11. November 2010 Karin Rieck (Leipziger Volkszeitung)

"Ich setze auf gewisse Mitverantwortung"

Der neue Chef von 27 Ex-Konsum-Filialen über sich und seine Pläne in Eilenburg und Nordsachsen

Eilenburg und Umgebung. 27 Filialen der insolventen Konsumgenossenschaft Sachsen Nord mit Sitz in Eilenburg haben seit wenigen Tagen einen neuen Chef, den aus Ostsachsen stammenden geschäftsführenden Gesellschafter der Markant Nah & Frisch GmbH Wolfgang Märkisch. Der 58-Jährige beantwortete zu sich und den Plänen mit den Geschäften im Raum Eilenburg, Bad Düben, Torgau und Wurzen einige Fragen der Kreiszeitung.

Frage: In den meisten Märkten haben Sie sich dieser Tage vorgestellt. Viele Kollegen sahen Sie zum ersten Mal. Was haben Sie den neuen Mitarbeitern zuerst gesagt? Wolfgang Märkisch: Zuerst wollte ich ihnen Mut machen und ihnen sagen, dass es weiter geht und sie sich keine Gedanken machen sollen. Wenn sie ordentlich arbeiten, gibt es keine Probleme. Wie gehen Sie auf die Leute zu? Das mache ich relativ locker. Die meisten Mitarbeiter haben mich bereits erkannt. Einiges war schon bei einer Marktleiter-Sitzung angesprochen worden. Insgesamt habe ich mich über die sehr freundliche Aufnahme gefreut. Die Kollegen haben mir das Gefühl vermittelt, dass sie alle nach vorn blicken. Das ist eine gute Truppe. Der Begriff "Truppe" ist eigentlich untertrieben. Es handelt sich immerhin um zirka 190 Arbeitsplätze, um die sich Ihr Betrieb erweitert Wir haben jetzt zwei Firmen. Unser Getränkefachgroßhandel Zittau mit zirka 60 Mitarbeitern bleibt bestehen. Auch vier Markant-Märkte gehören dazu. Für die Übernahme der 27 früheren Konsum-Märkte wurde die Markant Nah & Frisch GmbH neu gegründet. Das war unter anderem aus steuerlichen Gründen notwendig. Somit können Sie offenbar auf einige Erfahrungen in diesem Bereich verweisen Unseren Getränkefachgroßhandel gibt es bereit seit 1989. Ein Jahr vor der Wende habe ich mich mit einem Lebensmittel-Konsum-Kommissionsgeschäft selbstständig gemacht. Als das nicht mehr so lief, kam der Großhandel. Auf den ersten Lebensmittelmarkt folgte der Getränkebereich. So ist das weiter gewachsen. Vor drei Jahren haben wir in Dresden einen kurz vor der Insolvenz stehenden Lebensmittel-Markt übernommen, der mittlerweile sehr gut läuft. Wir, das ist ein Familien-Management, sind eigentlich rundum zufrieden. Was machen Sie anders als andere, damit sie zufrieden sein können? Ich gebe den Kollegen eine gewisse Freiheit und sage: Das ist Euer Markt. Vor der Eröffnung eines neuen Getränkehandels wird ein guter Standort gesucht. Es kommt gute Ware rein und dann kommt es auf motivierte Leute an, die daraus was machen. Damit bin ich bis jetzt immer gut gefahren. Auf eine gewisse Mitverantwortung setze ich auch in Eilenburg. In den meisten Märkten wird von oben nach unten herunter diktiert, was zu tun ist. Das kann man zum Teil auch anders machen. Ich wünsche mir mehr eigenverantwortliche Entscheidung, was für den Standort gut ist. Ich nutze die Kompetenz der Mitarbeiter vor Ort, die wissen, was ihre Kunden wollen. Bestimmte Sachen muss man anordnen, aber ein gewisser Spielraum muss sein. Und ich lege auf ein relativ lockeres, freundschaftliches Miteinander Wert. Ich versuche in der Regel, Ärger zu vermeiden. Sie wollen 27 ehemaligen Filialen des Konsum Nord eine Zukunft geben. Wie optimistisch sind Sie, dass das gelingt? Man kann nie sagen, was in fünf, sechs Jahren ist. Wenn aber alles so bleibt, wie es die Zahlen jetzt aussagen, habe ich keine Bedenken, dass die Läden, die vor allem im ländlichen Bereich angesiedelt sind und in denen zwischen vier und 15 Leute arbeiten, bestehen bleiben. Die kleineren Geschäfte haben durchaus eine Zukunft, denn viele Leute wollen die riesigen Verkaufsflächen mit all diesem Rummel und dem Unpersönlichen nicht mehr. Meine Geschäfte mit dem individuellen Flair haben Zuwachs. Behindern Sie die vielen Discounter, die überall zulegen, und der allgemeine Preiskampf nicht dabei? Bei den Grundnahrungsmitteln können wir uns im Endeffekt mit jeder Kette vergleichen. Die Bela - unser Hauptlieferant, den der Konsum Nord schon hatte und mit dem die Verträge weiterlaufen - hat ein gutes und preiswertes Sortiment. Eine andere, größere Handelskette, die ich hier nicht nennen möchte, hat für den Konsum Nord letztendlich den Schlussstrich gezogen und die Insolvenz ausgelöst, indem ein größerer Bankauszug geplatzt ist. Und wenn die Zahlen dann schon schlecht sind, ist das Dilemma programmiert. Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen. Jetzt will ich lieber nach vorn blicken. Zu den Nahzielen gehört, im nächsten Jahr, den Umsatz von 2009 wieder zu erreichen. Es gibt auch Pläne für einige bauliche Veränderungen, aber dafür müssen erst die finanziellen Voraussetzungen stimmen. Zunächst geht es darum, die Kunden zufrieden zu stellen. Dafür wird es auch Sortimentserweiterungen geben. Was bedeutet, auch einige Haushaltswaren kommen ins Angebot. Was wird aus dem Grundstück mit der Verwaltungsbaracke an der Wurzener Landstraße in Eilenburg? Damit gibt es im Augenblick noch keine Pläne. Das ist alles noch zu frisch. Alles geht nur Stück für Stück. Für uns und den Insolvenzverwalter gibt es noch viel zu tun. Wir werden uns nur zum Teil einmieten. Interview: Karin Rieck