4. Juni 2011 Kay Würker (Leipziger Volkszeitung)

Kein Ersatz für den letzten Zivi

Delitzsch. Im Gespräch ist er seit Längerem - seit einigen Tagen wirbt nun eine umfangreiche Kampagne für den Bundesfreiwilligendienst. Auf Plakaten, in Printmedien und im Internet wird diese neue Möglichkeit des sozialen Engagements präsentiert, die nach dem Wegfall der Wehrpflicht den ebenfalls obsoleten Zivildienst beerbt. Allerdings steckt das neue System noch in den Startlöchern. Auf der aktuellen, online veröffentlichten Einsatzstellen-Karte des Bundesfreiwilligendienstes ist Nordsachsen ein unberührtes Feld. Die nächste markierte potenzielle Dienststelle für Freiwillige ist die Werkstatt für behinderte Menschen der Lebenshilfe in Köthen, Sachsen-Anhalt.

"Die Informationslage zum Bundesfreiwilligendienst ist bislang sehr dürftig", konstatiert Tobias Münscher-Paulig, Geschäftsführer der Stiftung St. Georg Hospital in Delitzsch. Für ihn wird das Thema nun brandaktuell: Ende des Monats verlässt der letzte Zivildienstleistende sein Haus - und hinterlässt eine Lücke von monatlich 160 Arbeitsstunden, die bis auf Weiteres nicht mehr geleistet werden. "Bislang hat sich kein Freiwilliger bei mir gemeldet", sagt Münscher-Paulig. "Und selbst, wenn einer käme, könnte ich ihn nicht ohne Weiteres einstellen, denn viele Fragen sind noch offen."

Insbesondere die Finanzierung des Dienstes birgt für den Chef des Altenpflegeheimes Rätsel. Laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zahlen die Einsatzstellen ein Taschengeld in Höhe von bis zu 330 Euro monatlich sowie die Beiträge für Renten-, Unfall-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. "Unklar ist für mich, wer die Miete für die Wohnung des Freiwilligen übernimmt. Die könnten wir uns nicht leisten", schildert Münscher-Paulig. "Selbst die zuständigen Regionalbetreuer, die den Helfern und Einsatzstellen zur Seite stehen, wissen noch nicht weiter."

Dabei ist das Altenpflegeheim in Delitzsch nicht das einzige Haus mit Nachwuchssorgen. In zahlreichen Einrichtungen in Nordsachsen laufen in den nächsten Monaten die letzten Zivildienststellen aus. "Wenn es keinen adäquaten Ersatz gibt, müssen andere Personallösungen gefunden werden. Die aber erhöhen die Kosten zum Beispiel für Pflegeplätze."