24. Mai 2011 Eileen Jack (Torgauer Zeitung)

Erschließungsfunktion nicht unterschätzen

Nordsachsen/Torgau (TZ). Vierspurig soll sie werden die B 87n. Darüber sind sich Kommunalpolitiker und Unternehmen in Nordsachsen einig. Dies wollen sie am 20. Juni auch gegenüber den Entscheidungsträgern aus dem Bundesverkehrsministerium präsentieren. Bei diesem Vor-Ort-Termin wird auch Konrad Theobald, Geschäftsführer des Torgauer Kraftverkehrs zugegen sein, ebenso wie am 8. April beim Gespräch mit Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer in Berlin. TZ sprach mit dem Torgauer Unternehmer über seine Ansichten, das Projekt B 87n betreffend.

TZ: Herr Theobald, sie sind ein starker Verfechter der vierspurigen B 87n, warum?
Konrad Theobald:
Da muss ich ein wenig weiter ausholen und feststellen, dass sich die Politik prinzipiell einmal zum Thema Mobilität äußern muss.
Wie meinen sie das?
Nun, Mobilität ist heute unverzichtbar. Das geht los bei einem Arbeitslosen, von dem wir erwarten, dass er eine Strecke von mindestens 50 Kilometern problemlos zurücklegt, wenn er arbeiten will. Dann denke ich an die zahlreichen Schulschließungen, die von den Schülern Mobilität abfordern. Gleiches gilt für die Schließung von Arztpraxen, Geschäften und vielem mehr. Zudem hat sich das Einkaufsverhalten der Leute drastisch geändert.
Inwiefern hat das mit dem Projekt der B 87n zu tun?
Viele bestellen im Internet die unterschiedlichsten Produkte, die schließlich auch geliefert werden müssen. Jedes Paket, egal von welchem Versandhaus, kommt über die B 87 nach Torgau. Ja, auch die Torgauer Zeitung, die in Leipzig gedruckt wird, muss über die Straße nach Torgau gebracht werden. Wir produzieren Verkehr in allen Bereichen des Lebens und das ist ja offensichtlich auch so gewollt. Im Gegenzug fehlt es aber an den entsprechenden Voraussetzungen.
Also einer vierspurigen Bundesstraße für die Region?
Nicht nur das. Welche Möglichkeit haben wir denn auf dem Land. Nehmen wir ein Beispiel: In Leipzig wird die Umweltzone eingerichtet. Entsprechend wäre es für die Torgauer am einfachsten, mit der Bahn nach Leipzig zu fahren. Die aber kürzt und streicht zahlreiche Verbindungen. Da fehlt mir einfach der rote Faden. Und schließlich wird noch gesagt, dass auch eine vierspurige Bundesstraße nicht gebaut wird.
Und das ärgert sie.
Natürlich. Die Politik ignoriert die Entwicklungen, die ich eingangs nannte und macht den Bau der B 87n von einer Zahl von 12 800 Fahrzeugen pro Tag abhängig. Doch vor dem von mir dargestellten Hintergrund ist diese prognostizierte Zahl völlig unrealistisch. Die Zahl der Fahrzeuge wird in den nächsten Jahren steigen, das ist doch ganz logisch.
Warum ist das logisch?
Bleiben wir bei der Wirtschaft. Hier herrscht heutzutage eine Arbeitsteilung. Es gibt kaum ein Unternehmen, dass vom Roh- bis zum Endprodukt alles selbst fertigt. Und das zieht ein ungeheures Transportaufkommen nach sich. Ähnlich ist das im Lebensmittelhandel. Kurz: Die B 87 ist schon jetzt eine Lebensader in Richtung Autobahnnetz, in Richtung Leipzig und zudem die einzig leistungsfähige Elbquerung auf einer Strecke von 50 Kilometern.
Moment, was ist mit Mühlberg?
Die Brücke ist nicht leistungsfähig, weil sie irgendwo im Nirvana endet, keine richtige Anbindung hat.
Das Schlagwort „Erschließungsfunktion“ ist in vielen Gesprächen rund um die B 87n gefallen. Was hat es damit auf sich?
Wenn wir vom Leuchtturm Leipzig/Halle profitieren wollen, dann müssen wir innerhalb von maximal 30 Minuten an der Autobahn sein. Bisher allerdings sind wir der Raum in Deutschland, der die weitesten Wege bis zu einer Autobahn hat. Allein deshalb hätte die vierspurige B 87n eine erschließende Funktion. Und eben die ist nicht eins zu eins auf die Zahl der Fahrzeuge umzulegen.
Die lauteste Forderung der Torgauer ist die nach einer Ortsumgehung. Weshalb ist die so wichtig?
Unter anderem deshalb, weil es der Bund nicht schafft, die seit Jahren marode und deshalb in ihrer Traglast eingeschränkte Brücke über die Bahnlinie in der Eilenburger Straße zu sanieren, geschweige denn neu zu bauen. Der gesamte Schwerlastverkehr führt quer durch die Stadt über die Warschauer Straße, wird durch drei zusätzliche Ampeln in seinem Fluss gebremst. Hier muss sich endlich etwas ändern.