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LVZ, Delitzsch-Eilenburg

„Ich will mehr Züge im City-Tunnel“

Foto: A. Kempner

Morgen werden das Mitteldeutsche S-Bahn-Netz und sein Herzstück – der City-Tunnel – fünf Jahre alt. Wie es damit weitergeht, fragte die LVZ den Vorsitzenden des Zweckverbandes für den Nahverkehrsraum Leipzig, Kai Emanuel (parteilos).

Als Leipzigs City-Tunnel vor fünf Jahren mit großem Pomp und Getöse eröffnet wurde, waren Sie noch Finanzbeigeordneter des Landkreises Nordsachsen. Haben Sie damals gedacht, dass das neue Mitteldeutsche S-Bahn-Netz ein so großer Erfolg wird?

Ich war schon 1999 als Verkehrsamtsleiter dabei, als die Entscheidung für den City-Tunnel getroffen und die Verträge vom Land übernommen wurden. Ich habe auf diese Entwicklung gehofft und an sie geglaubt, sonst hätte ich mich nicht dafür eingesetzt. Aber eine Steigerung der Fahrgastzahlen in fünf Jahren um fast ein Drittel habe ich nicht für möglich gehalten. Heute fahren reichlich 130 000 Menschen täglich mit der S-Bahn.

Worauf führen Sie diese positive Entwicklung zurück?

Das hat mehrere Ursachen. Zum deutlich verbesserten S-Bahn-Angebot kommt hinzu, dass Leipzig inzwischen viele Einwohner mehr hat und diese auch das S-Bahn-Angebot nutzen. Außerdem haben wir jetzt eine Arbeitslosenquote, die nicht mit der vor fünf Jahren zu vergleichen ist. Dadurch sind immer mehr Pendler unterwegs.

Es heißt, die Tunnelplaner sind bei der Bestellung der Züge für die neue Mitteldeutsche S-Bahn nur von einer Minimalvariante ausgegangen. Sie hätten deutlich weniger Fahrgäste prognostiziert und deshalb zu wenig Züge bestellt. War das ein Fehler?

Was seitdem in unserer Region abgegangen ist, konnte keiner ahnen. Damals hatten die Prognosen auch noch ganz andere Szenarien enthalten. Zum Beispiel, dass Leipzig jedes Jahr weiter Einwohner verliert und sich die Arbeitslosigkeit dauerhaft bei 15 Prozent einpendelt. Wenn dies eingetreten wäre, hätten wir jetzt viel mehr Kapazitäten als benötigt würden und Sie würden mich fragen: Wie erklären Sie sich diese Verschwendung von Steuergeld? Egal welche Entscheidung wir getroffen hätten – wir hätten nie genau den Punkt getroffen. Deshalb war schon zum Zeitpunkt der Entscheidung klar, dass wir in diesem System immer wieder nachsteuern müssen, so weit das technologisch möglich und finanziell darstellbar ist.

Was wollen Sie noch tun?

Ich kann mir wesentlich mehr Züge im Tunnel vorstellen, aber dafür müssen wir dort den Fahrtakt weiter verdichten. Das fängt mit den Zugtüren an, deren Borde gefühlte 30 Sekunden benötigen, um auszufahren. Das müssen wir noch optimieren.

Sie benötigen im City-Tunnel dichtere Zugabstände, damit dort künftig auch Fernverkehrszüge aus Chemnitz halten können?

Ich glaube, den Chemnitzern ist noch wichtiger, dass sie erst einmal ans Fernverkehrsnetz angeschlossen werden. Über welche Strecke sie dann nach Leipzig fahren, ist ihnen eigentlich relativ egal. Für uns ist es ein Fakt, dass Fernverkehr im City-Tunnel schnell den gesamten Tunneltakt durcheinanderbringen kann, wenn sie mit Verspätungen eintreffen. Ich möchte stattdessen mehr Pünktlichkeit im S-Bahn-System haben. Es gab Zeiten, da wurde die Uhr nach der Bahn gestellt. Und da müssen wir wieder hinkommen. Im Übrigen haben wir ab Gaschwitz noch zusätzlich Güterverkehr auf der Strecke, da würde es dann ziemlich eng.

Und wann wollen Sie zusätzliche S-Bahn-Züge bestellen?

Wir müssen zunächst alle Züge, die wir haben, in den Einsatz bekommen. Dann sieht das System schon mal besser aus. Außerdem arbeiten wir langfristig an Konzepten, wie wir die Züge mit den roten Türen und mit den grünen Türen – also die Fahrzeuge der ersten und der zweiten Generation – zusammenbekommen. Bislang können sie wegen unterschiedlicher Computersysteme nicht gekoppelt werden. Das ist das Hauptproblem. Und selbst wenn wir mehr Fahrzeuge hätten, würden wir viele nicht vor 2020/21 einsetzen können, weil es auf unseren Strecken bis dahin noch sehr viele Bauarbeiten gibt.

Wann wird in allen S-Bahn-Zügen WLAN verfügbar sein?

Seit dem 1. Dezember gibt es WLAN in allen Bussen im Landkreis Nordsachsen und auch in den ersten S-Bahn-Zügen. Insgesamt sollen 20 Züge in Kürze mit WLAN ausgerüstet sein. Und bis zum Frühjahr wollen wir in allen Fahrzeugen WLAN anbieten. Es könnte schneller passieren, aber wir können nicht alle Fahrzeuge auf einmal zum Aufrüsten in die Werkstatt nehmen, ohne die wegen den vielen Störfällen ohnehin schon angespannte Fahrzeugverfügbarkeit weiter zu verschärfen.

Sie planen die Einführung neuartiger Wasserstoffzüge. Wo wollen Sie diese Züge einsetzen?

Wichtig ist, dass wir Grimma an den Tunnel anbinden. Außerdem wollen wir bis nach Gera fahren, also den mitteldeutschen Raum noch besser erschließen. Ich finde, man sollte auch noch ein bisschen freier über die Verbindung Leipzig-Chemnitz nachdenken. Es kostet viel Geld, diese Strecke zu elektrifizieren. Bevor man dafür 100 bis 200 Millionen Euro ausgibt, sollte man prüfen, ob der gleiche Effekt zum Beispiel mit Wasserstoffzügen erreicht werden kann. Mit den neuen Technologien, die uns jetzt zur Verfügung stehen, muss man neu denken.

Wirtschaftsminister Martin Dulig will aus den fünf sächsischen Nahverkehrsverbänden gern einen machen. Was halten Sie von diesem Plan?

Eine Strategiekommission hat dazu alle Varianten abgewogen. Sie kommt zum Ergebnis, dass den Fahrgast die Organisation nicht interessiert. Wir haben in unserem Zweckverband auch zwei Landesgrenzen, die keiner merkt. Man hat seine Fahrkarte und fährt darüber hinaus. Und genau so muss es eigentlich auch zwischen den Verkehrsverbünden funktionieren. Natürlich brauchen wir einen Sachsen-Tarif. Die Frage ist, wer führt diesen Dachtarif ein. Eine Landesgesellschaft oder fünf Zweckverbände?

In Leipzig wird über eine Erweiterung des City-Tunnels diskutiert. Eine Ost-West-Spange ist im Gespräch. Wie sehen Sie diese Diskussion?

Die Züge, die dort fahren sollen, müssen von uns – also vom ZVNL – bezahlt werden. Ich wüsste nicht, wo wir die Fahrgastpotenziale erschließen können, die wir für einen solchen wirtschaftlichen Betrieb benötigen. Einige Fahrgastströme werden sich wahrscheinlich nur von der bisherigen Tunnelstrecke verlagern. Die Stadt Leipzig schaut sich diese Potenziale gerade an. Ich sehe unseren Schwerpunkt darin, die vorhandene Tunnelstrecke noch besser zu nutzen und mehr Züge im Tunnel verkehren zu lassen. Wenn uns das gelingt, haben wir einiges gekonnt.

Welche Vision haben Sie?

Für mich ist wichtiger, dass wir von jeder Haustür aus einen guten Zugang zu einem vertakteten ÖPNV-System haben. Da fehlt mir gerade im ländlichen Raum der autonom fahrende Bus, der die Einwohner trockenen Fußes zur Haltestelle eines Busses bringen, der weiß, da kommen welche und die nehme ich mit zur S-Bahn, die dann nach Leipzig fährt. Die Strategiekommission des Freistaates sagt, derzeit sind knapp über 50 Prozent der Sachsen an ein qualifiziertes ÖPNV-System angeschlossen. Ziel ist es, auf über 70 Prozent zu kommen. Mit intelligenten Systemen will ich eigentlich knapp an 100 Prozent herankommen. Damit verdichten wir automatisch das S-Bahn-System und mit diesen Zuwächsen können wir auch dort anders planen. Vielleicht kommt dann eine Hochbahn, vielleicht führen wir auch etwas anderes ein, zum Beispiel eine Magnetschwebebahn. Vielleicht sind das die richtigen Produkte. Also nicht mehr unter die Erde gehen, sondern Ständer hinstellen und darauf Züge fahren lassen. Einfach offen sein und nicht immer nur ein bewährtes System als Schablone für die Zukunft benutzen.

Wie wollen Sie das Trauerspiel um die Fahrradmitnahme beenden?

Die Fahrradmitnahme gehört zur S-Bahn dazu. Denn das Fahrrad ist das ökologischste Verkehrsmittel und hilft, die letzte Meile gut zu bewältigen. Wir werden die Rad-Häuser – also die Unterstellmöglichkeiten, die wir schon an vielen Stellen haben – erweitern müssen. Dort gibt es einen videoüberwachten Raum, in dem die teuren Räder stehen und die Leute etwas fürs Abstellen zahlen. Auch unsere Fahrradboxen in Delitzsch sind sehr gut vermietet. Wenn wir dort nicht noch viele weitere Boxen hinstellen wollen, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen. Zum Beispiel mit Nextbike reden, um die Vermietsysteme weiter auszubauen. Wir müssen vielleicht auch die Züge so gestalten, dass ein paar Fahrräder mehr reinpassen. Die Aussage, dass wir keine Fahrräder mitnehmen, ist falsch. Wir wollen Fahrräder, aber ohne gegenseitige Rücksichtnahme geht es auch nicht.

Interview: Andras Dunte,
Andreas Tappert, Martin Pelzl


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