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LVZ, Delitzsch-Eilenburg

Verein will Frauenhaus kaufen

„Noch nie zuvor war das Thema häusliche Gewalt so präsent wie im Corona-Jahr 2020“, sagt Kerstin Kupfer. Seit 26 Jahren leitet die Sozialpädagogin ein Frauenhaus im nordsächsischen Nachbarkreis Leipzig. Dort stehen aktuell große Veränderungen an: Erstmals soll eine eigene Immobilie erworben werden.

Der Wegweiser-Verein war ein Vorreiter im Osten Deutschlands, als er 1995 sein Frauenhaus im heutigen Landkreis Leipzig öffnete. Psychisch und körperlich misshandelte Frauen und deren Kinder konnten und können – unter unbekannter Adresse – seitdem dort Schutz finden. Auch aus dem Landkreis Nordsachsen. Denn jahrelang war der Verein auch Ansprechpartner für Betroffene aus Nordsachsen und arbeitete mit dem Landratsamt zusammen. Erst seit Kurzem wurden auch im Landkreis Nordsachsen zumindest ähnliche Einrichtungen wie das Frauenhaus geschaffen.

Heute steht der Verein wieder in der ersten Reihe, wenn es darum geht, ein neues Frauenhaus als eigene Immobilie zu erwerben. Mit Leiterin Kerstin Kupfer sprachen wir darüber sowie über häusliche Gewalt im Corona-Jahr 2020 und die Auswirkungen des Leipziger Auwald-Mordes.

Bisher konnte ein Frauenhaus nur gemietet werden. Was ist heute neu?

Mit dem neuen Bundesinvestitionsprogramm „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ gibt es erstmals für uns als Trägerverein die Möglichkeit, ein Gebäude zu erwerben und verbesserte Bedingungen zu schaffen. Dies wollen wir nutzen.

Wie wahrscheinlich ist eine Förderung und damit die Umsetzung?

Unser Projekt wurde zur Förderung ausgewählt und zur Antragstellung aufgefordert. Noch im April findet ein Koordinierungsgespräch mit allen Beteiligten statt.

Wie sind die Bedingungen aktuell im Frauenhaus?

Wir haben jetzt sieben Zimmerchen, alles ist beengt, die Sanitäreinrichtungen knapp. Wenn Frauen mit älteren Söhnen kommen, ist die Unterbringung schwierig oder unmöglich. Betroffene im Rollstuhl können wir gar nicht aufnehmen, weil es zu viele Treppen gibt. Ein richtiges Außengelände fehlt. Wenn es mit dem neuen Haus klappt, können wir inhaltlich ganz anders arbeiten.

Wie hoch wäre die Förderung?

Wenn es klappt, kommen 90 Prozent über Bundesmittel. Aber selbst die zehn Prozent an Eigenmitteln oder anderweitiger Förderung aufzubringen, wird ein Kraftakt und der Umzug wird sehr viel kosten. Dennoch ist das für uns eine schöne Zukunftsperspektive. Generell hat das Thema häusliche Gewalt in der jüngeren Vergangenheit einen ganz anderen Stellenwert bekommen.

Wegen Corona?

Noch nie zuvor war das Thema so präsent wie im Corona-Jahr 2020. Während der gesamten Pandemie hatten wir so viel Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit, das hat unser Ringen um eine stabilere Finanzierung im Land Sachsen und bundesweit noch mal zusätzlich gepusht. Ein Beispiel ist ein zusätzliches Frauenhaus in Leipzig. Aber auch schon einige Zeit davor hat es zu dieser Thematik ein Umdenken in Sachsen und Deutschland überhaupt gegeben.

Wie hat sich das gezeigt?

Es gab mehr Hilfen und mehr Geld. So konnten wir in der Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking in Grimma eine dringend nötige Kinder- und Jugendberatung aufbauen. Wir bekamen endlich Geld für Sprachmittlung, um mit ausländischen Familien kommunizieren zu können. Deutlich war auch eine nochmalige Verbesserung mit der letzten Landtagswahl.

Inwiefern?

Die Grünen in der Koalition mit SPD und CDU haben unsere Interessen stark gefördert. Und generell gibt es einen Trend, dass mehr Frauen Schlüsselpositionen und sogar Ministerämter erlangen. Das hilft uns sehr. Sie können natürlich auch nicht zaubern. Aber wenn ich mir überlege, was in so relativ kurzer Zeit passiert ist, das ist schon beeindruckend. Wir werden viel mehr gehört.

Wie verlief das Pandemie-Jahr im Frauenhaus?

Die große Befürchtung im ersten Lockdown, dass plötzlich ganz viele Frauen zu uns kommen, trat nicht ein. Im Gegenteil: Es war eine gespenstische Ruhe. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl, weil wir als Fachfrauen wissen, dass die Realität in so einer Situation draußen ganz anders ist. Erst mit der Lockerung kam der Ansturm. Zwischen dem ersten und zweiten Lockdown nahmen wir 23 Frauen und Kinder auf und mussten zehn von ihnen aus Platzmangel leider wegschicken.

Warum sind sie nicht im Lockdown gekommen?

Das haben wir uns auch gefragt und uns später mit vielen darüber unterhalten. Es fehlten die Kontakte. Jugendamt und Polizei traten weniger in Erscheinung. Schulsozialarbeiter, die uns mit Einverständnis der Betroffenen häufig anrufen, arbeiteten nicht. Sonst bringen Frauen ihre Kinder in Kita oder Schule und kommen auf dem Rückweg zu uns. Das fand alles nicht statt. Es waren alle zu Hause. Dies ist bei häuslicher Gewalt ganz schwierig.

Das Problem verschärft sich?

Soziale Isolation ist eine Facette von häuslicher Gewalt. Betroffene können sich der Kontrolle durch den Partner im Lockdown eben noch schwerer entziehen, weil sie weniger Kontakte haben. Viele haben auch gesagt, sie dachten, dass sie im Lockdown gar nicht ins Frauenhaus dürfen.

Was meinen Sie: Hat die häusliche Gewalt durch die Pandemie zugenommen?

Wissenschaftlich lässt sich das noch nicht beantworten. Dazu läuft aktuell eine Studie der Technischen Universität München. Doch was derzeit aus der Kinder- und Jugendhilfe sowie Suchtberatung bekannt ist, unterstreicht die These, dass häusliche Gewalt in den Lockdowns zugenommen hat.

Betrifft dies vor allem Beziehungen, die ohnehin schwierig waren?

Nicht nur. Für gewaltgeprägte Beziehungen wurde die Situation zusätzlich kompliziert. Es gab aber auch Paare, bei denen häusliche Gewalt zum ersten Mal in der Corona-Zeit auftrat. Sonst konnte die Frau mal wegfahren oder Freundinnen treffen, im Lockdown dagegen konnten sich Paare kaum noch aus dem Weg gehen. Die Pandemie kann hier ein Auslöser sein. Jedoch ist nicht jeder Fall ein Hochsicherheitsrisiko.

Wie viele hatten Sie davon 2020?

Zwei Fälle. Für eine Frau mit Kind hat die Polizei mit unserer Unterstützung die Aufnahme in ein Opferschutzprogramm organisiert. Der Auwald-Mord in Leipzig, bei dem eine junge Mutter von ihrem Ex-Partner umgebracht wurde, hat uns stark beschäftigt und noch einmal zusätzlichen Druck gemacht. Niemand möchte eine Frau beraten, die am Ende umgebracht wird, und sich dann vorwerfen lassen, nicht genug getan zu haben.

Wann entscheidet man sich für solch ein Opferschutzprogramm?

In dem konkreten Fall kamen alle Beteiligten zu dem Ergebnis, dass für Frau und Kind ein hohes Risiko für das Leben und die Gesundheit bestand. In einem anderen Fall hatte der Ex-Partner die Frau und ihr Kind massiv belästigt und gestalkt. Er stand dauernd vor der Wohnungstür und hat in dem Mehrfamilienhaus Dinge beschädigt. Es gab mehrere Polizeieinsätze vor Ort. Zudem folgte der Ex-Partner der Frau auf ihren Wegen außerhalb, er hat sie verbal und auch tätlich angegriffen, obwohl er inzwischen klare Auflagen der Polizei bekommen hatte, sich fernzuhalten. Doch das Gewaltschutzgesetz und die Strafandrohungen waren in diesem Fall ein stumpfes Schwert. Es ging um Eifersucht, was nicht der Realität entsprach. Als schließlich ein Messer als Waffe auftauchte, haben wir die Frau und ihr Kind zur Sicherheit in ein fernes Frauenhaus gebracht.

Möchten Betroffene oft in Frauenhäuser, die weit entfernt liegen?

Ja. 63 Prozent unserer Belegung kommt nicht aus dem Landkreis Leipzig, viele möchten am liebsten in die anonyme Großstadt. Diese Zahl zeigt aber auch den bundesweiten Mangel an Schutzplätzen. Generell finde ich wichtig, über den Tellerrand zu schauen. Es geht im Frauenhaus nicht um eine gute Auslastung, sondern darum, betroffenen Frauen ein Angebot machen zu können. Egal wo.


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