16. April 2011 Frank Pfütze (Leipziger Volkszeitung)

Interview - "Landwirtschaft gehört aufs Dorf"

Spitze des Regionalbauernverbandes, Peter Birke und Reinhard Eggert, im Kreiszeitungs-Interview

Kreisgebiet. Die Landwirte haben an manchen Tagen mehr am Schreibtisch und mit öffentlichen widersprüchlichen Meinungen zu tun, als auf Feldern und in Ställen. Ob Hühner-, Rinder- oder Schweinestall, von Gülle bis Genmais weckt jede Meldung sofort Proteste. Die Kreiszeitung sprach darüber mit dem Geschäftsführer, Reinhard Eggert, und dem Vorsitzenden des Regionalbauernverbandes Delitzsch, Peter Birke. Der Verband steht für 59 Landwirtschaftsbetriebe mit 750 Arbeitnehmern und 50 Auszubildenden im Altkreises Delitzsch. Diese Betriebe bewirtschaften 40000 Hektar Fläche. 15 füttern 3900 Kühe und Rinder, 10 mästen 35000 Schweine. Und es gibt einen Geflügelbetrieb. Aber auch zehn Jagdgenossenschaften und 105 Privatpersonen sind Mitglieder.

Frage: Seit die Jäger und Sammler vor Hunderten Jahren den Wald verlassen haben, wird Landwirtschaft betrieben. Wie erklären Sie sich den Gegenwind, der hier mitunter recht stark bläst?

Peter Birke: Der Gegenwind kommt nicht von der Mehrheit der Menschen, die sich von den Landwirten gut versorgt fühlen. Es gibt immer andere Meinungen und Auffassungen, wir akzeptieren das. Aber Sachlichkeit, wirtschaftliche und politische Machbarkeit in einer internationalen Welt müssen Inhalt sein, keine träumerischen und unrealistischen Insellösungen. Es gibt immer etwas zu verbessern, Fortschritt hört nie auf, aber er muss machbar sein.
Der Bund für Umwelt- und Naturschutz im Allgemeinen und dessen Landesvorsitzender Hans-Udo Weiland im Besonderen zählen zu den kritischsten Begleitern der Landwirtschaft. Wie erklären Sie sich das? Was machen die Landwirte falsch?
Reinhard Eggert: Sie stellen sich dem technischen Fortschritt und neusten Erkenntnissen. So werden sie den Anforderungen an den schonenden Umgang mit dem Naturhaushalt immer gerechter und das in allen Bereichen. Falsches in der Arbeit der Bauern, in der Freiheit konventionell oder ökologisch zu arbeiten, kann ich nicht erkennen. Unsachliche, falsche, ja manchmal auch beleidigende Worte und Meinungsmache mit Schlagworten sind der Stil des BUND. Oder nur von Herrn Weiland aus Eigeninteresse? Anders ist das für mich nicht zu erklären. Kritische Begleiter sind uns recht auf der Basis einer ehrlichen und machbaren Auseinandersetzung im Rahmen unserer Gesetze, die übrigens die Besten in Bezug auf Umwelt- und Tierschutz, ich denke weltweit, sind. Die moderne Nutztierhaltung quält keine Tiere. Das können wir im Mai zu den Tagen des offenen Hofes zeigen.
Gab es schon mal Annäherungsversuche zum BUND? Was ist daraus geworden?
Peter Birke: Ja, der Vorstand unseres Verbandes hat den BUND-Landesvorsitzenden, Herrn Weiland, und seinen Stellvertreter, Herrn Einsiedel, zu einem Gespräch und zum Besuch in drei Agrarbetriebe im Raum Delitzsch eingeladen. Vor Ort gab es keine wesentlichen Differenzen und keine Kritik an den Tierhaltungs- und Wirtschaftsformen. Viele scharfe Worte zu aktuell geplanten Tierproduktionsstandorten und die Aufregung sind uns unverständlich. Wir sind weiter offen für einen konstruktiven, ernsthaften und machbaren Austausch. Schlagworte, Unkenntnis und Anklage sind nicht die Mittel.
Gülle war früher ein wichtiger Dünger und Bestandteil der Landwirtschaft. Heute spricht Hans-Udo Weiland von Bodenverseuchung. Was ist Gülle heute?
Reinhard Eggert: Gülle war und bleibt ein wichtiger organischer Dünger für die Bauern. Sie besteht nur aus den Exkrementen der Nutztiere, im übrigen nur von Rindern und Schweinen, und wird, wie eh und je, auf den Feldern zur Düngung verwendet. Auch wenn sie heute oft den Umweg über eine Biogasanlage nimmt. Die Menge und Nährstoffe bleiben erhalten, das entzogene Gas wird zur Stromerzeugung genutzt. Zwei Kilogramm Mikroorganismen je Quadratmeter Boden müssen versorgt werden für ein aktives Bodenleben. Ich weiß nicht, woran Herr Weiland eine Bodenverseuchung fest macht. Wir brauchen in diesem Kreislauf die Mikroorganismen im Boden und in der Gülle, sonst werden keine Nährstoffe für die Pflanze verfügbar und kein Gas erzeugt. Die Berufsehre gebietet es, den Boden und die Tiere zu pflegen. Dieser Kreislauf ist die Lebensversicherung aller bäuerlichen Generationen. In den vergangenen 20 Jahren ist es geschafft worden, den Humusgehalt der Böden zu verdoppeln. Noch ein Wort zum Gen-Mais: Der Bauernverband gibt keine Empfehlung für den Anbau, solange aus seiner Sicht die Haftungsfrage nicht geklärt ist. Aber wenn der Anbau gesetzlich erlaubt ist, kann jeder Betrieb frei darüber entscheiden.
Unterschiedliche Bezeichnungen und Auffassungen gibt es auch für die Tierhaltung. Wo liegt der Unterschied zwischen Massentierhaltung und moderner Nutztierhaltung für Sie?
Peter Birke: Der Begriff Massentierhaltung wird benutzt zur verzerrten und negativen Darstellung in der Nutztierhaltung. Es kommt nicht darauf an, ob 5, 50 oder 500 Tiere unter einem Dach stehen, entscheidender ist das Wie und damit das Wohl der Tiere und die Tatsache, dass die Bauern mit und von ihnen leben. Auch wenn wir wissen, dass manches Nutztierleben kurz ist. Harter Wettbewerb, mit enormen Kosten- und Preisdruck bei bester Qualität, dem ist auch die landwirtschaftliche Produktion ausgesetzt.
Wie entwöhnt ist das flache Land inzwischen von der Landwirtschaft?
Reinhard Eggert: Vor 50, 60 Jahren gab es in jedem Dorf noch mehrere Höfe, Misthaufen neben dem Konsum, Kühe auf der Dorfstraße und so weiter. Heute ist es oft schon zu viel, wenn es zur Ernte einmal staubt, in jedem vierten Dorf ein Stall steht oder gar außerhalb ein neuer Stall gebaut werden soll. In anderen Bundesländern, wie Bayern, ist dies noch gelebter Alltag.
Ställe weg, Gülle weg - woher soll die Nahrung kommen?
Reinhard Eggert: Diese Frage stelle ich mir auch. Wir sind gut beraten, weiter auf eine hohe Eigenversorgung mit Rohstoffen vom Acker und aus dem Stall zu setzen. Hier produziert und verarbeitet mit unserer Qualitätssicherung ist besser, als vielleicht aus China, Brasilien oder Indien. Und das kann nur um und in den Dörfern geschehen. Landwirtschaft gehört aufs Dorf, mit landwirtschaftlichen Betrieben, ihren Menschen, Arbeits- und Ausbildungsplätzen.

Interview: Frank Pfütze