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LVZ, Delitzsch-Eilenburg

Corona-Isolation: Frauenhaus befürchtet Anstieg häuslicher Gewalt

„Wir befürchten, dass häusliche und sexualisierte Gewalt zunehmen wird, wenn die Corona-Krise andauert“, sagt Kerstin Kupfer vom Bornaer Frauenhaus. Sie hat Sorge, dass sich im Quarantäne-Fall die Betroffenen keine Hilfe suchen können. Nachbarn seien gefragt.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten hilft Kerstin Kupfer Frauen, die verzweifelt sind und Angst haben, weil sie von ihren Männern beschimpft, gedemütigt, eingesperrt, vergewaltigt oder geschlagen werden. Die Chefin des Bornaer Frauenhauses hat viel gesehen und gehört, was häusliche Gewalt betrifft – aber die jetzige Situation ist auch für sie neu.

Bisher musste sie nie darüber nachdenken, was sie tut, wenn eine Frau oder ein Kind in dem Schutzhaus an einem hoch ansteckenden Virus erkrankt. Gelingt es, die einzelne Person zu isolieren oder muss das ganze Frauenhaus in Quarantäne? Woher bekommt sie Mundschutz? Wie schreibt sie sinnvolle Dienstpläne in Corona-Zeiten?

Ihr Zuhause ist der
gefährlichste Ort für Frauen

Und was passiert, wenn die Fälle von häuslicher Gewalt durch die Ausgangsbeschränkung stark ansteigen und die zwölf Betten in den sieben Zimmern nicht mehr ausreichen? „Wir sind in großer Sorge und versuchen, uns so gut wie möglich auf den Krisenfall vorzubereiten", sagt die Frau vom Wegweiser-Verein.

Es ist keine Neuigkeit, dass für Frauen das eigene Zuhause der gefährlichste Ort sein kann. Fast die Hälfte von allen in Deutschland getöteten Frauen starb durch die Hand des eigenen Mannes. Im Jahr 2019 sollen 135 Frauen auf diese Weise umgekommen sein. In den Medien tauchen die Taten unter Femizid, Hassverbrechen, Beziehungstat oder Familiendrama auf. Viele Fälle aber werden von der Öffentlichkeit kaum oder gar nicht wahrgenommen.

„Gefahr möglicher
Femizide nimmt zu“

„Wir befürchten, dass häusliche und sexualisierte Gewalt und die Gefahr möglicher Femizide zunehmen wird, wenn die Corona-Krise andauert“, sagt die Sozialpädagogin.

Wenn Familien über längere Zeit dicht beieinander und vielleicht sogar in Quarantäne sind, kann der Stresslevel rasant ansteigen – auch in Gemeinschaften, die ansonsten recht harmonisch leben. Kommen dann noch Jobverlust mit finanziellen Sorgen und Zukunftsängste hinzu, kann es eskalieren.

Erfahrungen und Statistiken von internationalen Organisationen würden zeigen, wie Krisen häusliche Gewalt vermehren: In den USA stieg die Partnerschaftsgewalt nach dem Hurrikan Katrina um 53 Prozent an. In China erhöhten sich während der Corona-Ausgangsbeschränkung die Notrufe bei Frauenhilfsorganisationen um das Dreifache.

Nachbarn sind
aufgerufen zu helfen

„Wir wollen Betroffene, die Hilfe brauchen, ausdrücklich dazu ermutigen, sich bei uns zu melden“, sagt Kerstin Kupfer. Erschwerend sei, dass Frauen in einer Quarantäne-Situation noch weniger als sonst die Möglichkeit haben, allein zu telefonieren.

„Ich mache mir Sorgen, dass es einige nicht schaffen werden, nach Hilfe zu rufen“, meint sie und appelliert an Nachbarn: „Wenn Sie lauten Streit in einer Familie bemerken, versuchen Sie den Betroffenen unauffällig Notrufnummern zukommen zu lassen.“ Opfer seien darauf angewiesen.

Ausweichquartiere
gesucht

Aktuell gibt es im Bornaer Frauenhaus noch keinen Engpass, aber ein Leipziger Schutzhaus könne schon niemanden mehr aufnehmen. „Die Erfahrung zeigt, dass die Situation der Großstadt zeitverzögert zu uns schwappt“, sagt die Beraterin. Außerdem stehe Deutschland erst am Anfang der Ausgangsbeschränkung.

Deshalb sucht sie für den Notfall andere Quartiermöglichkeiten, zum Beispiel Ferienwohnungen oder Pensionen, die gerade frei sind. Auch Wohnungsgesellschaften könnten hier helfen – und sich gern bei Kerstin Kupfer melden unter Telefon 0157/85516548. Es gehe darum, Frauen und deren Kinder in einer Notsituation schnell unterstützen zu können. Die Familien leben in der Regel mehrere Wochen im Schutzhaus.

 

Kinder sind Zeugen und Opfer

Der Wegweiser-Verein wurde Mitte der 1990er-Jahre gegründet und hilft seitdem Opfern häuslicher Gewalt. Das sind neben sehr wenigen Männern vor allem Frauen und deren Kinder.

Wenn eine Frau von ihrem Mann geschlagen wird und das Kind voller Angst in seinem Bett im Nachbarzimmer liegt, hat das oft Auswirkungen auf seine Psyche.

Der Verein ist deshalb seit Jahren in Schulen zu Gast, zum Beispiel mit dem Theaterstück „Du bist unschlagbar“ oder mit Wanderausstellungen, wo betroffenen Kindern eine Stimme verliehen wird. Einige Beispiele:

■ „Zu Hause stecke ich meine Gefühle in den Kühlschrank." (Mädchen, 10 Jahre)

■ „Ich bin böse.“ (Junge, 4 Jahre)

■ „Ich habe weiter Fernsehen geguckt, als Papa die Mama an den Haaren zog.“ (Junge, 6 Jahre)

■ „Bitte hau unsere Mama nicht tot." (Mädchen, 5 Jahre)

■ „Nachts stehe ich immer auf und gucke dann Fernsehen. Ich wache auf und kann nicht mehr einschlafen, ich habe Angst." (Mädchen, 6 Jahre).

Der Verein verweist immer wieder darauf, wie viel Gesprächsbedarf es bei Kindern und Jugendlichen zu dem Thema gibt, auch über verbale Gewalt. Mütter und Väter würden oft zu Hause in einem Gewaltkreislauf leben und dabei ihre Kinder aus den Augen verlieren.

Häufig kommt es zur Überforderung. Ein Beispiel aus Borna:

Eine junge Mutter, etwa 20 Jahre alt, kam mit zwei kleinen Kindern in das Frauenhaus. Sie hatte sich von ihrem drogenabhängigen Mann getrennt, in der Vergangenheit auch selbst Drogen konsumiert. Ihr kleinstes Kind war schwierig, klammerte an der Mutter, schrie immerzu. Es war kurz vor Ostern.

Da offenbarte sich die junge Frau einer Mitarbeiterin des Schutzhauses: Sie habe Angst, dass sie ihrem Kind etwas antut, wenn über die Feiertage keine Fachkräfte im Haus sind. Ihr konnte geholfen werden und sie hat zudem die wichtige Erfahrung gemacht, dass ihr das Kind nicht gleich weggenommen wird, wenn sie ehrlich sagt, dass sie überfordert ist. Dank weiterer Bemühungen fand die kleine Familie später wieder Halt im Leben und konnte das Frauenhaus verlassen, so der Wegweiser-Verein.

Wir hoffen, dass Sie das vergangene Jahr gut überstanden haben und mit Zuversicht im Neuen ankommen konnten. Das bleibt eine Herausforderung, der wir uns alle stellen dürfen.

Aber: Es war nicht alles schlecht und es wird nicht alles schlecht. Dafür setzen wir uns als LINKE weiter ein. Wir wünschen uns und Ihnen ein soziales, friedliches, gerechtes und nachhaltiges Miteinander in Nordsachsen.

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