Kreisgebiet. Das Rätselraten um den Wolf und ob er bereits Nordsachsen erreicht hat, geht weiter. Auf einer Informationsveranstaltung auf Schloss Hartenfels in Torgau berichteten Jäger am Mittwochabend, dass jüngst ein Tier in Graditz, einem Stadtteil von Torgau östlich der Elbe, gesichtet wurde. Unterdessen spricht sich der Kreisjagdverband Delitzsch dafür aus, den Wolf in das neue Jagdgesetz aufzunehmen.
Gefühlt möge es bereits zig Tausend Wölfe im Freistaat Sachsen geben. Das sagte Bernd Dankert vom Sächsischen Umweltministerium angesichts der Hinweise aus der Bevölkerung, wonach das Wildtier angeblich gesichtet wurde. Gefühlt, wohlgemerkt. Denn nachgewiesen sind sie nicht. Im Freistaat existieren derzeit sechs Wolfsrudel in der Lausitz, mit dem Brandenburger Teil sind es neun, informierte das Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz". Und die sorgten fleißig für Nachwuchs. Insgesamt konnten 33 Welpen bestätigt werden.
Ob es nun Tiere bereits in die nordsächsische Region verschlagen hat, ist derweil unklar. Die aktuelle Beobachtung bei Graditz sei "denkbar möglich", sagte Wolfsmanager Giso Damer vom Landratsamt, zumal es in der Annaburger Heide, die ganz im Norden an Nordsachsen grenzt, einen Beleg für die Existenz eines Tieres gebe.
Damer und Vertreter des Freistaates Sachsen informierten am Mittwoch ausführlich über das umstrittene Wildtier und die Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung, sollte der gefürchtete Jäger eines Tages tatsächlich ein Haustier reißen, wie es zuletzt bei Meißen geschehen war. Teile Nordsachsens sind in die Förderkulisse des Freistaates aufgenommen worden. Tierhalter können sich beispielsweise Schutzzäune und Herdenschutzhunde fördern lassen. Dabei stehen Haustiere nicht an erster Stelle auf dem Speiseplan von Isegrim, wie Forstingenieur und Wolfsexperte André Klingenberger konstatierte. Untersuchungen hätten ergeben, dass zunächst Reh- und Rotwild, dann Wildschweine und viel weiter hinten Schafe und Ziegen stünden.
Trotzdem sieht der Sächsische Schaf- und Ziegenzuchtverband den Wolf als ernsthafte Gefahr. "Wir lieben den Wolf nicht, wir brauchen ihn auch nicht", stellte Regina Walther, Vorstandsmitglied im Verband, klar. "Wenn Tiere gerissen werden, kann die Stimmung kippen." Zudem bedeuteten Schutzmaßnahmenfür die Tierhalter einen enormen Aufwand.
Die Jägerschaft scheint sich unterdessen mit Isegrim "angefreundet" zu haben. "Uns geht es nicht darum, den Wolf in das neue Jagdgesetz aufzunehmen, um ihn schießen zu können", sagte Angelika Freifrau von Fritsch, Vorsitzende des Jagdverbandes Delitzsch. "Es macht Sinn, ihn in das Gesetz aufzunehmen mit ganzjähriger Schonzeit." Experten wissen, dass ein Wolf in einem Territorium die Wildtierbestände nicht drastisch reduzieren würde. Fritsch forderte die Landkreisbehörde derweil auf, die Jägerschaft besser in die Thematik einzubinden. Sie schlug vor, dass in Nordsachsen ein Kreisjagdschutzbeauftragter analog der bereits existierenden Naturschutzbeauftragten installiert wird. "Es ist viel Miss-Stimmung aufgekommen, das Vertrauen der Jägerschaft in die Umweltbehörden ist nicht da." Mit einem Kreisjagdschutzbeauftragten könne Vertrauensbildung stattfinden, zumal die Jagd nach Ansicht des Verbandes der gleiche Stellenwert eingeräumt werden müsse wie dem Naturschutz. Außerdem könne ein Beauftragter Rissbegutachtungen vornehmen. "Von unserer Seite besteht die Bereitschaft dazu", erklärte Nordsachsens Umweltdezernent Ulrich Fiedler. Ein Jäger sagte: "Es geht darum, miteinander auszukommen und keine Fronten aufzubauen." Der Landkreis jedenfalls wolle am Dialog mit allen Beteiligten festhalten, ergänzte Wolfsmanager Giso Damer.
Angelika Freifrau von Fritsch: "Es ist viel Miss-Stimmung aufgekommen, das Vertrauen der Jägerschaft in die Umweltbehörden ist nicht da.
Schaf- und Ziegenhalter sowie Betreiber von Wildgattern im nordöstlichen Teil des Landkreises Nordsachsen haben die Möglichkeit, sich Herdenschutzmaßnahmen gegen Wolfsangriffe fördern zu lassen. Das sind Elektrozäune, Herdenschutzhunde und ein Unterwühlschutz. 60 Prozent der Kosten übernimmt der Freistaat. Zudem entschädigt er vom Wolf gerissene Tiere. Von 2002 bis 2010 hat es im Freistaat Sachsen 71 Übergriffe von Wölfen gegeben. 247 Tiere sind dabei verletzt oder getötet worden. Bislang sind über 37 000 Euro Entschädigungszahlungen geflossen. Wie Forstingenieur André Klingenberger informierte, sollten Elektrozäune in Wolfsgebieten eine Mindesthöhe von 90 Zentimetern haben. Einkopplungen sollten mindestens 1,20 Meter hoch sein und einen Bodenabschluss haben, weil der Wolf sonst das Erdreich aufwühlt und sich Zugang zur Herde verschafft. Außerhalb eines Wolfsgebietes sei derweil kein Mindestschutz erforderlich. Sollte einem Tierhalter ein Schaden entstehen, der mutmaßlich auf einen Wolf zurückzuführen ist, muss innerhalb von 24 Stunden das Landratsamt informiert werden. Der Antrag auf Schadensregulierung könne formlos an das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie in Mockrehna gestellt werden. Die Regulierung soll dann innerhalb von sechs Wochen erfolgen.