28. April 2011 Eileen Jack (Leipziger Volkszeitung)

Interview - "Es geht um's Überleben der Region"

Wolfgang Topf, Präsident der Industrie- und Handelskammer Leipzig, zum Projekt B 87 neu

Nordsachsen. Die Industrie- und Handelskammer zu Leipzig steht hinter der Forderung nordsächsischer Politiker und Unternehmer nach einer vierspurigen B 87 neu. Das sagt Wolfgang Topf, Präsident der IHK, im Interview. Frank Hahn nahm als Vertreter der IHK an den Gesprächen mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) in Berlin teil.

Frage: Frank Hahn als Vertreter der IHK Leipzig hat Minister Ramsauer Erinnerungsstücke überreicht. Worum genau handelte es sich dabei?
Wolfgang Topf: Für die Antwort müssen wir ein Stück zurück in die Vergangenheit gehen: Am 24. April 2004 hatte das "Aktionsbündnis A 16" eine symbolische Grundsteinlegung am Stern bei Torgau für den Bau der A 16 vollzogen. Die Region demonstrierte damit ihren Willen für eine Verbesserung der Straßenverbindung zwischen der A 14 bei Leipzig und Brandenburg. Am 3. Mai 2004 war das Aktionsbündnis in Berlin mit Vertretern des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages im Gespräch. Mit dem Ergebnis, dass eine vierspurige B 87 n von der A 14 bei Leipzig bis Brandenburg den Einzug in den Bundesverkehrswegeplan fand. Entsprechende Bilddokumente zu beiden Terminen wurden Peter Ramsauer übergeben. Damit ihm Grundsteinlegung und Treffen positiv in Erinnerung bleiben, gab es für seinen Schreibtisch eine Kursächsische Postdistanzsäule" aus Elbsandstein - wechselseitig beschriftet mit A 16 und B 87.
Was hat der Besuch in Berlin aus Ihrer Sicht gebracht?
Der Bundesverkehrsminister denkt neu über das Projekt B 87 n nach. Die Vertreter des Bundesverkehrsministeriums haben zugesagt, nach Torgau zu kommen.
Wie wichtig ist der Bau der B 87 n in der vierspurigen Variante?
Dieses Straßenbauvorhaben ist von herausragender Bedeutung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in der Region. Die Bundesautobahnen 9, 14 und 38 und künftig die 72 decken die westliche, nördliche und südliche Verkehrserschließung ab. Eine direkte östliche Achse fehlt im System der überregionalen Straßennetze und stellt eine entscheidende Infrastrukturlücke dar. Da eine Vielzahl der unternehmerischen Aktivitäten der Region auf die Märkte im Osten Europas ausgerichtet ist, benötigt die Verkehrsachse Leipzig - Cottbus/Frankfurt (Oder) dringend eine Aufwertung. Nur so kann die regionale Erschließung von Standorten wie zum Beispiel Eilenburg und Torgau wesentlich verbessert werden.
Und das ist mit der aktuell existierenden B 87 nicht zu schaffen?
Die B 87 in ihrer jetzigen Form kann die Anforderungen der regionalen Wirtschaft auf Dauer nicht erfüllen. Dies belegen auch Ergebnisse renommierter Planungsbüros. Demnach würde mit einem Ausbau der B 87 die Verbindung zwischen den Oberzentren Leipzig, Frankfurt (Oder) und Cottbus gestärkt. Gegenüber der heutigen Ausbauqualität verringert sich die Reisezeit im Falle einer vierspurigen Bundesstraße B 87 zwischen Leipzig und Frankfurt (Oder) um mehr als eine Stunde auf etwa zwei Stunden und 20 Minuten. Die Reisezeiteinsparungen zwischen den Mittelzentren Eilenburg, Torgau, Herzberg, Lübben und Beeskow betragen 15 Prozent.
Mit welchen Beeinträchtigungen müssen die Unternehmen momentan leben und kämpfen? Welche Unternehmen sind besonders betroffen?
Die Unternehmen im Torgauer Raum, insbesondere aus der verarbeitenden Wirtschaft benötigen dringend eine effektivere Verkehrsanbindung zur Autobahn. Über eine Stunde Fahrzeit bis zur nächsten Autobahn wird als wesentlicher Standortnachteil empfunden. Das Risiko von Betriebs- und Investitionsverlagerung aus dem Raum nimmt zu, wenn sich die Standortnachteile nicht deutlich verbessern.
Was muss sich konkret ändern?
Die Verwaltung muss eine straffe Planung sicherstellen, an der sie sowohl die Bürger als auch die Wirtschaft kontinuierlich beteiligt. Wir brauchen möglichst einen breiten Konsens zur B 87 n bei allen Abgeordneten.
Wäre auch die vom Bundesverkehrsministerium in Aussicht gestellte dreispurige Variante tragbar?
Die dreispurige Variante ist volkswirtschaftlich betrachtet nicht akzeptabel. Nicht umsonst hatte das Bundesverkehrsministerium sich noch vor einigen Jahren vom Bau dreistreifiger Bundesstraßen verabschiedet. Außerdem sollten Eingriffe in Natur- und Landschaft möglichst nur einmal stattfinden.
Was können die Bürger, Unternehmer und Politiker vor Ort jetzt noch tun, um den Wunsch nach einer vierspurigen B 87 n wahr werden zu lassen?
Auf keinen Fall dürfen die Aktivitäten pro B 87 n eingestellt werden. Es geht um's Überleben der Region. Ein breites Bündnis aus Vertretern von Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Bürgern sollte dauerhaft vom Bund die Realisierung des vollständigen Projektes einfordern. Den Interessen der Bürgerinitiativen, die eine südliche Trassierung der B 87 n ablehnen, muss zu Gunsten einer nördlichen Anbindung der B 87 n an die A 14 Rechnung getragen werden.
Gibt es diese Chance überhaupt noch?
Eine Chance gibt es, wir müssen sie nur nutzen.