30. Januar 2012 Nico Fliegner (Leipziger Volkszeitung)

"Ein Wunschkonzert, nicht mehr"

Landesentwicklungsplan wirft im Bereich Straßenbau neue Fragen auf

Kreisgebiet. Der Freistaat Sachsen will der Bundesstraße 2, Abschnitt Leipzig-Bad Düben, und der Kurstadt selbst in den kommenden Jahren offenbar seine volle Aufmerksamkeit schenken. Das geht zumindest aus dem Entwurf des Landesentwicklungsplans 2012 hervor, der nunmehr zur Beteiligung der Öffentlichkeit freigegeben wurde. Im Bereich Straßenbau sieht er etliche Ortsumgehungen in Nordsachsen vor. Doch der Plan sorgt auch für Verwirrung. Denn plötzlich stehen Straßen drin, von denen viele dachten, sie hätten sich längst erledigt.

Eine dieser auf die Agenda gerückte Trasse ist die B 6 n mit ihren Umgehungen für Bad Düben sowie für Kossa, Görschlitz und Pressel. Der Freistaat plant demnach intensiv mit ihr, was wiederum bedeutet, dass die autobahnähnliche Bundesfernstraße aus Sachsen-Anhalt kommend - Kreuz Wolfen (Bundesautobahn 9 über Bitterfeld) - bis nach Bad Düben auf die B 183 und weiter in Richtung Torgau führen wird. Das hatte vor ein paar Jahren zu heftigen Diskussionen in der Region geführt, nicht zuletzt, weil sich die B 6 n direkt durch den Naturpark Dübener Heide schlängeln würde mit Folgen für Natur, Tourismus und Lebensqualität. Besonders betroffen wäre das Naturschutzgroßprojekt Presseler Heidewald- und Moorgebiet. Es würde zerteilt und die Kurstadt Bad Düben von der Heide getrennt, weil die Trasse auf der Nordspange (Windmühle) Richtung Osten führt.
Zwischenzeitlich hatten Bundespolitiker wie der Grünen-Abgeordnete und Verkehrsexperte Stephan Kühn diese Pläne wegen Nichtfinanzierbarkeit gedanklich schon beerdigt. Doch jetzt tauchen sie wieder auf und sorgen für Unruhe, zumindest in Bad Düben. "Wir wissen, dass die Straße im Landesentwicklungsplan Sachsen-Anhalt drin steht", sagt Bürgermeisterin Astrid Münster (FWG). "Für uns sind viele Fragen offen. Mein Wunsch deshalb an das sächsische Wirtschaftsministerium, sich endlich mal dazu zu äußern."
Während also die Ortsumgehung B 6 n in Bad Düben kritisch beäugt wird, sieht die Stadtchefin eine weitere Umgehung für die Kurstadt gern kommen. Auch eine solche steht im Plan, allerdings im weiteren Bedarf, was nach wenig Dringlichkeit aussieht. Diese Straße würde vor allem den innerstädtischen Verkehr entlasten und folgende Streckenführung haben: Von der S 11 (Total-Tankstelle) führt sie Richtung Gewerbegebiet und weiter zur Schmiedeberger Straße, dann zur B 2, wo sie auf die Nordtangente aufschließt. "Das die im Plan steht, ist klasse", sagt Münster, wohlwissend, dass die Straße Pluspunkte für den Kurstadtstatus brächte.
Pluspunkte für Hohenossig und Krensitz sieht derweil auch der Krostizer Bürgermeister Wolfgang Frauendorf (CDU) mit den geplanten Umgehungen für die zwei an der B 2 liegenden Dörfer. "Hohenossig liegt uns sehr am Herzen", erklärt er. Allerdings steht die Umfahrung in Abhängigkeit zur B 87 n, über die derzeit heftig gestritten wird. "Es ist traurig, dass es da nicht voran geht", so Frauendorf weiter. Die Hohenossiger hätten noch mehr unter dem B-2-Verkehr zu leiden als die Wellauner, deren Ortsumgehungs-Projekt derzeit am weitesten vorangeschritten ist. Es steht wie Hohenossig im vordringlichen Bedarf. Doch für die Trasse sind bereits die Gelder gesichert - die über fünf Millionen Euro veranschlagten Kosten stehen im Haushaltsplan des Bundes. Damit kann die Planfeststellung in diesem Jahr beginnen.
Bundespolitiker Kühn jedenfalls sieht das Ganze wenig euphorisch. "Das ist ein Wunschkonzert, nicht mehr", sagt er. Einzig Wellaune rechnet er gute Chancen in Sachen Realisierung aus. Die B 6 n und B 87 n seien derweil weiterhin nicht finanzierbar. "Schon jetzt klafft im Investitionsrahmenplan eine zehn Milliarden Euro große Lücke." Der Freistaat schreibe "unzählige Projekte" in den Landesentwicklungsplan und "suggeriert damit den Bürgern, dass etwas gemacht wird". Doch weder B 6 n noch B 87 n stehen überhaupt im Investitionsrahmenplan des Bundes drin. "Die haben schlichtweg keine Chance", so Kühn, zumal der Bund den Straßenerhalt statt den Neubau favorisiere.