27. April 2011 Frank Pfütze (Leipziger Volkszeitung)

Grüner Bereich Nordsachsen

Landkreis gegen Wirtschaftsabschwung gesichert / Überraschende Kriterien


Kreisgebiet. Alles im grünen Bereich im Landkreis Nordsachsen: Das behauptet eine erstmals durchgeführte bundesweite Untersuchung des Pestel-Instituts zur regionalen Krisenfestigkeit. Nordsachsen steht auf Rang 99 von 412 getesteten Regionen und damit beispielsweise vor dem Landkreis Leipzig (Platz 180) und vor den meisten westdeutschen Regionen.
Die Chefin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Nordsachsen, Uta Schladitz, hob den Branchenmix hervor, welcher den Landkreis wirtschaftlich gut dastehen lässt. Und sie lobte das Verhalten der Firmen während der Krise 2008/09. Das Konjunkturpaket II habe zudem "viel Geld" in die Region gespült. "Die Branchenstruktur mit vielen Handwerks- und Dienstleistungsbetrieben hat sich hier positiv ausgewirkt. Das Krisenmanagement in den Unternehmen war recht unterschiedlich, viele haben jedoch erfolgreiche Strategien entwickelt, um sinkenden Aufträgen entgegen zu wirken", so Schladitz.
Ob Banken kollabieren, Rohstoffe knapp werden oder der Klimawandel die Ernährungssicherheit bedroht, mag offen bleiben. Sicher ist: Die nächste Krise kommt bestimmt, lautet die These des niedersächsischen Institutes. Eine bewusste Vorbereitung der Regionen darauf ist bisher eher die Ausnahme. In die Studie wurden 18 Indikatoren aus den Bereichen Soziales, Wohnen, Verkehr, Flächennutzung, Energie und Wirtschaft einbezogen. Die Indikatoren beschreiben die Verletzbarkeit einer Region. Sie zeigen weiterhin, wie gut auch im Krisenfall die Handlungsfähigkeit einer Region oder Stadt durch Flexibilität, Ressourcenausstattung und Sozialkapital erhalten bleibt.
Die Forscher vergaben die Noten 1 (im oberen Drittel der Krisenfestigkeit), 2 (im Mittelfeld) und 3 (im unteren Drittel) in folgenden 18 Punkten: Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss; SGB-II-Quote (Hartz IV, Sozialhilfe); Hausärzteversorgung; Abwanderung der Bevölkerung; Mieterquote; Wohnfläche je Einwohner; Verkehrsflächen je Einwohner; Fahrzeugkilometer Öffentlicher Personennahverkehr je Einwohner; Pkw je 1000 Einwohner; Landwirtschaftsfläche je Einwohner; Anteil Ökolandbau an Landwirtschaftsfläche; Waldfläche je Einwohner; Windkraftleistung je Einwohner; Biogasleistung je Einwohner; Solarleistungen; Anteil der Beschäftigten am Wohnort, die auch am Wohnort arbeiten; Industriebeschäftigungsquote; kommunale Schulden je Einwohner. Bei sechs Indikatoren liegt der Landkreis Nordsachsen im Spitzenbereich, siebenmal wurde ein Mittelplatz erreicht und bei fünf Indikatoren reichte es nur für einen Rang am Ende der Tabelle.
Überraschend erscheint die Bewertung einzelner Indikatoren. Wer keine Industriearbeitsplätze hat, kann keine verlieren. In Regionen, in denen wenige Menschen über ein Auto verfügen, ist es weniger problematisch, wenn die Versorgung mit Treibstoff zusammenbricht. So wurde im Hinblick auf die Krisenfestigkeit ein hoher Anteil an Industriebeschäftigten negativ beurteilt. Die Gründe liegen in der hohen und unmittelbaren Betroffenheit insbesondere der exportorientierten deutschen Industrie von globalen Wirtschaftskrisen. Diese wurde durch die Finanzkrise des Jahres 2008 bestätigt. "Nordsachsen hat einen nicht so hohen Anteil an exportorientierten Unternehmen, die vom internationalen Markt abhängig sind", sagte Uta Schladitz dazu. Die Firmendichte sei zudem nicht so groß wie in Ballungszentren. Die Bewertung einzelner Ergebnisse könnte eventuell überraschend erscheinen, räumten die Wissenschaftler aus Hannover bei der Vorstellung der Ergebnisse ein. Denn manche Einordnungen erfolgten nach dem Motto: Wer sich bereits in einem tiefen Tal befindet, bei dem kann es auch nicht mehr weiter bergab gehen. So wurde beispielsweise eine Region mit vielen Industriearbeitsplätzen negativ beurteilt. Während sämtliche Wirtschaftsförderer über eine solche Situation jubeln, weist das Pestel-Insitut auf die Gefährung dieser Beschäftigungsverhältnisse hin.
@Weitere Informationen im Internet unter: www.pestel-institut.de