21. Oktober 2011 Alexander Bley (Leipziger Volkszeitung)

Drei Fragen an Thomas Krönert, Vorsitzender der Nabu-Fachgruppe Eilenburg


Naturschutz kontra Tourismus - Vereinigte Mulde - Strikter Kurs und stichhaltiges Konzept vorgeschlagen

Von Alexander Bley
Eilenburg/Bad Düben. Noch bis Ende Oktober kann der wohl schönste und natürlichste Abschnitt der Mulde - zwischen Eilenburg und Bad Düben - per Boot erkundet werden. Danach verwandelt sich dieser Abschnitt in eine absolute Naturschutzzone, deren Wasserweg, Ufer- und Auenbereiche nicht betreten werden dürfen. Erst am 16. Juli dürfen Bootsfahrer per Kanu wieder die Natur bewundern.
Diese Thematik birgt Zündstoff: Naturschutz gegen sanften Tourismus. Fakt ist, dass die Mulde zwischen Eilenburg und Bad Düben den Status Naturschutzgebiet (NSG) Vereinigte Mulde trägt, nach europäischem Recht als Flora-Fauna-Habitat (FFH) aber auch als Vogel- und Landschaftsschutzgebiet gilt. Mit "herausragender landesweiter Bedeutung", heißt es in dem Heft "Naturschutzgebiete des Freistaates Sachsen", dass im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landwirtschaft 2008 erstellt worden ist. Dagegen bleibt die Bedeutung des NSG " ... hinsichtlich herausragender Vorkommen gefährdeter Pflanzenarten hinter der der Schutzgebiete in den anderen großen nordwestsächsischen Auen zurück." Fakt ist aber auch, dass das landschaftlich reizvolle Gebiet für sanften Wassertourismus äußerst interessant ist, Bootsvermieter in dem dreieinhalbmonatigem Zeitfenster Touren anbieten.
Ginge es nach Naturschützern, sollte die menschliche Nutzung weiter eingedämmt werden. Neben den Bootsfahrern stehen Quad- und Crossfahrer, Angler, Picknicker und Partyveranstaltende zu Wasser und zu Lande im Visier der Beobachter. "Aber auch Schäferstündchen werden abgehalten", berichtet Giso Damer, Naturschutz-Sachgebietsleiter des Landratsamtes (LRA) Nordsachsen. Rückendeckung bekommt er dabei von Thomas Krönert, Vorsitzender der Nabu-Regionalgruppe Karl August Möbius aus Eilenburg. Krönert dokumentierte 2007 fotografisch Verfehlungen jedweder Art. Den rigorosen Kurs begründet Damer wie folgt: "Wenn die Kiesheger betreten werden, ist das für die brütenden Vögel tödlich." Obwohl die Schutzmaßnahmen seit Jahren gelten, sollen von Flussuferläufer und Flussregenpfeifer keine Küken schlüpfen. "Wir haben keine nachgewiesene Reproduktion", sagt der Naturschutzsachgebietsleiter des LRA. "Es ist normal, das mal eine Brut schief geht, aber nicht alle", schob er nach.
"Uns für den Rückgang der Gelege verantwortlich zu machen, ist totaler Unfug", entgegnet Veit Fünfstück, Mulde-Kanu-Tourenanbieter, sichtlich aufgebracht. "Wir schätzen den Naturschutz, gerade deswegen ist die Strecke so reizvoll. Das Partyvolk fährt woanders", fügt der sonst eher ruhige Vertreter und leidenschaftlicher Kanute aus Bennewitz an. "Die sanfte Lenkung des Tourismus hat hier keiner erkannt", holt Fünfstück aus.
Bisher seien alle An- und Ablegestellen in Eilenburg und Bad Düben Übergangslösungen und vor allem aus der Not geboren. Zudem fehlten Anlaufpunkte, wo die Paddler rasten könnten. Einzig in Gruna kann angelegt werden. Danach gibt es bis zum Muldestausee weit und breit keinen Rastplatz. "Im sanften Tourismus liege ein immenses Potenzial, das bisher nicht erkannt wurde", kritisierte der Bennewitzer weiter, "gerade aus den Alten Bundesländern gibt es viele Anfragen, die von der Quelle bis zur Mündung reisen wollen." Daher schlägt er vor, gemeinsam am grünen Tisch ein stichhaltiges Konzept zu stricken. Denn wie soll Schützenswertes geschützt werden, wenn keiner eine Vorstellung davon hat? © Standpunkt/Seite 18

Der Mulde-Abschnitt zwischen Eilenburg und Bad Düben gilt als eine der schönsten Flusslandschaften. Was macht diesen aus und warum ist er so schützenswert? Hydromorphologisch ist dieses Stück am besten erhalten, also sehr naturnah. So können Tiere unterschiedlichste Lebensraumtypen nutzen, beispielsweise Kiesheger, Kiesbänke, Steilwände und Auen. Gerade bei Vögeln gibt es eine besonders hohe Brutdichte geschützter Arten. So gibt es unter anderem Eisvögel, Uferschwalben, seit ein paar Jahren auch wieder den Bienenfresser sowie Fisch- und Seeadler als Nahrungsgäste. Außerdem lebt die Flussuferwolfspinne im Kies. Aus diesem Grund ist die Mulde in diesem Bereich nur gut drei Monate lang befahrbar. Obwohl das Zwischenstück in der Brutphase geschützt wird, sollen die Brutgelege rückgängig sein. Wie ist das erklärbar? Mir selbst liegen diese Zahlen nicht vor. Aber die Bootsfahrer halten sich trotz guter Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinden und Tourismusverbände nicht an die Fahrverbote. Es wird nicht nur dagegen verstoßen, außerdem werden die Kiesheger betreten und so die Brut gestört. Aber auch Eier zertreten, etwa die des Flussregenpfeifers. Sie legen diese direkt zwischen die Kieselsteine und sind außerdem von diesen kaum zu unterscheiden. Und jahreszeitliche Schwankungen bei den Gelegen und der Brut gibt es auch. Dennoch stellt sich die Frage, wie die Mulde touristisch besser genutzt werden kann und wie sich Naturschutz mit Tourismus vereinbaren lässt ... Es gibt drei offizielle Anlegestellen. In Eilenburg, in Gruna und in Bad Düben. Ich schlage eine professionelle Schutzgebietsbetreuung, wie etwa im Nationalpark Sächsische Schweiz, vor. Aber dazu kann sich der Freistaat nicht durchringen. Einen festangestellten Schutzgebietsbetreuer, um nicht Ranger zu sagen, würde ich mir wünschen. Einer der täglich prüfen könnte, ob die Richtlinien eingehalten werden. Gern auch mit weitreichenderen Kompetenzen. Interview: Alexander Bley