2. Dezember 2011 Klaus Staeubert; Frank Pfütze (Leipziger Volkszeitung)

Nordsachsen fühlt sich von Leipzig hintergangen

Vor geplanter Wirtschaftskooperation eskaliert zwischen beiden Seiten der Streit um das Outlet-Center in Wiedemar

Dicke Luft zwischen Leipzig und dem Landkreis Nordsachsen. Und wieder geht es um das Factory-Outlet-Center (FOC), das der holländische Investor Stable International an der Autobahn A9 in Wiedemar errichten will. Er fühle sich von Leipzig "hintergangen", wütete gestern Nordsachsen-Landrat Michael Czupalla (CDU). Er ist der prominenteste Verteidiger des 50-Millionen-Euro-Projektes, das in Leipzig auf erhebliche Widerstände stößt.
Enttäuscht ist er vor allem von Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), mit dem er bis zum Dienstag Stillschweigen vereinbart habe. Es ist der Tag, an dem die Verwaltungsrichter über die Zulässigkeit des Bauprojektes vor den Toren der Messestadt (10000 Quadratmeter, 60 Designer- und Markentextiliengeschäfte, geschätzte 40 Millionen Euro Jahresumsatz, 500 Beschäftigte) entscheiden sollen. "Wir wollten den Gerichtstermin abwarten", sagte Czupalla, "jetzt lese ich solchen Unsinn in der Zeitung. Was soll das? Eine Stadt wie Leipzig sollte global denken und handeln."
Er bezog sich auf eine LVZ-Veröffentlichung über ein internes Rathauspapier, in dem das Baudezernat dem Stadtrat mitteilte, dass Leipzig auch weiterhin sowohl den Bau des FOC in Wiedemar als auch des etwas weiter entfernten, in Sachsen-Anhalt gelegenen FOC Brehna juristisch bekämpfen werde.
Unterdessen hat Oberbürgermeister Jung seine Ablehnung von Factory-Outlet-Centern in Leipzigs Umgebung auch öffentlich noch einmal bekräftigt. "Wir bleiben bei unserer Grundhaltung: Die Entwicklung von solchen Centern auf der Grünen Wiese an den Autobahnen ist städteplanerisch falsch", sagte Jung auf einem Unternehmertreffen des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft in Leipzig. Diese Fabrikverkaufszentren zögen "weiter Kaufkraft aus den Städten heraus". Leipzig halte daher seine Klagen gegen die Projekte in Wiedemar und Brehna aufrecht. Jung: "Ich werde nicht zurückziehen." Allerdings war Leipzig bereits mit dem Versuch, einen Baustopp beider Vorhaben zu erwirken, in der ersten Runde gescheitert.
Für Czupalla müsse eine Stadt wie Leipzig solche Wirtschaftsansiedlungen in der Nachbarschaft verkraften. Dem niederländischen Investor versicherte er auch weiterhin seine volle Unterstützung. In den nächsten Tagen sei ein Treffen vereinbart. Czupalla: "Wir werden um den Standort Wiedemar kämpfen. Wichtig ist auch, dass die über 60 Mieter nicht abspringen." Allein durch das FOC Brehna, dessen Jahresumsatz mit 81 Millionen Euro beziffert wird, drohen nach einem Gutachten des Landkreises Anhalt-Bitterfeld der Leipziger Innenstadt, dem Allee-Center in Grünau und dem Paunsdorf-Center jeweils fünf Prozent Kaufkraftverlust (die LVZ berichtete)
Brisant: Bis zum 30. Juni wollen die Stadt Leipzig, die Landkreise Leipzig und Nordsachsen sowie die Industrie- und Handelskammer eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft für die Region gründen (die LVZ berichtete). Für Czupalla stehe dieses gemeinsame Vorhaben in einem "starken Widerspruch" zu der Klage. Heute treffen Jung und Czupalla beim Regionalkonvent in Bad Düben aufeinander. "Das werden keine lustigen Gespräche", kündigte der Kreischef an. Nicht ausgeschlossen, dass er Jung mit dem Abbruch der Wirtschaftsförderungsgespräche droht, sollte Leipzig seinen Kurs beim FOC nicht ändern. Das könnte dann durchaus zum Bumerang für Jung werden. Denn Leipzig hat ein starkes Interesse an der gemeinsamen Wirtschaftsförderung. Jung: "Wir erleben zunehmend, dass unsere Flächen geringer werden. Wir können große Ansiedlungen nicht mehr allein auf dem Gebiet der Stadt weiterentwickeln. Wir brauchen das Umland."