Oschatz. Die sinkende Arbeitslosigkeit wirft ein neues Problem auf: Fachkräfte werden rar. Die Arbeitsagentur Oschatz will deshalb mehr Frauen in den Beruf und in Vollzeitjobs bringen.
Frühestens um 6 Uhr kann Jacqueline Obst ihre vierjährige Tochter Miléne in die Kindertagesstätte bringen. Um diese Zeit beginnt aber auch die Frühschicht für die Heilerziehungspflegerin bei einer Häuslichen Krankenpflege in Oschatz. Eigentlich ein unlösbares Problem. Doch zusammen mit ihrer Chefin hat die 28-Jährige eine Lösung gefunden. "Ich darf eine halbe Stunde später anfangen und bin in der Woche nur zum Frühdienst eingeteilt", sagt die Oschatzerin. Auch ihre Kollegin Yvonne Lehfeld - alleinerziehende Mutter von vier Kindern - macht von dieser Möglichkeit Gebrauch. "Ansonsten würde das nicht funktionieren", sagt die 40-Jährige. Ihre Chefin: "Auf diese Weise gewinnen wir Fachkräfte, die hochmotiviert sind." Marlies Hoffmann-Ulrich wertet die "Muttischichten" im Unternehmen von Grit Hanisch als vorbildhaft. "Wer flexible Arbeitszeiten anbietet, ist der Gewinner der Zukunft", sagt die Leiterin der Arbeitsagentur Oschatz. Aus ihrer Sicht sollten diesem Beispiel deutlich mehr Unternehmen folgen. Denn hier liege ein Potenzial an Fachkräften brach, das es zu mobilisieren gelte.
Potenzial ist ausreichend vorhanden. Denn mehr als 80 Prozent aller Teilzeitbeschäftigungen im Einzugsbereich der Arbeitsagentur Oschatz werden - notgedrungen - von Frauen ausgeübt. "Mehr als die Hälfte dieser Mütter wünscht sich eine Vollzeittätigkeit", weiß Yvonne Lange und schränkt gleichzeitig ein, "wenn es passt". Oftmals passt es mit der Kinderbetreuung nicht, weiß die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt im Jobcenter Nordsachsen. Besonders in Randzeiten - also außerhalb der regulären Betreuungszeiten der Kitas von 6 bis 17 Uhr - gehe es oft nicht ohne die Hilfe von Oma und Opa. Sind die nicht zur Stelle, wird es schwierig. Dann sind die Unternehmer gefragt. Yvonne Lange weiß, wovon sie spricht. Der Mutter einer neunjährigen Tochter wurde von ihrem Arbeitgeber die Möglichkeit der Telearbeit angeboten. So kann die Beauftragte für Chancengleichheit Familie und 36-Stunden-Woche unter einen Hut bringen. Was sie im Amt nicht schafft, das kann die junge Frau am Abend zu Hause am Computer erledigen. "Bis vor etwa zwei Jahren hat sich kaum jemand um dieses Thema gekümmert. Aber jetzt gibt es einen Fachkräftemangel", weiß Petra Krause, Teamleiterin Arbeitgeberservice. In ihrem Team nutzen zwei Mitarbeiterinnen die Telearbeit. "Wir machen damit gute Erfahrungen. Die Arbeitsergebnisse sind trotzdem messbar", sagt Krause.