11. März 2011 Ulrich Milde (Leipziger Volkszeitung)

Wettrennen der Outlet-Center

Halle gibt Widerstand gegen Brehna auf, um Wiedemar zu verhindern


Der Streit um die Outlet-Center in Wiedemar und Brehna geht in die nächste Runde. Die Stadt Halle hat ihr Nein zum Center in Brehna aufgegeben. Leipzig hält dagegen am Widerstand gegen beide Projekte fest.
Halle hat sich nach Angaben von Wirtschaftsdezernent Wolfram Neumann "für das kleinere Übel" entschieden. Die Stadt geht nicht mehr gegen das geplante Outlet-Center im benachbarten Brehna vor. Ziel dieser Kehrtwende soll sein, dadurch das Center in Wiedemar zu verhindern. Die Logik, die hinter der Argumentation steht: Neumann, einst Referent von Leipzigs Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht (CDU), geht davon aus, dass sich in dieser Region zwei Outlet-Center, in der nicht mehr ganz so aktuelle Markenmode verkauft wird, nicht tragen. "Die Anbieter sind nahezu identisch und kommen nicht zweimal hierher", sagte Neumann der LVZ.
Brehna sei für die Saalestadt leichter zu verkraften, da lediglich fünf bis acht Prozent des Einzelhandelsumsatzes dorthin abfließen würden. Bei Wiedemar rechnet Neumann mit höheren Kaufkraftverlusten für seine Stadt. In Brehna will ein spanischer Investor an der Autobahn A 9 aus dem vorhandenen Einkaufszentrum ein 10000 Quadratmeter großes Factory-Outlet-Center machen. "Der Umbau wird schneller gehen als der Neubau in Wiedemar", meint Neumann. "Dadurch schafft Brehna Tatsachen."
In Wiedemar, zwei Autobahnausfahrten von Brehna entfernt, will die holländische Firma Stable International Development aus der Halle eines Elektronikmarktes ein 10000 Quadratmeter großes Mode-Einkaufszentrum machen. Die Holländer nehmen dafür 50 Millionen Euro in die Hand. 60 Geschäfte sollen reduzierte Vorjahreskollektionen, zweite Wahl, Restposten und Überhangproduktion an den Mann oder die Frau bringen. 500 Arbeitsplätze sollen entstehen. Erwartet werden jährlich rund 1,5 Millionen Besucher aus einem Umkreis von bis zu 200 Kilometern. Sie sollen für einen Umsatz von rund 55 Millionen Euro pro Jahr sorgen. Ein Drittel davon geht Analysen zufolge auf Kosten der Leipziger City. Im Sommer 2012 soll Eröffnung sein.
Von Neumanns Kalkül, Brehna werde Wiedemar verhindern, zeigt Stable International sich unbeeindruckt. Die Frage, ob die Niederländer ihre Investitionspläne angesichts dieses Wettrennens zurückziehen, "stellt sich nicht", sagte Stable-Geschäftsführer Kees Woltering. "Wir beginnen mit den Bauarbeiten in wenigen Wochen." Es könne nur einen geben, "und das werden wir in Wiedemar sein". Die Frage stelle sich also eher für die Investoren in Brehna, "die übrigens keinerlei Erfahrungen mit der Entwicklung und dem Betreiben von Outlet-Centern haben".
Für Leipzigs Baubürgermeister Martin zur Nedden (SPD) kommt ein Einknicken nicht in Frage. Die Stadt halte an ihrem Widerstand gegen das Projekt in Brehna fest. Das Verfahren werde vor dem Landesverwaltungsamt durchgezogen. "Eine Klage wurde noch nicht erhoben, da der Widerspruchsbescheid noch nicht ergangen ist." Leipzig habe allerdings darauf verzichtet, zur Erzielung eines sofortigen Baustopps vor dem Oberverwaltungsgericht in die zweite Instanz zu gehen. Das Verwaltungsgericht habe ausgeführt, dass Halle sehr viel stärker beeinträchtigt werde. "Zum damaligen Zeitpunkt war nicht erkennbar, dass die Stadt Halle das Verfahren nicht weiter betreiben wird", so der Bürgermeister. Er bekräftigte, dass die Stadt sich "im Interesse des Schutzes der Innenstadt" sowohl gegen das Center in Brehna als auch gegen das in Wiedemar ausspreche.
Zwar hat das Oberverwaltungsgericht in Bautzen einen Antrag auf sofortigen Baustopp gegen Wiedemar abgelehnt. Dennoch bleibe Leipzig bei der Klage. Im Hauptsacheverfahren sind die Erfolgsaussichten laut zur Nedden offen. Das Gericht habe in seiner Entscheidung zum Baustopp nicht über die Bedenken der Stadt mit Blick auf eine strukturverträgliche Entwicklung des Einzelhandels in der Region entschieden. Zudem habe das Gericht deutlich gemacht, dass Stable International das Risiko trägt, sollte das Center nach Fertigstellung doch noch verboten werden.
Zur Nedden widersprach Vorwürfen, die geplanten Höfe am Brühl würden den bestehenden Innenstadthandel mindestens genauso stark gefährden wie es das Outlet-Center mache. Es sei eindeutig nachgewiesen worden, dass dieses neue Einkaufszentrum für die Leipziger City verträglich sei "und das Angebot der Innenstadt im bisher schwachen nordwestlichen Bereich sinnvoll ergänzt". Hierzu seien sortimentsbezogene Verkaufsflächenobergrenzen im Bebauungsplan "verbindlich festgesetzt" worden. Die Verkaufsfläche sei auf 27500 Quadratmeter begrenzt. Zudem sei zu berücksichtigen, dass die Verkaufsfläche der Innenstadt sich netto um 16000 Quadratmeter erhöhe; zumindest, wenn die 11500 Quadratmeter der frühen Blechbüchse berücksichtigt werden.