Frage: Herr Landrat, wie erwarten Sie die Entwicklung Nordsachsens hin zur gewollten Energiewende?
Michael Czupalla: Wir suchen gemeinsam mit der Region Dübener Heide und den Landkreise Wittenberg und Anhalt-Bitterfeld nach Lösungen, um den Energieverbrauch der Region zu senken sowie den Einsatz fossiler Energien zu reduzieren. Das geht langfristig nur mit einem abgestimmten Mix der verschiedenen regenerativen Energieträger.
Sachsen will den Anteil an erneuerbaren Energien auf mindestens 24 Prozent im Jahr 2020 steigern. Dabei setzt man auf Windenergie, Biomasse, Fotovoltaik und auch Wasserkraft. Welche Chancen hat in dieser Beziehung Nordsachsen?
Wir sind bereits auf dem besten Weg. Rein rechnerisch wurden in unserem Landkreis bereits 2009 etwa 43 Prozent der im Landkreis benötigten Elektroenergie mittels regenerativer Energieträger auch dort erzeugt. Der Landkreis liegt damit also bereits jetzt über dem bis 2020 von der Sächsischen Staatsregierung angestrebten Landesdurchschnitt von 24 Prozent. Da jedoch die urbanen Gebiete aufgrund ihrer strukturellen Situation nicht in der Lage sein werden, die angestrebten Anteile in voller Höhe zu erbringen, ist der ländliche Raum gefordert, eine erhebliche Überschreitung des Wertes zu realisieren, um die landesdurchschnittliche Zielgröße zu erreichen. Die Nutzung lokal verfügbarer Energieressourcen kann zudem ein enormes Potenzial an regionaler Wertschöpfung freisetzen. Wir machen also unsere Hausaufgaben. Andere nicht. Die ganze Energiefrage hat ja noch eine viel umfassendere Dimension.
Wie meinen Sie das?
Die derzeitige Diskussion und das Vorgehen in Richtung Atomausstieg sind flach und nicht vorausschauend. Politik dominiert über Wissen. Wenn ich schon den Namen Ethik-Kommission höre! Deren einziges Ziel ist der Ausstieg. Was ist daran ethisch? Man muss beide Seiten - also auch einmal die Wissenschaftler - zu Wort kommen lassen. Es gibt keine Vorstellungen darüber, was uns der Ausstieg kosten wird. Die Bürger haben aber ein Recht darauf, das zu erfahren. Seit anderthalb Jahren sprechen wir von Wachstum, wo profitiert der Bürger von diesem Wachstum? An der Tankstelle? Im Warenkorb?
Also sind Sie eindeutig gegen den Atomausstieg?
Man sollte den Blödsinn lassen, wenn man in Europa kein einheitliches Energiekonzept hat. Was nützt es, wenn wir im Herzen Europas aussteigen und rings um uns herum werden kräftig weitere Atomkraftwerke gebaut, deren Strom wir dann auch noch aufkaufen müssen, weil der unsrige nicht ausreicht.
Vielen Menschen wäre aber sicher teurerer Strom lieber als die Gefahr eines verseuchten Landes ...
Allein mit Sonnenschein wird nicht alles funktionieren. Wir brauchen die Energie aus der Kernfusion! Man muss hier wieder verstärkt forschen, um das Ganze sicherer zu machen.
Es gibt über kurz oder lang kein Atomkraftwerk in Sachsen.
Wir haben aber andere eigene Ressourcen, ohne deren Nutzung wir zumindest in einer Übergangsphase nicht über die Runden kommen werden.
Braunkohle?
Ja. Ich unterstütze Ministerpräsident Stanislaw Tillich voll und ganz, der die Rückbesinnung auf die eigenen Ressourcen über einen bestimmten Zeitraum vorschlägt. Wenn wir die Energie bezahlbar halten wollen, wird es ohne die Braunkohle nicht gehen.
Eingangs sprachen wir von gewollter Abkehr von fossilen Energieträgern ...
Ich will nicht den Tagebau aus DDR-Zeiten. Wir haben in Sachsen Hochschulen und Wissenschaftler von bestem Ruf. Ich bin mir sicher, dass man zum Beispiel in Freiberg in der Lage wäre, sehr umweltschonende neue Verfahren zu entwickeln. Wir brauchen den Energie-Mix auf Dauer. Nur der ist bezahlbar und macht Deutschland, Sachsen und Nordsachsen unabhängig.
Interview: Uwe Gutzeit