6. September 2011 Nico Fliegner (Leipziger Volkszeitung)

Hintergrund - Stippvisite beim "Schloss"-Herren

Staatsminister Frank Kupfer informiert sich im Delitzscher Land über Förderprojekte

Kreisgebiet. Polit-Prominenz auf dem flachen Land: Frank Kupfer (CDU), Sachsens Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft, war gestern auf Stippvisite in Nordsachsen, genauer gesagt im Delitzscher Land. Hier besuchte er das Herrenhaus in Gotha und die Ferienwohnungen der Familie Bunge in Kupsal. In beiden Fällen handelt es sich um Projekte, die mit Hilfe von EU-Mitteln finanziert wurden.
Herrschaftlich sieht es aus - das Herrenhaus in Gotha bei Jesewitz. Von außen ist es bereits ein Schmuckkästchen, von innen auf dem besten Weg dorthin. Uwe Paasch ist der "Schloss"-Herr. Schloss deshalb, weil das Herrenhaus im Volksmund seit eh und je als Schloss bezeichnet wird, wie der Jesewitzer Bürgermeister Ralf Tauchnitz (Wählervereinigung) beim Rundgang durchs barocke Gemäuer konstatierte. Paasch ist Medizinprofessor, will dort eine Hautarztpraxis sowie eine medizinische Kosmetik einrichten und Wohnraum schaffen. "Unsere Gemeinde hat in den vergangenen drei Jahren wesentlich von der EU-Förderung profitiert", erzählte der Bürgermeister. Das Herrenhaus und dessen Sanierung sei ein Projekt, ein "nutzbringendes für die Bürger unserer Gemeinde sowie der gesamten Region". Vor zwei Jahren nahm es seinen Anlauf, vor einem Jahr verkaufte die Gemeinde das Objekt an den Mediziner, mit dem die Zusammenarbeit "angenehm" gewesen sei. Tauchnitz war des Lobes voll und dankte dem Investor.
Der beantragte über das Regionalmanagement Delitzscher Land Fördermittel und legte etliche Eigenmittel drauf, um das altehrwürdige Objekt, das einst eine LPG-Küche und die Station der Gemeindeschwestern beherbergte, einen Arzt, Friseur und bis 1994 die Gemeindeverwaltung sowie den örtlichen Kindergarten, in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Was er letztlich investierte, will Paasch nicht in der Öffentlichkeit wissen. Der Staatsminister jedenfalls zeigte sich angetan, besonders von der Kassettendecke mit den Tierkreiszeichen. "So etwas habe ich noch nie gesehen. So ein tolles Haus - und das alles stilecht herzurichten und einer Nutzung zuzuführen, ist einzigartig und begeistert mich."
Kupfer bereist derzeit sämtliche Regionen in Sachsen, die von EU-Geldern partizipieren. In Delitzsch musste er indes erfahren, dass weit mehr Projektideen vorliegen, als sein Ministerium Geld bereitstellen kann. Denn die Budgets werden pro Jahr festgelegt - dem Delitzscher Land stehen für 2011 etwa vier Millionen Euro zur Verfügung. "Wir haben derzeit quasi einen Antragsstopp", sagte Dörthe Hößler vom Regionalmanagement. Dennoch würden Ideen für das nächste Jahr entgegengenommen. "Wir sammeln und gucken, was der Region wirklich einen Mehrwert bringt", so Hößler weiter.
Mit einem überzeichneten Budget hat auch die Ile-Region Dübener Heide zu kämpfen. Dazu gehören alle Kommunen zwischen Elbe und Mulde auf sächsischer Seite. Wie das zuständige Regionalmanagement in Bad Düben informierte, liegen für dieses Jahr Anträge vor, die das Budget von etwa 2,3 Millionen Euro um 3 Millionen Euro überschreiten. Zunächst einmal haben die Akteure in der Lokalen Aktionsgruppe (LAG), die über das Für und Wider von Projekten entscheiden, sich verständigt, eine Prioritätensetzung vorzunehmen. Dazu habe es bereits unter den Kommunen erste Gespräche gegeben. "Wir hoffen zudem auf die nicht abgerufenen Gelder anderer Regionen", erklärte Regionalmanager Josef Bühler. Außerdem erwägt die LAG, die Budgets für 2012 und 2013 bereits anzuzapfen. "Als Region liegen wir auf der Zielgeraden", ergänzte Roland Märtz, Vorsitzender der LAG Dübener Heide/Sachsen. Priorität hätten derzeit kommunale Vorhaben im Bereich Schulen und Kindergärten sowie Projekte mit Beschäftigungseffekte.
Auf der Zielgeraden liegt auch das Delitzscher Land. Seit 2007 gibt es die Förderinitiative, seither wurden über 200 Projekte auf den Weg gebracht. Bis 2013 können noch Vorhaben mit EU-Geldern finanziert werden. Davon hat bereits die Familie Bunge in Kupsal bei Krostitz profitiert, die eine alte Scheune zu modernen Ferienwohnungen umfunktionierte. Steffen Bunge, selbstständiger Garten- und Landschaftsbauer, hat sich und seiner Frau damit einen Traum erfüllt. Aus einem 1896 erbauten Stall, in dem früher Schweine, Kühe und Pferde untergebracht waren, sind nunmehr zwischen 50 und 130 Quadratmeter große Unterkünfte entstanden. Landtourismus pur. Die Fördermittel seien ein Anreiz gewesen. Und ohne die wäre das Vorhaben kaum zu stemmen gewesen.
Förderwürdig sind verschiedene Vorhaben im Delitzscher Land. Die Sanierung von Gebäuden für Gewerbe, die Ausstattungen für Unternehmen, die überwiegend Grundversorgung leisten (Friseur, medizinische Versorgung, Lebensmittel, Handwerker), die Erweiterung von Beherbergungskapazitäten oder die Sanierung von leer stehenden Gebäuden zum Wohnen für die eigene Familie. Einziger Wermutstropfen: Das Budget nimmt von Jahr zu Jahr ab. 2012 wird das Delitzscher Land über zwei, 2013 über eine Million Euro verfügen, wobei es nach wie vor jede Menge Ideen und potenzielle Projektträger gibt. © Standpunkt

Das Delitzscher Land hat den Förderstatus Leader (Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft), die Dübener Heide Ile (Integrierte Ländliche Entwicklung). Unterschied ist: Anerkannten Ile-Gebieten stehen mehr Förderbereiche und ein höherer Fördersatz (+ 5 Prozent) zur Verfügung. Sie werden vorrangig gefördert. Leader-Regionen sind wiederum die mit den zukunftsfähigsten Strategien. Sie werden darüber hinaus ebenso zusätzlich unterstützt, zum Beispiel auch mit einem höheren Fördersatz (+ 10 Prozent). Insgesamt stehen in Sachsen 422 Millionen Euro für die Förderperiode bis 2013 zur Verfügung. Ziel ist die Stärkung des ländlichen Raumes durch Investitionen sowohl von privaten als auch kommunalen und soziokulturellen Projektträgern.