Nordsachsen (TZ). Voll und ganz steht die Industrie- und Handelskammer zu Leipzig hinter der Forderung nordsächsischer Politiker und Unternehmer nach einer vierspurigen B 87n. Auch deshalb entsendete sie Frank Hahn als Vertreter zum Gespräch mit Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer am 8. April in Berlin. TZ sprach im Nachgang mit Wolfgang Topf, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Leipzig
TZ: Frank Hahn als Vertreter der IHK Leipzig hat Minister Ramsauer beim Vor-Ort-Gespräch Erinnerungsstücke überreicht. Worum genau handelte es sich dabei?
Für die Antwort müssen wir ein Stück zurück in die Vergangenheit gehen: Am 24. April 2004 hatte das „Aktionsbündnis A 16“ eine symbolische Grundsteinlegung am Stern bei Torgau für den Bau der A 16 vollzogen. Landräte, Bürgermeister, Abgeordnete des Deutschen Bundestages und des Sächsischen Landtages, Vertreter der IHK und HWK zu Leipzig und ihre Mitgliedsunternehmen sowie Bürger aus den damaligen Landkreisen Delitzsch, Torgau-Oschatz und Herzberg demonstrierten damit ihren Willen für eine Verbesserung der Straßenverbindung zwischen der A 14 bei Leipzig und Brandenburg. Am 3. Mai 2004 war das Aktionsbündnis in Berlin mit Vertretern des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages im Gespräch. Mit dem Ergebnis, dass eine vierspurige B 87n von der A 14 bei Leipzig bis Brandenburg den Einzug in den Bundesverkehrswegeplan fand. Entsprechende Bilddokumente zu beiden Terminen wurden Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer am 8. April 2011 übergeben. Damit ihm Grundsteinlegung und Treffen positiv in Erinnerung bleiben, gab es für seinen Schreibtisch eine „Kursächsische Postdistanzsäule“ aus Elbsandstein – wechselseitig beschriftet mit A 16 und B 87.
Was hat der Besuch in Berlin aus Ihrer Sicht gebracht?
Der Bundesverkehrsminister denkt neu über das Projekt B 87n nach. Die Vertreter des Bundesverkehrsministeriums haben zugesagt, nach Torgau zu kommen. Es liegt an uns allen, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen.
Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach der Bau der B 87n in der vierspurigen Variante und mit sämtlichen Ortsumgehungen?
Dieses Straßenbauvorhaben ist von herausragender Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in der Region. Die Bundesautobahnen BAB 9, BAB 14 und BAB 38 und künftig die BAB 72 decken die westliche, nördliche und südliche Verkehrserschließung ab. Eine direkte östliche Achse fehlt im System der überregionalen Straßennetze und stellt eine entscheidende Infrastrukturlücke dar. Da eine Vielzahl der unternehmerischen Aktivitäten der Region auf die Märkte im Osten Europas ausgerichtet ist, benötigt die Verkehrsachse Leipzig – Cottbus/Frankfurt (Oder) dringend eine Aufwertung. Nur so kann die regionale Erschließung von Standorten wie zum Beispiel Eilenburg, Torgau und Herzberg wesentlich verbessert werden.
Und das ist mit der aktuell existierenden B 87 nicht zu schaffen?
Die B 87 in ihrer jetzigen Form kann die Anforderungen der regionalen Wirtschaft auf Dauer nicht mehr erfüllen. Dies belegen auch die Ergebnisse der aktuellen Studie der renommierten PTV Planung Transport Verkehr AG Dresden im Auftrag der IHK Cottbus. Demnach würde mit einem Ausbau der B 87 die Verbindung zwischen den Oberzentren Leipzig, Frankfurt (Oder) und Cottbus gestärkt. Gegenüber der heutigen Ausbauqualität verringert sich die Reisezeit im Falle einer vierspurigen Bundesstraße B 87 zwischen Leipzig und Frankfurt (Oder) um mehr als eine Stunde auf etwa zwei Stunden und 20 Minuten. Sowohl der Transitverkehr als auch der Regionalverkehr profitieren von der schnellen Verbindung. Die Reisezeiteinsparungen zwischen den Mittelzentren Eilenburg, Torgau, Herzberg, Lübben und Beeskow betragen durchschnittlich 15 Prozent.
Mit welchen Beeinträchtigungen müssen die Unternehmen momentan leben und kämpfen? Welche Unternehmen sind besonders betroffen von den aktuell widrigen infrastrukturellen Bedingungen?
Die Unternehmen im Torgauer Raum, insbesondere aus der verarbeitenden Wirtschaft (zum Beispiel Glas/Keramik/Photovoltaik) benötigen dringend eine effektivere Verkehrsanbindung zur Autobahn. Über eine Stunde Fahrzeit bis zur nächsten Autobahn wird als wesentlicher Standortnachteil empfunden. Das Risiko von Betriebs- und Investitionsverlagerung aus dem Raum nimmt zu, wenn die Standortnachteile sich nicht verbessern oder gar verschlechtern.
Was muss sich konkret ändern?
Wir brauchen Konsistenz bei den Rahmenbedingungen zur Planung und Finanzierung der B 87n. Die Verwaltung muss eine straffe Planung sicherstellen, bei der sie sowohl die Bürger als auch die Wirtschaft kontinuierlich beteiligt. Wir brauchen möglichst einen breiten Konsens zur B 87n bei allen Bundes- und Landtagsabgeordneten der Region.
Wäre auch die vom Bundesverkehrsministerium in Aussicht gestellte dreispurige Variante aus Sicht der IHK Leipzig tragbar?
Die dreispurige Variante ist volkswirtschaftlich betrachtet nicht akzeptabel. Nicht umsonst hatte das Bundesverkehrsministerium sich noch vor einigen Jahren vom Bau dreistreifiger Bundesstraßen verabschiedet. Außerdem sollten Eingriffe in Natur- und Landschaft möglichst nur einmal stattfinden und so angelegt sein, dass damit allen zukünftigen Anforderungen Rechnung getragen wird. Dies gilt im Besonderen für Brücken und Tunnel.
Was können die Bürger, Unternehmer und Politiker vor Ort jetzt noch tun, um den Wunsch nach einer vierspurigen B 87n wahr werden zu lassen?
Auf keinen Fall dürfen die Aktivitäten pro B 87n eingestellt werden. Schließlich geht es um das Überleben der Region, insbesondere auch um Torgau. Ein breites Bündnis aus Vertretern von Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Bürgern sollte dauerhaft vom Bund die Realisierung des vollständigen Projektes einfordern. Den Interessen der Bürgerinitiativen, die eine südliche Trassierung der B 87n ablehnen, muss zu Gunsten einer nördlichen Anbindung der B 87n an die A 14 Rechnung getragen werden.
Gibt es diese Chance überhaupt noch?
Eine Chance gibt es, wir müssen sie nur nutzen.