Nordsachsen (TZ/cw). Über die künftige Bedeutung der Generation „60+“ für die Kommunen kam TZ mit Professor Bernhard Müller, Direktor des Leibniz Instituts für ökologische Raumentwicklung Dresden und Mitglied der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (acatech) ins Gespräch.
Gibt es Hochrechnungen, wie viele Senioren ab 60+ in den kommenden Jahren im Freistaat gezählt werden?
Der Anteil an der Gesamtbevölkerung wird kräftig zunehmen. Liegt der Anteil der über 60-Jährigen in Sachsen gegenwärtig bei etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, so ist nach übereinstimmenden Angaben des Statistischen Bundesamtes und des Statistischen Landesamtes Sachsen bereits bis zum Jahr 2025 beziehungsweise spätestens 2030 mit einem Anstieg auf etwa 40 Prozent an der Gesamtbevölkerung zu rechnen. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Die Zahl der Einwohner, die über 60 Jahre alt sind, beträgt gegenwärtig etwa 1,25 Millionen. Im Jahr 2025 wird diese Zahl um 225 000 Menschen gestiegen sein. Und das bei einer zurückgehenden Gesamtbevölkerung in Sachsen von aktuell 4,17 Millionen auf 3,78 Millionen! Und der Anteil der Generation 60+ wird weiter steigen.
Aber nicht überall scheint die Entwicklung gleich zu verlaufen ...
Richtig. In Dresden liegt beispielsweise der Anteil der Generation 60+ derzeit bei etwa 27 Prozent und auch im Jahr 2025 wird er voraussichtlich noch unter 30 Prozent liegen. In absoluten Zahlen heißt das ein Anstieg von zur Zeit knapp 140 000 auf über 165 000 Menschen im Jahr 2025. Ähnlich ist die Situation in Leipzig. Die Zahl der über 60-Jährigen wird hier von 142 000 auf über 167 000 steigen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung steigt von 27,4 Prozent auf 31 Prozent. Ganz anders sieht die Situation in Chemnitz aus. Dort liegt der Anteil der Generation 60+ schon heute bei über 30 Prozent und 2025 wird er bei über 40 Prozent liegen, ein Anstieg von etwa 80 000 auf knapp 90 000 Menschen. Noch stärker wird sich die Situation in Torgau und im Landkreis Nordsachsen verändern. Von etwa 29 Prozent wird der Anteil der Generation 60+ auf etwa 42 Prozent steigen und damit über dem sächsischen Durchschnitt von 39 Prozent liegen. In Torgau sind das 1400 über 60-Jährige mehr als heute, im Landkreis Nordsachsen 17 600.
Wie wird sich das Leben in den Kommunen durch einen Anstieg der 60+ Generation verändern?
Zunächst einmal: Die Menschen leben heute wesentlich länger. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die Lebenserwartung bei Frauen 48 und bei Männern 45 Jahre. Heute haben Frauen eine Lebenserwartung von 82, Männer von 77 Jahren. Aber das Leben wird sich dadurch in den Kommunen wahrscheinlich weniger dramatisch verändern als man gemeinhin erwartet. Denn: Die älteren Menschen von heute und morgen sind nicht mehr die Alten, die wir aus unserer Kindheit kennen. Sie sind länger gesund und rüstig - und sie sind wesentlich aktiver. Man unterscheidet heute mit gutem Grund das dritte von einem vierten Lebensalter. Das dritte Lebensalter (etwa 60 bis 80 Jahre) ist im Wesentlichen eine aktive Zeit. Probleme setzen dann vor allem bei den Hochbetagten – im vierten Lebensalter – ein. Das bedeutet aber auch: Die rüstigen Alten sind ein riesiges und unschätzbar wertvolles Potenzial für die Kommunen. Man muss es aber auch erkennen können.
Welche Schwierigkeiten erwarten Sie, die von den Kommunen gemeistert werden müssen?
Natürlich werden Kommunen bei einem steigenden Anteil älterer Menschen vor neue Herausforderungen gestellt. Hierzu gehört unter anderem die Bereitstellung oder Gewährleistung von altengerechter Infrastruktur und altersorientierten Mobilitätsangeboten, von einer altengerechten nahräumlichen Versorgung mit Dienstleistungen des täglichen und mittelfristigen Bedarfs, oder von barrierefreien Wohnungen und eines barrierefreien Wohnumfeldes. Es geht aber auch um eine adäquate medizinische Versorgung, die Organisation von Betreuungsdienstleistungen und die Einrichtung von Begegnungsangeboten für Senioren. Dies macht Diskussionen über die Veränderung von Prioritäten erforderlich, neue Organisationskonzepte, beispielsweise neue Formen der Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Trägern werden notwendig, langlebige baulich-technische Strukturen müssen angepasst werden. Und all dies ist mit teilweise erheblichen Kosten verbunden. Aber: Eine Verbesserung kommt letztendlich allen Einwohnern zugute.
Görlitz gilt als Musterbeispiel für „60+“. Was halten Sie davon?
Görlitz ist dabei, aus der Not eine Tugend zu machen. Görlitz hat viele Einwohner verloren. Und der Trend setzt sich fort. Es bleiben vor allem die älteren Menschen. In einer solchen Situation liegt es nahe, sich an vergangene Zeiten zu erinnern. Denn schon vor mehr als 100 Jahren war Görlitz als „Pensionopolis“, das heißt als Altersruhesitz für Beamte und ein gehobenes Bildungsbürgertum bekannt. Man wirbt heute wieder darum, dass ältere Menschen in die Stadt ziehen. Ein wunderschönes Ambiente sowie niedrigere Wohn- und Lebenshaltungskosten sprechen für sich. Interessenten können zum „Probewohnen“ kommen, ein hochinteressantes Projekt. Es gibt viele Städte in Deutschland, denen es gelungen ist, Menschen im Alter zu einem Umzug zu bewegen. Ob die Rechnung in Görlitz aufgeht, ist heute noch nicht zu sagen. Bewundernswert ist die Beharrlichkeit, mit der man in der Stadt auf die Chancen des Zuzugs Älterer setzt und entsprechende Voraussetzungen schafft. Sicherlich wird ein langer Atem notwendig sein.
Ist der Anstieg der „60+“-Generation eher Last oder Chance für Kommunen?
Die Antwort ist eindeutig. Der Anstieg ist weitaus mehr Chance als Last. Allerdings nur dann, wenn man früh reagiert. Nehmen wir das Ehrenamt als Beispiel: Erinnert sich eine Stadt erst dann an ihre älteren Menschen, wenn sie das 60. Lebensjahr – im Übrigen eine völlig unsinnige, rein statistische Grenze, die nichts über die Menschen und ihre Fähigkeiten im Alter aussagt – überschritten haben und bietet sie ihnen, die ja im Ruhestand mehr Zeit haben werden, lediglich Hilfstätigkeiten im Ehrenamt an, für die sich sonst niemand findet, dann kann sie nur Schiffbruch erleiden. Wichtig ist, Menschen frühzeitig – schon in der Jugend – für das Ehrenamt zu interessieren. Nur dann hat man Chancen, dass auch im Alter Sinnvolles entsteht, und zwar ohne zu viel Zutun einer Gemeinde- oder Stadtverwaltung. Auch Seniorenbeiräte bieten nicht die Lösung, denn im Allgemeinen sind ältere Menschen in den Gemeinde- und Stadträten nicht unbedingt unterrepräsentiert. Wir müssen also umdenken: Nicht die altengerechte Kommune ist gefragt, sondern die alternssensible, die frühzeitig Veränderungen des Alterns einkalkuliert und langfristig vorsorgt.
Wie können die Kommunen von der „60+“-Generation profitieren?
Die Palette ist breit. Hier sind nur einige Beispiele zu nennen: Einwohner sind Nachfrager, unabhängig davon, welches Alter sie haben. Die lokale Wirtschaft kann von ihnen profitieren. Und vielerorts ist die Kaufkraft älterer Menschen nicht unerheblich. Neue Wohnformen bieten Innovationspotenziale. Neue Dienstleistungen für Ältere, beispielsweise mobile Dienste, können entstehen. Und nicht zuletzt: Zeit, Arbeitskraft, Erfahrung, Ideenreichtum. All dies sind hervorragende Voraussetzungen für das Ehrenamt. Von all dem können Kommunen aber nur dann profitieren, wenn ihre Politik von Alternssensibilität geprägt wird, das heißt Sensibilität für das Altern. Dies fängt auch schon bei den jüngeren Generationen an. Das heißt auch: man braucht eine kommunale Strategie, wie man mit den Herausforderungen und Chancen des Alterns umgehen will. Einige Städte in Deutschland, zum Beispiel Baden-Baden oder Radevormwald, sind auf diesem Weg schon sehr weit gekommen.
Zur Person:
Prof. Bernhard Müller ist 58 Jahre alt; Geograph und Planungswissenschaftler; Professor für Raumentwicklung an der TU Dresden; Sprecher der Dresden Leibniz Graduate School, die sich mit Fragen des demographischen Wandels beschäftigt; Mitautor des Buches „Altern in Gemeinde und Region“, Nova Acta Leopoldina N. F., 2009.