1. Juni 2011 Sebastian Stöber (Torgauer Zeitung)

Mehr Teilzeit, mehr befristete Verträge

Oschatz/Torgau/Nordsachsen (TZ/seb). Der Arbeitsmarkt eilt von einer Erfolgsmeldung zur nächsten. Auch im Monat Mai ist die Zahl der Arbeitslosen deutschlandweit, sachsenweit und auch in der hiesigen Region wieder gesunken. Das liegt nicht nur daran, dass weniger Menschen ihre Arbeit verloren – in Nordsachsen waren das im Mai 677. Guter Laune konnte die Oschatzer Agenturchefin, Marlies Hoffmann-Ulrich, gestern auch verkünden, dass 1027 Männer und Frauen im Vormonat einen Job aufgenommen haben.

Eine Zahl, die sie nicht unbedingt erwartet habe, räumt die Geschäftsführerin ein. Zwar sei der Fachkräftebedarf nach wie vor hoch, die Arbeitslosen mit entsprechenden Fähigkeiten im Bestand der Agentur seien aber fast ausgeschöpft. „Wer jetzt noch da ist, hat das eine oder andere Vermittlungshemmnis“, so Marlies Hoffmann-Ulrich. Deshalb sei eine „Strukturänderung bei der Art der Arbeitsverträge“ zu registrieren: weg von unbefristeten Arbeitsverhältnissen, hin zu befristeten Verträgen bis hin zu Teilzeitlösungen. Für die Agenturchefin ein Kompromiss der Arbeitgeber: „Sie nutzen das, um zu testen, ob der Mitarbeiter zu ihnen passt oder nicht“, begründete sie diesen Trend. Für Attila Peeck-Preimusc ist dieser allerdings alles andere als ein Grund zum Feiern. „Wir kritisieren schon seit Längerem“, so der Gewerkschaftssekretär des DGB Nordsachsen, „dass nach der Wirtschaftskrise vornehmlich prekäre Arbeitsverhältnisse geschaffen wurden.“ Gemeint seien Jobs in der Leiharbeit oder mit Befristungen. Die Begründung, Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssten sich erst einmal kennenlernen, lässt er nicht gelten: „Dafür gibt es doch die Probezeit. Ein halbes Jahrs sollte beiden Seiten wohl reichen, sich ein Bild machen zu können.“

„Der nordsächsische Stellenmarkt hat sich in den letzten Monaten erfreulich stabil gezeigt“, erklärte auch Jobcenter-Geschäftsführer Frank Germer. „Damit nahm auch die Zahl der Beschäftigungsaufnahmen zu.“ Zwei Drittel der wieder in Beschäftigung gekommenen Menschen kamen im Mai aus Hartz IV, für dessen Verwaltung Germers Jobcenter in Nordsachsen zuständig ist. Kritisch betrachtet dieser die rückläufige Mobilität der Bewerber und die infrastrukturellen Voraussetzungen innerhalb des Landkreises. „In und um Leipzig und in den Saisonbetrieben der Ernte herrscht momentan die größte Nachfrage nach Arbeitskräften. Wer nicht mobil genug ist, für den sind die Jobchancen mitunter eingeschränkt. Das muss aber nicht zwangsläufig so sein. Gute Beispiele von Fahrgemeinschaften und vom Öffentlichen Nahverkehr belegen das.“

Soll heißen, mehr und mehr Arbeitslose kommen auf den Trichter, dass sie ihrem Schicksal nur entrinnen können, wenn eine Arbeit beispielsweise in Leipzig nicht mehr ausgeschlossen wird und auch die schlechte Bus- und/oder Bahnanbindung keine Entschuldigung sein darf. Eine Entwicklung, die Frank Germer unter anderem auf die Veränderungen am zweiten Arbeitsmarkt zurückführt. Mit dem aktuellen Haushaltsjahr hat das Jobcenter die Ausgaben für diesen Bereich stark einschränken müssen. Das Ergebnis sind drastisch weniger Ein-Euro-Jobs und Co. Viele, die sich auf eine „Förderkarriere am zweiten Arbeitsmarkt“ eingestellt hatten, müssten nun umdenken, so Frank Germer. Es könnte sich lohnen. Laut Jobcenter-Geschäftsführer gibt es in vielen Branchen weiterhin Bedarf an Kräften.