Neuregelung der Arbeitsmarktes wird in der Region eher als Chance denn als Bedrohung empfunden
Torgau/Nordsachsen (TZ). Die seit Montag geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit für weitere acht osteuropäische Staaten wird in der hiesigen Region entspannt gesehen. „Keine Proteste, keine Hilferufe, kein gesteigerter Beratungsbedarf“, resümierte Oliver Klaus, der die Handwerkskammer (HWK) zu Leipzig und damit eine Vielzahl von Betrieben in der Region Torgau vertritt. Auch Reinhard Eggert, Geschäftsführer des Regionalbauernverbands Torgau, wird in diesen Tagen nicht von Anfragen überrollt. Die Industrie- und Handelskammer zu Leipzig (IHK) schätzt ein: „Realistisch ist aus unserer Sicht, dass aufgrund der räumlichen Nähe vor allem die grenznahen Gebiete der Regionen Dresden und Chemnitz für Arbeitnehmer aus Tschechien und Polen interessant sein werden. Für die Region Leipzig rechnen wir mit einem geringeren Aufkommen“, so Präsident Wolfgang Topf.
Befürchtungen, die Öffnung des Arbeitsmarktes gen Osteuropa könne hiesige Arbeitsplätze gefährden, sieht keiner der Befragten. Der IHK-Präsident erkennt „mehr Chancen als Risiken.“ Mit dem Wegfall der bisher geltenden Beschränkungen sei die Hoffnung verbunden, „dass damit ein Teil des Fachkräftebedarfs in Sachsen gedeckt werden kann.“ In der Konjunkturumfrage der sächsischen Industrie- und Handelskammern zum Jahresbeginn 2011 hätten etwa 13 Prozent der sächsischen Firmen angegeben, dieses Potenzial 2011 und 2012 nutzen zu wollen. „Zuwanderung ist zwar kein Allheilmittel, muss aber neben den notwendigen Maßnahmen zur Ausschöpfung des hiesigen Fachkräftepotenzials Bestandteil einer schlüssigen Gesamtstrategie sein“, so Wolfgang Topf.
Aus Sicht der Landwirte entfaltet die Neuregelung vor allem als Bürokratiekiller ihren Charme. Insbesondere Gemüsebaubetriebe, aktuell ist Spargelsaison, setzen bereits seit Jahren auf osteuropäische Saisonarbeitskräfte. Laut Reinhard Eggert müssen diese Betriebe von nun an mit weniger Bürokratie kämpfen.
Dass der Anteil ausländischer Arbeitskräfte in der Landwirtschaft nun enorm steigen wird, glaubt Eggert nicht. „Ihr Anteil wird sich weiter in Grenzen halten. Unsere Betriebe sind lokal ausgerichtet und können ihren Arbeitskräftebedarf in der Region decken.“ Allerdings wird es bei der Besetzung von Lehrstellen eng, räumt er ein. Dennoch habe sich bislang kein Unternehmen mit dem Anliegen gemeldet, osteuropäische Azubis anzuwerben.
Auch die Handwerksbetriebe der Region würden derzeit nicht händeringend nach polnischen Fachleuten suchen, sagt Oliver Klaus. „Für uns gilt grundsätzlich, dass gut ausgebildete Fachleute gebraucht werden und gern gesehen sind. Unser Schwerpunkt ist aber die Qualifikation des bestehenden regionalen Potenzials und die Gewinnung qualifizierten Nachwuchses.“ Hier klafft derzeit eine Lücke von rund 200 Stellen, die in der Region Leipzig derzeit nicht besetzt sind. Noch, so Oliver Klaus, würden die Betriebe mit ihrem aktuellen Personal auskommen und hätten gut zu tun.
Eine Überschwemmung mit osteuropäischen Kräften befürchtet er nicht. In Anbetracht des inzwischen auch dort gestiegenen Lebensstandards sei es eher wahrscheinlich, dass deutsche Unternehmen in Polen Aufträge annähmen.
Wenig übrig für die Kritiker der Arbeitnehmerfreizügigkeit hat IHK-Präsident Wolfang Topf. Befürchtungen um einen größeren Konkurrenzdruck für die hiesigen Unternehmen, ihre Beschäftigten und die Arbeitslosen hält er für unnötige Panikmache. „Im Gegenteil, aufgrund der schon jetzt in einigen Schlüsselbereichen bestehenden Fachkräftelücke in Deutschland, zum Beispiel beim ingenieurtechnischen Personal, bei Pflegefachkräften und bei Ärzten gerade im ländlichen Raum, ist die Arbeitsmarktöffnung volkswirtschaftlich sinnvoll.“ Drei Gründe verhindern laut Topf darüber hinaus das Kritiker-Szenario einer Arbeitsmarkt-Übersättigung: Erstens entwickle sich die demografischen Situation der östlichen Nachbarn ähnlich der deutschen. Zweitens gebe es auch in den mittel- und osteuropäischen Ländern bereits spürbaren Fachkräftebedarf. Drittens weise Ostdeutschland ein vergleichsweise niedrigeres Lohnniveau auf. Und das hat sich inzwischen bis nach Osteuropa herumgesprochen.
Während Bauernverband und HWK kaum Anfragen zur neuen Gesetzlichkeit klären müssen, haben sich bei der IHK die Nachfragen von Seiten der Unternehmer in den letzten Wochen deutlich erhöht. „Angesicht der zunehmenden Probleme bei der Arbeitskräfterekrutierung ist jede Option, die sich dafür eröffnet, willkommen. Deshalb wird die Freizügigkeit vom Gros der Wirtschaft mittlerweile eher als Chance gesehen als noch zum Beitrittszeitpunkt der Mittel- und Osteuropäischen Länder im Mai 2004“, fasst Wolfgang Topf zusammen.