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Torgauer Zeitung

„Der alte Name DIZ hat zu viele Fragezeichen hinterlassen“

„Erinnerungsort Torgau. Justizunrecht – Diktatur – Widerstand“: Leiterin Elisabeth Kohlhaas erklärt im Interview Hintergründe der Umbenennung und worauf sich Besucher als nächstes freuen können

Ende des vergangenen Jahres überraschte die Stiftung Sächsische Gedenkstätten mit der Nachricht, dem bisherigen Dokumentations- und Informationszentrum Torgau auf Schloss Hartenfels einen neuen Namen gegeben zu haben. Aus dem DIZ wurde „Erinnerungsort Torgau. Justizunrecht – Diktatur – Widerstand“. Über die Hintergründe der Umbenennung sprach die Torgauer Zeitung mit Elisabeth Kohlhaas, der Leiterin des Erinnerungsorts.

 

Frau Kohlhaas, wie ist es zu der Namensänderung gekommen?

Der neue Name macht deutlich, dass wir ein historischer Erinnerungs- und Lernort sind. Das wurde mit unserem bisherigen Namen nicht klar. Die Umbenennung gehört zu dem grundlegenden Prozess der Erneuerung, in dem wir uns befinden. Die bisherige Bezeichnung „Dokumentations- und Informationszentrum“ hatte ihre Bedeutung und ihre Richtigkeit, als das DIZ Torgau Anfang der 1990er Jahre entstand. Damals war es wichtig, in den kontroversen Diskussionen der Erinnerungskultur, beispielsweise um die Erinnerung an die Deserteure im Zweiten Weltkrieg, die Bedeutung der Aufarbeitung und der Information für die Öffentlichkeit zu betonen, weil vieles eben noch unbekannt war.

Und heute?

Dreißig Jahre später ist unsere Erinnerungskultur eine andere. Wir haben bestimmte Diskussionen hinter uns gelassen. Auch die bisher geläufige Abkürzung „DIZ“ hat immer schon zu viele Fragezeichen hinterlassen. „DIZ Torgau“ sagte wie auch die Langform „Dokumentations- und Informationszentrum Torgau“ nichts über die Inhalte aus. Die Torgauerinnen und Torgauer wissen, was das „DIZ Torgau“ war; für Auswärtige war das Kürzel wie auch die gesamte Benennung aber meist nicht zu entschlüsseln. Heute wirkt der Name zu technokratisch. Wir sind mit dem Vorschlag der Umbenennung überall auf offene Türen gestoßen.

Im neuen Titel kommen auch drei Wörter vor, die in die gleiche Kerbe zu schlagen scheinen. Was hat es mit Justizunrecht, Diktatur und Widerstand auf sich?

Dies sind bewusst gewählte Signalwörter, die verdeutlichen, welche Themen der Geschichte wir aufarbeiten und welche Perspektiven wir dabei herausstellen. Die Begriffe beziehen sich einerseits auf die Institutionen der Verfolgung in den Diktaturen, also die Justiz und den Strafvollzug. Es ist wichtig, ihre Wirkungsweise zu kennen. Gleichzeitig öffnen wir mit diesen Begriffen auch den Blick auf die Verfolgten, von denen nicht wenige mit Mut und Zivilcourage gehandelt oder ausdrücklich Widerstand geleistet haben. Die Begriffe schlagen den Bogen von der Militärjustiz des nationalsozialistischen Deutschlands über die sowjetischen Speziallager der Nachkriegszeit bis hin zum einstigen DDR-Gefängnis und dem DDR-Jugendgefängnis. Dabei war es für alle Beteiligten der Namensfindung selbstverständlich, dass NS-Verbrechen nicht mit SED-Unrecht gleichzusetzen sind – weder im Namen des Gedenkorts noch in Bezug auf die Inhalte der neuen Dauerausstellung.

Wie schwer war es, diese Geschichtsepochen unter einem Begriff zu vereinen?

Allein die Dauer der Diskussion über die neue Bezeichnung verdeutlicht, dass es nicht ganz einfach war. Seit 2020 haben wir in der Stiftung über eine Umbenennung der Torgauer Einrichtung diskutiert. Daran beteiligt waren auch Vertreter und Vertreterinnen unterschiedlicher Opferverbände und der Stiftungsgremien. Ein besonderes Ziel war es, den Fokus verstärkt auf den Widerstand zu legen. Ich freue mich, dass der Begriff des Widerstands nun zum Bestandteil unseres Namens geworden ist. Denn wir erinnern eben auch an die persönlichen Schicksale von Menschen, die sich den unterschiedlichen Forderungen der Diktaturen und Verfolgungsregimes widersetzt haben. Diese Perspektive möchten wir stärker als bisher betonen. Über den Begriff Erinnerungsort herrschte indes recht schnell Einigkeit.

Seit Jahresbeginn ist die alte Dauerausstellung geschlossen. Trotzdem bleiben die Türen des Erinnerungsorts für Besucher nicht verschlossen. Worauf können sich Gäste freuen?

Wir zeigen das Jahr über mehrere interessante Sonderausstellungen, um unseren Besuchern trotz der Schließung ein gutes Angebot zu unterbreiten. Vom 13. Januar bis zum 5. März erinnern wir mit einer Sonderausstellung an die Euthanasieverbrechen des Nationalsozialismus. Um den 17. Juni herum folgt anlässlich des 70. Jahrestags des Volksaufstands in der DDR eine Sonderausstellung zum Thema Staatssicherheit. Diese blickt auch auf die Arbeit der Stasi in Torgau. Ebenso im Sommer präsentieren wir anlässlich der Auflösung der sowjetischen Speziallager in Torgau vor 75 Jahren eine Sonderausstellung über die politische Strafjustiz in der Sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR.

Abschließend noch einmal zurück zur Namensänderung: An den Hinweistafeln im Schloss scheint dieser Fakt bislang spurlos vorübergegangen zu sein...

Die Namensänderung ist ein aufwendiges Unterfangen. Sie wird uns einige Monate in Atem halten. So ist, wie Sie vermuten, ein neues touristisches Leitsystem im Schloss erforderlich. Die Webseite dazu haben wir bereits. Sie heißt www.erinnerungsort-torgau.de. Zudem sind viele weitere Hinweisschilder, Internetseiten, Werbeanzeigen, Flyer und Plakate zu erneuern. Das alles dauert seine Zeit. Bis zur Eröffnung unserer neuen Dauerausstellung Ende des Jahres werden wir diesen Prozess abgeschlossen haben und können dann mit voller Kraft als ein neu gestalteter Lern- und Erinnerungsort in die Zukunft starten. 

Wir hoffen, dass Sie das vergangene Jahr gut überstanden haben und mit Zuversicht im Neuen ankommen konnten. Das bleibt eine Herausforderung, der wir uns alle stellen dürfen.

Aber: Es war nicht alles schlecht und es wird nicht alles schlecht. Dafür setzen wir uns als LINKE weiter ein. Wir wünschen uns und Ihnen ein soziales, friedliches, gerechtes und nachhaltiges Miteinander in Nordsachsen.

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