24. Mai 2011 Roger Dietze (Leipziger Volkszeitung)

Im Bus statt im Vereinsvorstand

Jugendlichen steht immer weniger Zeit zur Verfügung, sich ehrenamtlich zu engagieren


Kreisgebiet. Keine Zeit für Parteien, Sportvereine und Naturschutz: Der wachsende Leistungsdruck in Schule und Studium hält junge Menschen in Deutschland offensichtlich zunehmend vom Ausüben eines Ehrenamtes ab. Der Landkreis Nordsachsen ist da keine Ausnahme.
Laut einer jüngst gemeinsam vom Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest, dem Bundesfamilienministerium und der Bertelsmann-Stiftung veröffentlichten Studie sank zwischen 1999 und 2009 der Anteil der ehrenamtlich Aktiven unter den Jugendlichen von 37 auf 35 Prozent. Gründe seien in Abhängigkeit vom Bundesland die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur sowie die Einführung des Bachelorstudiums.
Eine Einschätzung, die die Krostitzer SPD-Landtagsabgeordnete Liane Deicke grundsätzlich unterstreicht. "Ich bin der Meinung, dass die ständigen 'Reförmchen' im Bildungssystem eine Verunsicherung mit sich bringen, gepaart mit der Notwendigkeit für Schüler und Schülerinnen, viel Zeit dafür aufzuwenden, die damit einhergehenden Neuerungen zu verstehen und sich darauf einzustellen." Darüber hinaus habe sie die Erfahrung gemacht, dass es um die Anerkennung ehrenamtlicher Arbeit nicht zum Besten gestellt ist. "Dies geht so weit, dass sich Gleichaltrige über ehrenamtliche Arbeit lustig machen", so Deicke, die zudem zu bedenken gibt, dass es aufgrund der Schließung von immer mehr Schulen und den damit längeren Schulwegen oft schlicht und einfach Jugendlichen an der Zeit mangele, sich ehrenamtlich zu engagieren.
Ein Punkt, den auch Sven Kaminski, Geschäftsführer des Kreissportbundes Nordsachsen, für maßgeblich hält. "Viele Kinder und Jugendliche müssen insbesondere im ländlichen Raum einen Großteil ihrer Freizeit im Schulbus verbringen, was sich entsprechend negativ auf die Gestaltung der Freizeit und den Antrieb, in dieser Verantwortung zu übernehmen, auswirkt." Zudem fehle es an "stimulierenden Maßnahmen" wie etwa der Ausgestaltung der sächsischen Jugendleiter-Card in dem Sinne, dass ihre Inhaber wie in anderen Bundesländern bereits praktiziert von Vergünstigungen bei Besuchen von Kinos oder Schwimmhallen profitieren. "Prinzipiell lässt sich gleichwohl keine verallgemeinernde Einschätzung treffen, da wir auch im Kreissportbund Vereine haben, in denen Jugendliche durchaus Verantwortung übernehmen. Andererseits ist es aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass sich viele Vertreter der heranwachsenden Generation und womöglich heute auch mehr als in früheren Jahren vor der Verantwortung scheuen und ausschließlich auf sich selbst schauen", so Kaminski.
Keine Scheu vor der Übernahme von Verantwortung kennt wiederum der Nachwuchs des Eilenburger Ortsverbandes des Technischen Hilfswerkes. "Die Entwicklung im Nachwuchsbereich ist bei uns geradlinig, sprich, unsere Jugendgruppe ist seit 1999 trotz des demografischen Knicks gut gefüllt gewesen", so Ortsbeauftragter Hans-Jörg Kamprat. "Dies hat allerdings auch damit zu tun, dass wir versuchen, unsere Kinder und Jugendlichen nach Möglichkeit sehr zeitig an das aktive Helferleben heranzuführen und uns um Attraktivität für den Nachwuchs bemühen."