13. November 2010 Kay Würker (Leipziger Volkszeitung)

Müssen Delitzscher Mittelschüler aufs Land?

Freie-Wähler-Stadtrat befürchtet Platzmangel nach Erhöhung der Gymnasium-Hürde / Bürgermeister: Kapazitäten genügen


Delitzsch. An den beiden Mittelschulen in der Loberstadt dürfte der Andrang künftig zunehmen. Ein größer werdender Anteil der Kinder aus den gut ausgelasteten Grundschulen werde die mittlere Reife anstreben, weil der Mindestnotendurchschnitt fürs Gymnasium von 2,5 auf 2,0 gesenkt worden ist. Die Mittelschulkapazitäten in Delitzsch reichen möglicherweise nicht aus, warnte Stadtratsmitglied Uwe Bernhardt (Freie Wählergemeinschaft). Die Stadtverwaltung sieht die Lage weniger bedrohlich.
Das erste Alarmsignal hat Uwe Bernhardt schon vernommen. "Bereits im vergangenen Jahr", so schilderte er am Donnerstagabend im Verwaltungsausschuss des Stadtrates, "fand ein Kind aus Delitzsch keinen Platz an einer Delitzscher Mittelschule und muss deshalb nun täglich mit dem Bus nach Krostitz fahren." Die Eltern seien von dieser Situation völlig überrollt worden.
Offenbar ist das im Moment noch ein Einzelfall. Doch Bernhardt sieht eine "latente Gefahr", dass künftig zahlreiche Grundschulabgänger aus der Loberstadt weite Wege zu entfernteren Einrichtungen in Kauf nehmen müssen, weil es Delitzsch an Kapazitäten mangelt.
Ausschlaggebend sind für ihn vor allem die seit diesem Schuljahr geltenden schärferen Aufnahmebedingungen fürs Gymnasium. Wer dort hin will, muss am Ende der vierten Klasse einen Notendurchschnitt von mindestens 2,0 in den Fächern Deutsch, Mathe und Sachkunde vorweisen. Zuvor reichte ein Schnitt von 2,5 in Mathe und Deutsch. "Daraus ergibt sich ein höherer Zulauf für die Mittelschulen", schlussfolgert Uwe Bernhardt. Und hakte bei der Verwaltung nach: "Wie wird die Unterbringung dort künftig gewährleistet?"
Eine erste Antwort erhielt das Stadtratsmitglied noch während der Ausschusssitzung. Bürgermeister Thorsten Schöne (parteilos) berichtete von einem Treffen mit den Leitern der Artur-Becker-Schule und der Mittelschule Delitzsch-Nord in diesem Jahr. Das Ergebnis: "Die Gesamtkapazität beider Einrichtungen ist voraussichtlich auch in Zukunft ausreichend" - trotz der härteren Zugangskriterien für Gymnasien. Denn auch aktuell komme es immer wieder vor, dass Gymnasiasten im Nachhinein noch an die Mittelschule wechseln, erklärte Schöne.
Allerdings: Die Auslastung der beiden Delitzscher Mittelschulen ist sehr unterschiedlich. Der Bürgermeister räumte ein, dass es tendenziell mehr Aufnahmeanträge für die Artur-Becker-Schule als für die Bildungsstätte im Norden gebe. So musste im Vorfeld des laufenden Schuljahres bereits eine Reihe von Kindern an den Kosebruchweg verwiesen werden, obwohl sie lieber in der Oststraße unterrichtet worden wären. "In Zusammenarbeit mit der Sächsischen Bildungsagentur wird anhand eines Auswahlverfahrens entschieden, bei dem vor allem Geschwisterkinder oder der Wohnort eine Rolle spielen", sagte Schöne.
Zumindest diese Ost-Nord-Bewegung dürfte in Zukunft also anhalten oder noch zunehmen. Die Frage, ob künftig viele Mittelschüler überhaupt keinen Platz mehr in Delitzsch finden, soll nun detailliert mit statistischen Zahlen beantwortet werden. Mit einer Antwort ist zur nächsten Stadtratssitzung zu rechnen.