22. Januar 2011 Leipziger Volkszeitung

Grippeschutz aus Nordsachsen

Wildenhainer Hennen legen Eier für das Impfen in aller Welt

Leipzig. Die nächste Grippewelle rollt an: Bundesweit melden Mediziner verstärkt akute Fälle. Ärzte raten deshalb dringend, sich impfen zu lassen. Der Grundstoff für das Serum kommt aus dem nordsächsischen Wildenhain, wo einer von deutschlandweit nur zwei Produzenten pharmazeutischer Eier arbeitet. Von hier aus werden Menschen in aller Welt vor der Influenza geschützt.
Von Andreas Debski
Matthias Böbel ist ein offenherziger Mann. Eigentlich. Mit ausholenden Armbewegungen erzählt der Vorstandsvorsitzende der Erzeugergemeinschaft Wildenhain (Landkreis Nordsachsen) vom Legehennen-Stall, der gerade für die Bodenhaltung umgebaut wurde, von Eier-Preisen und von Bio-Produkten. Matthias Böbel lacht auch gern, und ist schnell beim Du, was aber nur Städter verschrecken kann. Doch geht es um die Tochterfirma Pharma-Ei GmbH, ebbt sein Redefluss ab, tut der umtriebige Landwirt geheimnisvoll. "Das sind ganz besondere Eier, die ganz besonderen Ansprüchen genügen müssen", erklärt er vielsagend. Die Angst vor Nachahmern ist groß, die Konkurrenz könnte rasant wachsen - denn das Geschäft mit den Pharma-Eiern ist ein einträgliches.
In Wildenhain werden seit 35 Jahren diese ganz besonderen Eier gelegt: Eier für die Arzneimittel-Herstellung. Die Pharmaindustrie ist auf Hühnerembryonen angewiesen, um daraus alljährlich den Grippe-Impfstoff produzieren zu können. Was damals vom DDR-Ministerrat beschlossen und zur Umsetzung im ehemaligen Kreis Torgau angewiesen wurde, beschert den Wildenhainern nun im neuen Wirtschaftssystem ein florierendes Geschäft. "Man müsste den alten Bonzen richtig dankbar dafür sein", meint Matthias Böbel grinsend. Ernst fügt er hinzu: "Aber man muss im Leben auch mal Glück haben. Hätten die neuen Besitzer nach der Wende die alten Verträge nicht übernommen - es hätte viel schlechter für uns ausgesehen."
In Deutschland teilt sich sein Betrieb das Quasi-Monopol mit einem Agrar-Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet. Beide beliefern sämtliche großen Hersteller, von Dresden bis Cuxhaven. Wenn sich also heute jemand in Leipzig gegen Grippe impfen lässt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Grundlage für das Serum sogar aus der Region stammt. Oder auch anders herum: Selbst für den US-Markt legen die sächsischen Hühner jeden Tag ein Ei.
Doch die Deutschen sind ein impfmüdes Volk: Nur jeder Vierte lässt sich stechen, um gegen eine mögliche Influenza gewappnet zu sein. Dabei grassiert auch in diesem Winter eine aggressive Form der Schweinegrippe. Allein in der ersten Januarhälfte wurden mehr als 50 schwere Infektionen gemeldet, neun Menschen starben bereits. "Die Besonderheit der Grippewelle ist, dass es verstärkt schwere Verläufe und Todesfälle bei Kindern und jungen Menschen gibt", erklärt Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut in Berlin. Etwa drei Viertel aller Grippekranken sind mit dem Schweinegrippevirus H1N1 infiziert.
"Die Influenza ist nicht harmlos", appelliert auch Peter Wutzler, der Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten, gegen die Impfmüdigkeit. Noch sei es nicht zu spät: Das Hoch der anwachsenden Grippewelle wird für Februar erwartet - wer sich jetzt impfen lässt, kann noch auf einen Schutz vertrauen. Einen Schutz, den Hühner für den Menschen produzieren. Den Appellen der Mediziner schließt sich auch Matthias Böbel an, allerdings nicht ganz uneigennützig: "Ich kann nur jedem raten, sich impfen zu lassen. Das ist besser für ihn - und gut für uns."
Der Herstellungsprozess der Grippe-Impfstoffe ist äußerst komplex. Nur so viel: 1931 war es erstmals gelungen, Viren auf Hühner-Embryonen zu züchten - ein gewaltiger Fortschritt für die Entwicklung von Virus-Impfstoffen; 1936 wurde auf dieser Basis ein erstes Serum gegen Influenza gefunden. Grundlage ist in jedem Fall ein nicht ganz normales, weißes Hühner-Ei: Dessen Schale muss für eine Injektion nur etwas stärker sein als auf dem Frühstückstisch, was eine spezielle Futtermischung bewirkt; außerdem müssen die Eier einige Tage angebrütet sein, da nur der Nachwuchs die entsprechenden Virenstämme vermehren kann.
Die Anti-Körper selbst werden dann vom Menschen gebildet, sofern er sich das mehrfach gereinigte Serum spritzen lässt. Dieser gesamte Prozess dauert ungefähr ein halbes Jahr. Das heißt auch, dass die Produktion nicht beliebig gesteigert werden und dass im Fall einer Pandemie nicht von heute auf morgen der richtige Impfstoff verfügbar sein kann. "Wir liefern gerade die Eier für den Impfstoff des nächsten Herbstes aus", erzählt Landwirt Böbel.
Insgesamt 240000 Hühner haben die Wildenhainer in eigenen Ställen und unter Vertrag, um die Lieferansprüche der Pharma-Hersteller erfüllen zu können. Die Farmen, die mehr als 70 Mitarbeiter und deren Familien ernähren, sind auf vier Altkreise in der Region aufgeteilt. Die Dezentralisierung soll Versorgungssicherheit bringen. "Man muss auf alle Eventualitäten vorbereitet sein", so der Vorstandschef. Heißt: Wenn mal wieder in einem Landkreis die Vogelgrippe oder ein Futtermittel-Skandal ausgerufen werden sollte - die Wildenhainer können dennoch die Serum-Grundlage liefern. "Als die erste Meldung über Dioxin im Futtermittel bekannt wurde, hatten wir sofort die entsprechenden Anfragen von den Pharma-Unternehmen hier. Wir sind sauber, weil wir auf regionale Anbieter und eigene strenge Kontrollen setzen", versucht Matthias Böbel möglichst jedes Detail zu planen, um nicht in die Verlegenheit kommen zu müssen, eine Lieferung zu stornieren.
Die Folgen wären nicht abzusehen. Denn normale Eier gibt es auf dem Markt wie Stroh in der Scheune. "Dazu kommt, dass die Handelsketten die Preise extrem drücken. Für ein Ei aus der Bodenhaltung bekommen wir etwa fünf Cent - brauchen aber allein 3,5 Cent für das Futter." Doch eines sei klar, erklärt der 54-jährige Landwirt: "Man darf nie am Tier sparen, weil das nur zu Lasten des Tieres geht."

Die Influenza, auch echte Grippe genannt, ist eine weit verbreitete Erkrankung gerade in den kühleren Monaten des Jahres. Sie ist eine durch Viren ausgelöste Infektionskrankheit, die nicht unterschätzt werden sollte. Jährlich gibt es allein in Deutschland bis zu 10000 Todesfälle. Dennoch lässt sich jährlich nur etwa jeder Vierte impfen. In diesem Jahr wird ein kombinierter Impfstoff verabreicht, der sowohl vor der saisonalen Grippe als auch vor H1N1, der sogenannten Schweinegrippe, schützt. Seit den 30er Jahren wird der Impfstoff auf Grundlage von Hühner-Eiern produziert. Da dieser Prozess sehr aufwendig ist, beschäftigen sich alle großen Hersteller mit der Entwicklung von alternativen Produktionsverfahren. In Marburg (Hessen) arbeitet die bislang einzige Anlage in Deutschland, die auf Grundlage von Zellkulturtechnologie produziert. Kinder sind die Hauptüberträger der auch in diesem Winter wieder stark auftretenden Schweinegrippe - und zugleich ganz besonders gefährdet. Ärzte empfehlen deshalb, schon kleine Kinder impfen zu lassen - die Krankenkassen übernehmen im allgemeinen die Kosten. Schützen lassen sollten sich insbesondere über 50-Jährige, Schwangere ab dem vierten Monat, Personen, die mit vielen Menschen in Kontakt kommen, und Risikopatienten, die ein schwaches Immunsystem haben. Es dauert ein bis zwei Wochen, bis der Impfstoff seine Wirkung im Körper entfaltet hat. Studien ergaben, dass bis zu 90 Prozent der Geimpften nicht an einer saisonalen Grippe erkrankten.