Leipzig. Der Freistaat Sachsen hatte jederzeit die Möglichkeit, den umweltschädlichen Betrieb einer Abfallanlage in Pohritzsch zu beenden. Das sagt Bernhard Voll, einstiger Umweltamtschef des Landratsamts Nordsachsen. Voll wehrt sich gegen die Vermutung, sein Amt habe das Treiben der S.D.R. Biotec zu lange geduldet.
Ein Schicksalstag hat die Arbeit im Umweltamt Nordsachsens verändert: Der 1. August 2008. "Damals bekamen wir hunderte Anlagen in unseren Zuständigkeitsbereich überwiesen", erinnert sich Bernhard Voll. Eine Verwaltungs- und Strukturreform verteilte Kompetenzen auch im Umweltschutz von der Landesdirektion an Landratsämter. Seit August 2008 sind Volls Leute auch für die S.D.R. Biotec Pohritzsch zuständig. Der Abfallbehandler gab vor, schwermetallhaltige Industrierückstände in sauberen Müll zu verwandeln, der billig auf Deponien landen kann. Mittels Immobilisierung - also dauerhafter Bindung der Giftstoffe. Die Genehmigung hatte die Landesdirektion erteilt. Ob ein Beweis erbracht wurde, dass das Verfahren wirklich klappt, kann die Behörde nicht mehr rekapitulieren. Die Akten sind nicht mehr im Hause.
Heute ist klar: Die Zauberformel für diese Metamorphose funktioniert nur im Labor. Im Industriemaßstab ist sie so unreal wie Miraculix' Zaubertrank für die Supergallier Asterix und Obelix. Märchenhaft, aber unwahr. Längst ermittelt die Staatsanwaltschaft. Behörden prüfen, ob schwermetallhaltige Abfälle auf Deponien umgebettet werden müssen.
Für Bernhard Voll und die Leute vom nordsächsischen Umweltamt ging es zuerst nur um Staub. Um viel zu viel Staub. Anwohner klagten über schmutzige Straßen und ergraute Gärten. Die Werte der betrieblichen Messstationen waren zwar alle im grünen Bereich. Proben in der Umgebung sagten indes anderes aus. Sie zeigten auch hohe Schwermetallwerte. Voll rückte mit seinen Leuten an. "Wir stellten fest, dass entgegen der Genehmigung bis zu 300 Grad heiße Industrieasche angenommen und möglicherweise unter freiem Himmel abgekippt wurde", erinnert sich Voll. Das könnte die Umgebung eingenebelt haben. Außerdem schleppten Laster die Asche über ihre Reifen ins Umland. Das Umweltamt beauflagte das Unternehmen mit der Entnahme von Bodenproben, es forderte eine LKW-Waschanlage und die Reinigung der Straßen.
Bernhard Volls Leute rückten auch aus, um zu kontrollieren, ob Biotec tatsächlich giftigen in sauberen Abfall verwandeln konnte. "Die Werte waren immer okay." Es gab keine Veranlassung an der Rechtmäßigkeit des Verfahrens zu zweifeln. "Dennoch fragten wir im Laufe des Jahres 2009 nach: Wie funktionierten das Verfahren eigentlich." Die Geschäftsführer schickten Papierstapel pfundweise in die Behörde. Es sollte den Experten vom Amt wohl die Lust an der Recherche nehmen. Doch die knieten sich rein und stellten fest: Hier stimmt was nicht. Einige der angenommenen Stoffe hatten so einen hohen Schwermetallanteil, dass sie nach allen Regeln der Chemie gar nicht als ungefährlicher Abfall aus der Anlage gehen konnte. Es sei denn, er wäre verschnitten worden. Was verboten ist. Warum dennoch Kontrollen nie auffällige Werte ergaben, kann sich Bernhard Voll bis heute nicht erklären. Die Spur des Bleis verlor sich immer wieder.
Doch man war stutzig geworden. Da gab es im Umgang mit den Biotec-Chefs immer mal Ärger. Da musste schon mal ein Zwangsgeld verhängt werden, wenn die Kontrolleure nicht aufs Firmengelände gelassen wurden. Warum so ein Theater, wenn alle Proben sauber waren? Gleichzeitig tobte die Öffentlichkeit. Die Deutsche Umwelthilfe probte selbst und verdächtigte die Behörde mindestens indirekt der Vertuschung. Auch die Opposition im Landtag mutmaßte ein Wegsehen der Kontrolleure. Außerdem werden den Biotec-Leuten gute Kontakte in die Politik nachgesagt. Die CDU traf sich prompt zum gemeinsamen Verzehr von Spargel aus der Region. Alles sauber, da wollen wohl Hysteriker ein Unternehmen platt machen, sollte das heißen. Und zwischen allen Stühlen die Umweltkontrolleure.
Da muss man sich absichern. Um nicht unberechtigt Schicksal über bis zu 60 Arbeitsplätze zu spielen. Aber man darf nicht kapitulieren. Bernhard Voll gab zwei Gutachten in Auftrag. Eines sollte das Verfahren bewerten. Es fiel nicht gut aus für Biotec. Ein anderes den Rechtsweg klären. Das gab Sicherheit. Am 22. Januar 2010 erließ das Landratsamt eine Anordnung, die dem Unternehmen die Annahme der gefährlichsten Stoffe untersagte. "Dagegen gab es ein wüstes verbales Anrennen, aber keinen juristischen Widerspruch." Und immer mal schickten Deponien aus Pohritzsch kommendes Material zurück, weil die Eingangsproben zu viel Schwermetall entdeckt hatten.
So wie an den Straßen in Pohritzsch. Heute lässt sich die dortige Schwermetallkonzentration erklären. Laster, die giftige Asche lieferten, konnten kein Material mit Blei, Cadmium und Zink verloren haben. Die waren dicht. Aber beim Abtransport auf die Deponien rieselte Material von den Brummis. Dann galt der Abfall ja als sauber. Doch saurer Regen und mit Streusalz getränkter Boden wuschen die Schwermetalle wieder aus. Ein Beweis, dass das Verfahren nicht funktionierte. Und eine Warnung, dass genau das in den nächsten Jahren auf den Deponien passieren könnte. In Pohritzsch wurde vor dem Hoftor aus vermeintlich harmlosem Müll wieder giftiger Abfall.
Bernhard Voll ist heute im Vorruhestand. Er redet, weil er die Verdächtigungen, er habe einen Skandal gedeckt, nicht auf sich sitzen lassen will. Er wurde seinerzeit auch nicht krank, weil er sich vom Acker machen wollte, sondern hatte eine schwere Bronchitis. Er will sagen: Im Umweltamt wurde nichts vertuscht. Eine Behörde mutet mitunter behäbig an, dafür arbeitet sie gewissenhaft. Seine Leute sind drangeblieben und haben dem Treiben der Firma letztlich ein Ende gesetzt. "Die Frage ist: Musste das fünf Jahre dauern", denkt er laut und fügt noch einen Satz an: "Der Freistaat hätte die ganze Sache stark verkürzen können." Mehr sagt er nicht. Den Rest sollen andere klären.