Delitzsch. Die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen haben in dieser Woche Vertreter aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft zur Aktion Perspektivwechsel aufgerufen. Thomas Kind, Landtagsabgeordneter der Linken, besuchte deshalb am Dienstag die Kindereinrichtung Freundschaft der Arbeiterwohlfahrt im Delitzscher Osten, um "zu sehen, was an der Basis auf den Nägeln brennt".
Etwas Besonderes sei für den Gast nicht vorbereitet worden, berichtete Leiterin Gisela du Bois. Vielmehr wurde der Politiker gleich mit einer Sorge der Eltern der Hortkinder konfrontiert - die Begleitung der Mädchen und Jungen auf dem Weg von der Schule in die Kindereinrichtung. "Dazu sind wir nicht verpflichtet", erklärte du Bois. Weil der Einrichtung keine Hilfskräfte wie Ein-Euro-Jobber mehr zur Verfügung stehen, sei das Abholen personell nicht abzusichern, so die Kita-Leiterin. Wie sich Kind selbst überzeugte, müssen die Kinder auf dem Weg von der Schule mehrfach die Straße überqueren. Deshalb tauschte er sich auch mit Eltern aus. In Form eines pädagogischen Projektes will die Kita zumindest die Abholung der Erstklässler und in der Anfangszeit auch die der Zweitklässler weiter absichern, erfuhr der Landtagsabgeordnete. Wie die Abholung der Hortkinder rechtlich und personal abzusichern ist, das sei ein Thema, über das es sich lohne in Dresden auch im Zusammenhang mit der Problematik Ganztagsschule zu diskutieren, so Kind. Die räumliche Trennung von Schule und Hort erlebte er im Delitzscher Osten einerseits als Nachteil (Abholung der Kinder) und andererseits als Vorteil, was die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung betrifft. Ansonsten legte er bei seinem fünfstündigen Aufenthalt in der Kita ordentlich mit Hand an, verteilte Essenportionen, half bei den Hausaufgaben und pfiff als Schiedsrichter ein Fußballspiel.
Unter dem Motto "Den Blick verändern", werben die Wohlfahrtsverbände mit ihre Aktion für eine stärkere Wertschätzung der sozialen Berufe. Kinds Parteikollege Michael Friedrich aus dem nordsächsischen Kreistag war gestern beim Verein Lebenshilfe Delitzsch in Döbernitz zu Gast und dabei unter anderem mit Behinderten bei der Erfassung von Altkleidern unterwegs. Die Idee, Politiker in soziale Einrichtungen zu schicken, damit sie spüren, wie das Leben mit seinen Problemen wirklich ist, fand er fantastisch. "Die Stunden hier sind inspirierend. Es ist beeindruckend, mit welchem Elan der Verein für Behinderte familienbegleitende Angebote absichert", so Friedrich. Gleichzeitig bedauerte er, dass es im Kreis solche Einrichtungen nicht flächendeckend gebe. "Ich hoffe, dass der Kreis Nordsachsen bei der Behindertenbetreuung nicht spart. Diese Mittel müssen bleiben", so der Linkspolitiker.