Ausbau des Sindelfinger Mercedes Benz Werkes. Im Jahr 1998 wurde er von der technischen Universität Karlsruhe mit einer Ehrenprofessur ausgezeichnet. Der 71-Jährige ist Stiftungsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Sporthilfe. Zudem hat er sich in der Stiftung zur Förderung der Semperoper Dresden engagiert und die Formel 1 seit 2010 erneut auf den Hockenheimring geholt. Ihm wurde 2004 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen. pfü