Kreisgebiet. Die Wohlfahrtsverbände in Nordsachsen sind von der Streichung der sogenannten Tauris-Mittel des Freistaates betroffen. Tauris ist eine sächsische Stiftung. Sie steht für "Tätigkeiten und Aufgaben: Regionale Initiativen in Sachsen". Die Initiative fördert nach eigenen Angaben das freiwillige Engagement und die gesellschaftliche Integration von Arbeitslosen.
Bei der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Nordsachsen bekamen die über Tauris beschäftigten Ehrenamtlichen eine monatliche Entschädigung in Höhe von 78 Euro, wovon die Stiftung bislang 58 Euro beisteuerte, der Awo-Kreisverband 20 Euro. Das sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz stellt die Förderung nunmehr zum 15. Dezember ein. Wie Awo-Geschäftsführerin Kathrin Enders informiert, seien von dem Wegfall der Gelder kreisweit die Betreuung von Senioren und Tätigkeiten in Kindertagesstätten betroffen - insgesamt 16 Projekte. Leute, die über Tauris tätig waren, lasen Kindern und Senioren vor oder gingen mit ihnen spazieren. "Uns ist eine Lücke entstanden, die wir nicht mehr schließen können", erklärt Enders weiter. Zwar sei ein Großteil der Tauris-Leute bereit, weiter ehrenamtlich und ohne Aufwandsentschädigung zu arbeiten, aber dies sei nicht Sinn und Zweck der Sache. Regelrecht von den Socken sei sie gewesen, als die Mittelstreichung just in der Zeit bekanntgegeben wurde, als die bundesweite Woche des bürgerschaftliches Engagements war. "Das war für uns ein Schlag ins Gesicht", so Enders.
Auch Hans-Otto Schlotmann, Leiter des St. Martin Caritas Hilfeverbunds in Eilenburg, kritisiert die Streichungen. Diesen fielen aktuell drei Projekte zum Opfer. "Das ist ein Qualitätsverlust, und das nicht nur für die Bewohner unseres Heimes, sondern auch für die Ehrenamtlichen", konstatiert der amtierende Sprecher der Liga der Wohlfahrtsverbände im Kreis. Die Menschen hätten sich gebraucht gefühlt und gingen einer Beschäftigung nach. Viele "kleine Extras", die die Tauris-Leute mit ihrem Einsatz erledigt hätten, fielen nunmehr weg. Bei der Caritas halfen die Ehrenamtler bei der Ganztagsbetreuung aus, lasen Senioren vor und erledigten mit Kindern Hausaufgaben.
Die Diakonie Delitzsch-Eilenburg ist in einem Fall betroffen. "Wir sind offen für den zweiten Arbeitsmarkt und begrüßen alle Initiativen", sagte Geschäftsführer Thomas Rauer. Insbesondere mit der Tauris-Stiftung sei die Zusammenarbeit gut gewesen.
Laut Sozialministerium werden die bislang für den Förderbereich Tauris vorgesehenen Mittel nicht gekürzt. Vielmehr würden in Zukunft "gerade Kleinprogramme wie Lokales Kapital für soziale Zwecke gestärkt, welches ebenfalls über den Europäischen Sozialfonds gefördert wird", geht aus einer Mitteilung des Ministeriums hervor. Das neue Programm böte die Möglichkeit, "beschäftigungsfördernde Projekte viel stärker an den lokalen Gegebenheiten auszurichten. Gerade kleine Vereine und Verbände vor Ort können von dieser Förderung besser partizipieren", heißt es weiter.
Das sieht Awo-Chefin Enders anders. "Tauris war reines Ehrenamt - das ist bei Lokales Kapital für soziale Zwecke so nicht möglich. Wir haben darüber schon Förderungen erhalten. Die Antrags- und Abrechnungsmodalitäten sind sehr umständlich." © Standpunkt
Kathrin Enders: Das war für uns ein Schlag ins Gesicht.
Entscheidungen bringen es mit sich, dass sie für die eine Seite gut sind, für die andere dagegen schlecht. Im Fall der sächsischen Tauris-Stiftung ist das nicht anders. Das Geld des Freistaates ist bekanntlich knapp bemessen, also muss gespart werden. Logisch. Doch warum ausgerechnet bei denen, die ohnehin mittlerweile als die Gelackmeierten gebrandmarkt sind - Stichwort Kürzungen im Jugendbereich? Es trifft die Wohlfahrtsverbände in erster Linie, jene Organisationen, die sich für Menschen am Rand der Gesellschaft einsetzen, die sozial schlechter gestellt sind. Jene Verbände, die mit wenigen Mitteln am Ende viel bewirken können. Klar geht es hier knallhart ums Geld. Aber das ist eben nicht alles. Es geht um mehr, um das Gefühl der Anerkennung und des Gebrauchtwerdens Arbeitsloser, es geht um weniger als 100 Euro, ein kleiner Obolus, verdient allemal. Die Streichung der Gelder ist der eine Punkt, die Auflage eines neuen Fonds der andere, zumal dessen Handhabe umständlicher sein soll. Eine Rückwärtsrolle wird es wohl nicht mehr geben - trotz flächendeckender Kritik. Ein Rückschritt ist es aber allemal - und der ist mitunter folgenreich für die Sozialverbände und die Menschen, die auf bessere Zeiten hofften.