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Sebastian Lindner (Oschatzer Allgemeine Zeitung)

Der Landratsamt-Bufdi aus Palästina

Iyad Muhaisen ist seit April vergangenen Jahres Bundesfreiwilligendienstler in der Integrationsabteilung

Torgau. „Interkulturelle Kompetenz“ – so hieß ein Workshop, der kürzlich in Torgau stattfand. Die Änderung des Blickwinkels stand dabei im Fokus. Beispielsweise galt es, Klischees der jeweils anderen Bevölkerungsgruppe zu notieren und später zu erklären. Oder die deutschen Teilnehmer wurden in die Lage versetzt, nur auf Arabisch angesprochen zu werden und dabei zu erfahren, wie es ist, nichts zu verstehen. Und der Workshop war zudem eine Premiere – bisher einmalig für die Region war es, dass die Moderation der Veranstaltung in den Händen eines Geflüchteten selbst lag. Mit Iyad Muhaisen war es ein Palästinenser, der die Runde leitete. Der 46-Jährige ist Bundesfreiwilligendienstler – kurz Bufdi – im Landratsamt Nordsachsen.

Er und weitere vom Landratsamt ausgewählte Flüchtlinge waren für den Workshop mehrere Tage in Dresden, um für Aufgaben wie diese als Multiplikator ausgebildet zu werden. Der Workshop in der Kulturbastion galt sozusagen als „Probelauf, als hausinterner Test“, wie es Landkreis-Integrationsmanager Helmut Brenner ausdrückte. Und den haben sowohl das Format, das künftig in ähnlicher Art zur Wiederholung gelangen soll, als auch der Moderator bestanden.

Bisher ist Iyad Muhaisen jedoch in anderer Funktion aufgefallen. Den meisten Asylbewerbern und auch einem Großteil der Flüchtlingshelfer der Region dürfte er bekannt sein. Denn bereits seit April vergangenen Jahres ist er Bufdi in der Integrationsabteilung des Landratsamtes, bekommt seine Aufgaben von Helmut Brenner, 21 Stunden in der Woche. Die Stelle läuft über den Verein Arbeit und Bildung Torgau und wurde bereits verlängert. Maximal 18 Monate sind so möglich.

Neben der neuen Aufgabe als Workshop-Leiter hilft Muhaisen bei der Integration anderer Geflüchteter. „Ich begleite sie unter anderem bei wichtigen Terminen, helfe auch beim Übersetzen“, beschreibt der 46-Jährige seine Arbeit. Natürlich sind dafür eine gewisse Aufgeschlossenheit und gute Deutschkenntnisse nötig. Einen reinen Sprachkurs habe er aber nicht besucht. Oder besser gesagt: nicht bekommen. Als Palästinenser muss er Menschen aus den nicht sicheren Herkunftsländern den Vortritt lassen. „Ich habe mir das Meiste selbst beigebracht.“

Dem Umstand, dass der Mann aus Gaza kommt, ist es auch geschuldet, dass er immer noch keine Aufenthaltserlaubnis hat. Seit Mai 2015 ist er in Deutschland, war zunächst in Greudnitz, kam dann nach Torgau. Bisher lebt er hier nur mit einer Aufenthaltsgestattung. „Für Palästinenser ist das aber immer noch eine normale Wartezeit“, weiß er. Andere haben Vorrang. „Ich warte geduldig auf eine Entscheidung“, sagt Muhaisen. Dabei gibt er – so gut es von seiner Seite aus möglich ist – Einblicke in das Verfahren. „Dass zwischen 2008 und 2014 drei Kriege im Gazastreifen tobten und selbst Deutschlands Außenminister Steinmeier noch im Juni 2015 von katastrophalen Zuständen in Gaza selbst sprach, zählt dafür nicht“, sagt er. „Es hängt allein von deiner persönlichen Geschichte ab, ob du bleiben darfst oder nicht.“

Die möchte der studierte Elektro-Ingenieur nicht im Detail erzählen, er sagt nur soviel: „Ich habe in meiner Heimat direkt neben einem militärischen Aufmarschplatz gewohnt, mitten in der Stadt. Auf den wurden immer wieder 2000-Kilogramm-Bomben abgeschmissen ...“ Die anderen Gründe, die ihn vertrieben, möchte er nicht preisgeben. Aus Angst. „In Gaza hatte ich nur noch Angst“, sagt er immer wieder. „In Deutschland bin ich mit meiner Frau“ – Kinder hat er keine – „nur aus Sicherheitsgründen.“

Sobald in seiner Heimat wieder Frieden herrscht, möchte er unbedingt wieder zurück. Und das besser heute als morgen. Seine Gründe dafür sind nachvollziehbar. „Stellen Sie sich mal das Sozialgefüge vor. Auf der sozialen Treppe bin ich von fast ganz oben mit meiner Herkunft runtergefallen bis ganz unten.“ Zufrieden wirkt er dabei nicht. „In Gaza war ich, Iyad Muhaisen, der anerkannte Ingenieur“, sagt er nicht ohne Stolz, um dann leise weiterzureden: „Hier bin ich nur eine Aktennummer, ein ‚Flüchtling‘, lebe von Sozialhilfe.“

Durch eine Teilnahme an den berufsorientierten Kursen im Europäischen Bildungswerk hat er nun aber in diesem Jahr die Chance auf eine Arbeit. In seiner alten Branche. „Ich gehe eine Woche testweise arbeiten in Doberschütz. Wenn ich mich da gut anstelle, bekomme ich vielleicht eine feste Stelle“, sagt Iyad Muhaisen, der palästinensische Flüchtling, und wirkt sogleich wieder etwas hoffnungsvoller.


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