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Andreas Debski, Leipziger Volkszeitung

"Nicht quatschen - sondern machen" - Die linke will mit ihrer neuen Parteichefin Antje Feiks (38) wieder in die Offensive kommen

Chemnitz. Es braucht einen Moment, bis der Applaus bei Antje Feiks ankommt. Bis sie die Zahl 104 realisiert, die auf der Leinwand vor ihr prangt. 104 von 185 Delegierten haben sich am Sonnabend beim Parteitag der sächsischen Linken in Chemnitz für jene Frau entschieden, die nun in der ersten Reihe verharrt und ihre Wahl kaum zu fassen scheint. „Ich konnte mir zu keinem Zeitpunkt sicher sein, dass ich gewählt werde“, gesteht Antje Feiks wenige Minuten später der Leipziger Volkszeitung.

In den fast neun Parteitagsstunden bis zur Abstimmung über den Landesvorsitz hatte vieles den Anschein, dass die Wunschkandidatin des scheidenden Parteichefs Rico Gebhardt gegen den im letzten Moment in Stellung gebrachten André Schollbach den Kürzeren ziehen könnte. Durchhalteparolen machen die Runde. Um so überraschender ist es, dass die von den Bundestagsabgeordneten Caren Lay, Sören Pellmann und André Hahn – diesen drei politischen Schwergewichten der Partei – angezettelte Revolte scheitert. Es war eine ungewöhnliche Allianz aus pragmatischen Reformern (Lay) bis zu linken Traditionalisten (Pellmann). Doch Antje Feiks, bislang Landesgeschäftsführerin der Linken, trotzt diesem Machtkampf. Und das, obwohl sie in einer Probeabstimmung, die über die Redezeiten der beiden Kandidaten entscheidet, noch mit 81 zu 85 Stimmen den Kürzeren zieht. Am Ende erhält der Herausforderer 75 Stimmen, bei sechs Enthaltungen.

Letztlich hat wohl ihre Vorstellung viele Unentschlossene überzeugt: Während André Schollbach, Landtagsabgeordneter und Rechtsanwalt aus Dresden, die CDU heftig attackiert, streichelt Antje Feiks das Herz und die Seele der Partei. Sie spricht davon, dass „die Menschen“ wieder erreicht werden müssten und gängelt den seit Jahren bestehenden programmatischen Stillstand genauso wie die innerparteiliche Selbstbeschäftigung. Irgendwie schimmert Che Gueveras berühmtes Zitat durch ihre Sätze, der einst appellierte: Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche. Zuvor hatten die Delegierten bereits für den Leitantrag „Sozialistische Politik für Sachsen“ votiert, an dem die neue Parteichefin wesentlich mitgearbeitet hatte. Eine klare Kampfansage richtet die 38-Jährige an die Parteiführung im Bund: „Ich möchte, dass wir die Bundespartei treiben und ihr nicht gehorchen.“ Als richtungsweisend wird schließlich ihr Motto empfunden: „Nicht quatschen – sondern machen.“

Eindruck hinterlässt nicht zuletzt ihre Ankündigung, die Partei auf dem Land wieder stärken und die Mitglieder besser einbinden zu wollen. Denn die Linke hat ein gravierendes Problem: Der Landesverband büßte bei der Bundestagswahl nicht nur zwei von acht Mandaten ein, verlor 3,9 Prozentpunkte und rutschte auf den dritten Platz hinter AfD und CDU – sondern die knapp 400 000 Stimmen sind 150 000 weniger als noch 2009. „Wir erreichen den ländlichen Raum nur ungenügend“, konstatiert Wahlkampfmanager Alexander Jahns, „je kleiner die Gemeinde ist, desto schlechter ist das Ergebnis.“ Die Linke wachse zwar in Großstädten, vor allem unter Jüngeren und besser Gebildeten, „aber wir verlieren klassische Wähler“, etwa Arbeiter und Arbeitslose. Die Protestmarke hat sich nun die AfD angeheftet. Die sächsische Linke ist mit rund 8200 Mitgliedern noch der stärkste Landesverband in Ostdeutschland. In diesem Jahr wurde der seit 1990 anhaltende personelle Schwund erstmals gebremst: Den 450 Eintritten stehen etwas weniger Austritte gegenüber.

Auch Rico Gebhardt geht in seiner Abschiedsrede mit sich und der Partei hart ins Gericht: „Wir sind viel zu oft zu langsam, zu harmlos, zu technokratisch, zu bürokratisch, zu einfallslos, zu angepasst – kurzum: zu langweilig.“ Wie Antje Feiks mahnt auch er – immerhin amtierender Fraktionschef – eine stärkere Profilierung als Oppositionsführerin an. Dabei wirbt er für seine Kandidatin („Wenn es hart auf hart kommt, kann sie kämpfen – und besser verhandeln als ich.“) und ruft zur Geschlossenheit auf. Eine unterlegene Minderheit sollte die Mehrheitsentscheidungen dann akzeptieren, mahnt Rico Gebhardt schließlich.

Kein Wunder also, dass gerade Bundestagsabgeordnete versucht hatten, Antje Feiks durch die Hintertür auszubremsen und ihre von Rico Gebhardt geförderte Kandidatur als Erbfolge bezeichneten. Dazu gehörte auch die Parteivorsitzende Katja Kipping aus Dresden, eine Vertraute von Caren Lay. Letztere stellt nach der Wahl zerknirscht fest: „Antje Feiks muss eine Vorsitzende für die gesamte Partei und nicht nur für einen Flügel sein.“ Für zukünftige Wahlen auf Bundes- und Landesebene ihrer Partei erwarte sie, sagt Caren Lay, „dass auf Drohungen und Vertrauensfragen verzichtet wird“. Juliane Nagel, Landtagsabgeordnete aus Leipzig, lobt hingegen ihre „überzeugende Vorstellung“ und hofft auf „innovative Ideen, um die Partei voranzubringen“. Enrico Stange, Landtagsabgeordneter aus dem Landkreis Leipzig, spricht von einem unerwartet deutlichen Ergebnis und erklärt: „Antje Feiks hat die Punkte angesprochen, die den Zusammenhalt und die Handlungsfähigkeit der Partei betreffen.“

Insgesamt wird deutlich, wie fragil das Machtgefüge ist, mit dem Antje Feiks nun agieren muss. Rico Gebhardt hatte es in den acht Jahren als Landeschef vermocht, die Flügel irgendwie zusammenzuhalten. Die Vorzeichen könnten für die neue Vorsitzende allerdings schlechter stehen. Denn zum einen werden ihr von nicht wenigen Mitgliedern integrative Fähigkeiten bescheinigt, auch wenn sie dem Forum Demokratischer Sozialismus (FDS) nahe steht. Zum anderen stärkt der Parteitag der 38-Jährigen mit weiteren Personalien den Rücken: Die Wahlen von Jana Pinka und Silvio Lang zu stellvertretenden Landesvorsitzenden sowie von Parteisprecher Thomas Dudzak, den sie als neuen Landesgeschäftsführer vorgeschlagen hatte, komplettieren ihren Erfolg. Damit ist nicht nur die erste Weiche für die Landtagswahl 2019 gestellt. Auch in die Fraktionssitzung am Dienstag können Fraktionschef Rico Gebhardt, der immer noch auf eine Klärung drängt, und die im September in den Landtag nachgerückte Antje Feiks gelassener gehen.