Delitzsch. Rund vier Jahre Erfahrung haben sie inzwischen, doch diese Situation ist für die Fördermittel-Juroren des Vereins Delitzscher Land völlig neu. Das finanzielle Volumen der Förderanträge übersteigt das zu verteilende Budget um ein Vielfaches. Kommunen, Firmen und Privatleute aus dem ländlichen Raum um Delitzsch haben für nächstes Jahr mehr als 70 Projekte eingereicht, hoffen auf Gelder vom Freistaat. Um das Bedeutendste auszuwählen, beschloss das Gremium vorgestern Kriterien.
Etwa zweieinhalb Stunden dauerte die Sitzung der 23-köpfigen Runde. Unternehmer, Verwaltungsmitarbeiter und Ehrenamtler gehören dazu. Sie bilden den Fachbeirat des Vereines Delitzscher Land, den sogenannten Koordinierungskreis. Ihre Aufgabe: eingereichte Projektanträge nach einem Punktesystem zu bewerten und damit in erster Instanz über die Förderfähigkeit zu entscheiden. Was die Prüfer befürworten, hat Aussicht auf finanzielle Unterstützung. Denn die Region um Delitzsch ist ein Leadergebiet, das einzige in Nordsachsen. Leader nennt sich das europaweite Förderprogramm zur Entwicklung des ländlichen Raumes. 75 Prozent Projekt-Zuschuss gibt es für Vereine und soziokulturelle Zwecke, 89 Prozent für öffentliche Straßen, 50 Prozent für Unternehmen und Privatleute. Das Geld wird vom Freistaat Sachsen ausgezahlt, das Landratsamt stellt den Bewilligungsbescheid aus. Doch auf dem Behörden-Schreibtisch landet nur, was zuvor vom Koordinierungskreis positiv bewertet wurde.
Dieses Votum allerdings ist für das Fachgremium derzeit schwieriger denn je. Denn die Förderperiode, die von 2007 bis 2013 währt, neigt sich dem Ende - ebenso das zur Verfügung stehende Geld. "In den Vorjahren konnte die Förderregion jeweils vier bis fünf Millionen Euro nutzen, für 2012 sind es lediglich 1,5 Millionen Euro", schildert Regionalmanagerin Ilka Prautzsch vom Verein Delitzscher Land. Demgegenüber stehen Anträge mit einem Gesamtvolumen von fast acht Millionen Euro. Hinzu kommt: 560000 Euro des Budgets für nächstes Jahr sind bereits für den Neubau der Kita Zauberhaus am Delitzscher Stadtrand reserviert (wir berichteten). Der Einrichtung kommt zugute, dass die Planungen und Vorbereitungen bereits weit fortgeschritten sind und sogar noch zusätzliche Fördermittel vom Freistaat gebunden werden konnten.
Und was wird aus den gut 70 anderen Anträgen? Der Koordinierungskreis hat am Mittwoch Kriterien aufgestellt, um "objektiv und nachvollziehbar" auswählen zu können, berichtet Ilka Prautzsch. Im Vordergrund steht dabei die von der Mitgliederversammlung des Vereins beschlossene Dreiteilung des Budgets. "Es gibt drei Handlungsfelder, um die Fördermittelvergabe möglichst breit aufzustellen: Wirtschaft, Daseinsvorsorge sowie Kultur- und Seenlandschaft", erklärt Prautzsch. Allein 44 Anträge betreffen den Bereich Daseinsvorsorge - darunter viel Straßen- und Wegebau, aber auch zehn Kirchen sowie Vereinsanlagen und geplante Umnutzungen leerstehender Gebäude für private Wohnzwecke. Der Koordinierungskreis entschied, dass in diesem Handlungsfeld nur gefördert wird, was einer breiten Öffentlichkeit nützt. Damit werden zum Beispiel private Wohnprojekte zurückgestellt. Drei Vorhaben sind nun in der Vorauswahl.
In den beiden anderen Bereichen hingegen werden noch Projekte gesucht. Denn nicht alles, was dort bereits an Anträgen vorliegt, entspricht den aktuellen Kriterien. So lauten die Bedingungen für Wirtschaftsprojekte: Sie müssen Arbeitsplätze schaffen und erneuerbare Energien einsetzen. Infrage kommt die Umgestaltung verwaister Gebäude für Gewerbe, die Außensanierung von bereits genutzten Gewerbeobjekten oder die mobile Ausstattung für Firmen. Im Bereich Kultur- und Seenlandschaft steht Tourismus im Vordergrund - also etwa die Errichtung von Ferienwohnungen. Abbrüche und Entsiegelungen werden vorerst zurückgestellt. Im Februar soll der Koordinierungskreis sein endgültiges Votum abgeben.