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LVZ, Delitzsch-Eilenburg; Stephanie Helm

Immer mehr Jugendclubs machen dicht. Defizit bei der Jugendarbeit in Sachsen / Freistaat sieht Landkreise in der Pflicht

LEIPZIG. Der demografische Wandel könnte kaum deutlicher sein. Kommunen klagen über Wegzüge, über eine alternde Bevölkerung. Doch um junge Leuten zu halten, müssen sich diese mit Heimatstadt und -dorf identifizieren können. Genau hier gibt es in Sachsen aber ein deutliches Defizit. Steckt die Jugendarbeit in Sachsen in einer Krise?

„Im ländlichen Raum – ja.“ Henning Homann, SPD-Abgeordneter und jugendpolitischer Sprecher im sächsischen Landtag, findet klare Worte. „Es gibt nach wie vor große weiße Flecken in Sachsen. Im Vergleich zu anderen Bundesländern hat der Freistaat nie viel Geld für die Jugendarbeit ausgegeben“, sagt Homann.

Negative Beispiele gibt es viele: So soll der Jugendclub Pfaffenhain im Örtchen Leukersdorf (Erzgebirgskreis) umgesiedelt werden. Grund dafür ist, dass die Feuerwehr vom alten in ein neues Haus ziehen soll. Das ins Auge gefasste Gebäude gibt der Eigentümer aber nur ab, wenn er das dahinterliegende Areal bekommt. Darauf steht aber der Jugendclub. Auch in Kriebethal (Mittelsachsen) mussten die Jugendlichen des dort ansässigen Jugendclubs ihr Domizil räumen, um Platz für die Unterbringung des Bauhofes zu machen. Dessen Unterhaltung sei, anders als die eines Jugendclubs, eine Pflichtaufgabe der Gemeinde, erklärte die Bürgermeisterin.

Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit in Plauen (Vogtlandkreis) stehen ebenfalls vor größeren Einschnitten: Bisher gezahlte Zuschüsse will das Landratsamt ab 2018 erheblich kürzen. Und in Hartha (Mittelsachsen) mussten die Jugendlichen ihren Jugendclub räumen, weil die Bausubstanz des bisherigen Domizils nicht mehr den Anforderungen entsprach. Monatelange Suche nach
neuen Räumlichkeiten, verbunden mit der mangelnden Kommunikation seitens der Stadtverwaltung, zermürbten die Jugendlichen schließlich so sehr, dass sie ihre Bemühungen einstellten.

Wie Katja Naumann, stellvertretende Sprecherin des Sozialministeriums, erklärt, hat der Freistaat bei dieser Problematik aber lediglich eine unterstützende Funktion. In der Pflicht stehen die Landkreise und kreisfreien Städte. Sie müssen eine Grundversorgung mit Angeboten der Jugendarbeit zwingend vorhalten. Im Gesetz findet sich dazu noch der schwammige Zusatz „in unbestimmtem Ausmaß“.

Derzeit erhalten die kreisfreien Städte und Landkreise pro Jugendlichem unter 27 Jahren pro Jahr eine sogenannte Jugendpauschale von 12,40 Euro. Um den abwanderungsbedingten Rückgang der Fördermittel in der Jugendpauschale auszugleichen, hat der Freistaat neben der Grundpauschale ein Rangziffer-System entwickelt. „Die Gebietskörperschaft, aus der die meisten jungen Menschen abwandern, erhält dabei die größte Rangziffer und damit über die Grundpauschale hinaus mehr Mittel“, erklärt Naumann.

Immerhin: Im Vergleich zur vorherigen Legislaturperiode wurde die Jugendpauschale um zwei Euro erhöht. In Folge der Senkung der Grundpauschale im Jahr 2010 brachen Strukturen insbesondere im ländlichen Raum aber nach und nach zusammen. Bis heute wurden die nicht wieder aufgebaut.

Ein weiteres Problem: Jugendarbeit gilt als freiwillige Aufgabe der Kommunen, nicht aber der Landkreise. Letztere haben dafür Sorge zu tragen, dass Jugendarbeit umgesetzt und angeboten wird.
Die Jugendpauschale besagt, dass der Freistaat nur dann Geld gibt, wenn auch die Landkreise den gleichen Teil dazu geben. Doch die schauen viel zu oft nach der Kassenlage, statt den Bedarf vor Ort zu analysieren. SPD-Abgeordneter Homann sagt: „Es braucht einen Pakt zwischen Land und Kommune, und das am besten über einen längeren Zeitraum als nur ein Jahr wie es bis jetzt der Fall ist.“

Biete man Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, ihr Heimatdorf oder -städtchen mitzugestalten, schaffe man auch Identifikation. Mit Projekten, die die Jugendlichen umsetzen können. Dies sei etwas, das sich weiterentwickeln und wachsen könne. „Und wer sich mit seiner Heimat identifiziert, entscheidet sich eher dazu, zu bleiben“, sagt Homann.

Tatsächlich unterstützt der Freistaat Sachsen solche Projekte mit regionalem Bezug mit der Förderrichtline „Weiterentwicklung“. Die dort zur Verfügung stehenden Mittel werden allerdings regelmäßig nicht ausgeschöpft, weil von Landkreisen, kreisfreien Städten oder Trägern der freien Jugendhilfe kaum Projekte initiiert werden, so das Sozialministerium.

Anke Miebach-Stiens ist Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten (AGJF Sachsen) – die Dachorganisation für Jugendarbeit und Jugendhilfe in Sachsen. Auch sie schaut besorgt auf die derzeitige Lage. „Jugendarbeit ist für junge Menschen, für Eltern, das Gemeinwesen und die Gesellschaft wichtig.“ Zu oft werde sie anhand von Demografie beschrieben: „Wenig junge Menschen, kein Angebot nötig – gerade im ländlichen Raum ist diese Ansicht fatal“, so Miebach-Stiens. Das Argument, Feuerwehren oder Kirchgemeinden kümmern sich um die Jugendarbeit in einer Kommune, reiche nicht.

Homann sagt: „Fertige Vereine funktionieren, aber eben nicht für jeden. Jugendliche müssen Möglichkeiten haben, sich selber auszuprobieren.“ Miebach-Stiens ergänzt: „Sehr oft ist ein Gelingen davon abhängig, ob es erwachsene Fürsprecher und Unterstützung im Gemeinwesen gibt.“ Und daran scheitert es in der Praxis zu oft. Verantwortliche tun sich schwer damit, neuen Initiativen eine Chance zu geben. Dabei gibt es gute Beispiele wie mobile Jugendarbeit und selbstverwaltete Jugendclubs. „Es braucht politische Anerkennung, dass Jugendarbeit ein integraler Bestandteil ist und in jeder Kommune und Gemeinde ihren festen Platz haben muss“, ist sich Miebach-Stiens sicher.