15. Dezember 2011 Nico Fliegner; Frank Hörügel (Oschatzer Allgemeine Zeitung)

Identitätssuche mit Hindernissen

Landratsamt Nordsachsen befürchtet Chaos bei Rückkehr alter Kfz-Kennzeichen

Delitzsch/Oschatz. Während in Städten in Nordrhein-Westfalen gerade eine politische Diskussion um die Wiedereinführung eigener Kfz-Kennzeichen entbrannt ist, ist Delitzsch bereits einen Schritt weiter und will Nägel mit Köpfen machen. Der Stadtrat wird auf seiner heutigen Sitzung über eine Willensbekundung zum "DZ" entscheiden. Die Stadt Oschatz will dagegen erst einmal abwarten, bis der Gesetzentwurf des sächsischen Wirtschaftsministeriums vorliegt.
Wie groß sind die Chancen, dass die Städte im Landkreis Nordsachsen wieder ihre alten Kennzeichen einführen können? Und was bringt es? Die Gesetzeslage sei eindeutig, sagt Klaus Huth, Leiter des Straßenverkehrsamtes des Landkreises Nordsachsen, das wiederum für Kfz-Zulassungen verantwortlich ist. Die Städte könnten zwar ihren Willen bekunden, doch letztlich bedeutet dies nicht automatisch, dass die Delitzscher ihr "DZ" oder die Oschatzer ihr "OZ" sofort zurück bekommen. Denn dazu müsste der Bund erst einmal die Fahrzeugzulassungsverordnung entsprechend ändern.
Dies sei bislang nicht geschehen, ergänzt Ellen Hartmann vom Sachgebiet Zulassung. "Uns ist durchaus bewusst, dass dies ein Thema ist, über das man spricht", sagt sie. "Das Kennzeichen ist des Fahrzeughalters liebstes Kind", weiß auch der Amtsleiter. Und es gebe durchaus vermehrte Anfragen in seiner Behörde, sowohl von Bürgermeistern als auch von Bürgern, die wissen wollten, wie die Sachlage ist. Letztlich sei Vieles aber noch unkonkret.
Sollte die Verordnung einmal geändert werden, bedeute dies wiederum einen enormen Aufwand. Einerseits für die Kommunen selbst, andererseits für die Fahrzeughalter. Was also in der Theorie offenbar gut klingt und letztlich gut gemeint ist, um mehr Identität, ja gar ein Heimatgefühl zu schaffen, kann im schlimmsten Fall ein großes Durcheinander auslösen oder zumindest für Irritationen sorgen. Experten bezweifeln sogar die Frage des Marketingwerts mit einem eigenen Kfz-Kennzeichen.
"Da hängt eine ganze Kette dran", sagt Klaus Huth. Interessant: Eine Untersuchung der Hochschule Heilbronn hat ergeben, dass im bundesweiten Durchschnitt 73 Prozent der Befragten die Rückkehr zu den Altkennzeichen unterstützt. Dazu wurden mehr als 30 000 Personen befragt. Klaus Huth: "So nachvollziehbar die derzeitigen Strömungen sind, aber wie sich das Ganze dann in der Praxis darstellt, daran denkt im Augenblick niemand und das ist eher sehr kompliziert."
Für die Zulassungsstelle würde es jedenfalls einen Mehraufwand mit sich bringen. Erst Recht, wenn die jeweilige Kommune die Aufgabe der Kfz-Zulassung dann in Eigenregie übernehmen wollte. Sie müsste zusätzliches Personal vorhalten. "Das kann man nicht einfach so nebenbei machen", weiß Ellen Hartmann aus Erfahrung. Letztlich seien solche kleinen, individuellen Lösungen mit einem Kostenaufwand verbunden - mehr Technik, mehr Personal. "Das soll nicht heißen, dass wir dagegen sind. Aber es wären Insellösungen, das ist unbestritten", betont Huth.
Der Oschatzer Stadtrat hat sich zwar gegen eine Befragung zu Wunsch-Kennzeichen durch die Uni Heilbronn gestellt. "Aber der Stadtrat hat sich nicht gegen die Wiedereinführung des OZ-Kennzeichens ausgesprochen", sagte Oberbürgermeister Andreas Kretschmar (parteilos). Sobald ein Gesetzentwurf des sächsischen Wirtschaftsministeriums zur künftigen Verfahrensweise vorliege, werde die Stadt reagieren, so Kretschmar (wir berichteten).