12. Juli 2011 Leipziger Volkszeitung

Wohnungsmarkt auf "Energie-Prüfstand"

Studie deckt Nachholbedarf im Landkreis Nordsachsen auf

Kreisgebiet (red). Erstmals hat jetzt eine Studie das Energiespar-Potenzial für den Wohnungsmarkt im Landkreis Nordsachsen ermittelt. Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass sich mehr als 386000 Megawattstunden an Energie pro Jahr sparen lassen, wenn alle Altbauten im Landkreis Nordsachsen auf das Energieniveau eines Neubaus gebracht werden. Umgerechnet auf die Einwohner in Nordsachsen würde dies einer jährlichen Einsparung von 185 Liter Heizöl pro Kopf entsprechen.
Das geht aus Berechnungen hervor, die das Pestel-Institut zusammen mit der "Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen" (Arge) gemacht hat. Die Untersuchung wurde unter anderem für den Deutschen Mieterbund (DMB) und die IG Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) durchgeführt. "Ziel ist es, das enorme Potenzial, das der Wohnungsbau beim Energiesparen bietet, zu nutzen", sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut. Immerhin gehe 35 Prozent des gesamten Energieverbrauchs auf das Konto von Gebäuden. "Insbesondere bei Nachkriegsbauten sind die Heizkosten enorm - und sie werden weiter steigen. Wenn gerade für Einkommensschwache das Wohnen künftig noch bezahlbar bleiben soll, dann führt kein Weg an der energetischen Gebäudesanierung vorbei", so Günther.
Auch die Investitionen für eine umfassende Gebäudesanierung haben die Wissenschaftler errechnet - und zwar für den kompletten Wohnungsbestand, der bis Ende der 1970er-Jahre gebaut worden ist: 1,63 Milliarden Euro sind demnach notwendig, um die Altbauten im Landkreis Nordsachsen auf das "Wärmespar-Niveau" zu bringen, das nach der Energieeinsparverordnung für Neubauten vorgeschrieben ist. "Das ist Geld, von dem in erster Linie die heimische Bauwirtschaft profitieren würde", sagt Günther. Damit könnten in Nordsachsen für die kommenden 30 Jahre sogar mehr als 540 neue Arbeitsplätze auf dem Bau dauerhaft geschaffen werden, so das Pestel-Institut.
Um Hausbesitzern den nötigen Anstoß zum energiesparenden Sanieren zu geben, seien dringend zusätzliche Anreize notwendig. Die Förderung für die energetische Gebäudesanierung müsse "auf sichere Füße gestellt" werden. Daher sollte der Bund für die Fördergelder der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) über mehrere Jahre hinweg eine feste Zusage geben. Wer sein Haus saniere, brauche eine Finanzierung, auf die er sich verlassen könne. Denn Hausbesitzer, die befürchten müssten, dass Fördertöpfe leer liefen bevor die Arbeiten abgeschlossen seien, fingen erst gar nicht mit der Sanierung an. Deshalb seien kurzfristig mindestens zwei Milliarden Euro an KfW-Fördermitteln jährlich für die energetische Gebäudesanierung notwendig. Mittelfristig sogar fünf Milliarden Euro, hat die Initiative von Mieterbund, IG Bau, Mauerwerks- und Wohnungsbau-Dachverband sowie Baustoff-Fachhandel ausgerechnet. Die Bundesregierung habe jedoch angekündigt, lediglich 1,5 Milliarden Euro bereitzustellen. Das sei eindeutig zu wenig. Darüber hinaus müssten für die energetische Gebäudesanierung gezielt steuerliche Anreize und Abschreibungsmöglichkeiten geschaffen werden. Mieter sollen davon übrigens profitieren: Es müsse sichergestellt werden, dass jede staatliche Förderung, die die Sanierungskosten senke, auch an die Mieter weitergegeben werde.