BLICKPUNKT: Der Rettungsdienst – ein Notfall

Tim Szent-Ivanyi, LVZ

Deutschlands Rettungsdienst war lange Zeit international führend. Doch inzwischen gilt das System als langsam, ineffizient und teuer. Der Bund strebt eine Reform an – dafür müsste er sich gegen die zuständigen Länder durchsetzen.

 

Der Achtjährige ist auf dem Weg vom Schwimmbad nach Hause. Er überquert eine Straße, plötzlich setzt starker Regen ein. Ein Autofahrer übersieht den Jungen, sein Wagen erfasst ihn und Björn wird in den Straßengraben geschleudert. Obwohl Polizei und Ambulanz sofort alarmiert werden, dauert es 57 Minuten, bis der Krankenwagen eintrifft. Der Junge stirbt auf der Fahrt in die Klinik.

Zwei Monate später gründen Björns Eltern, das Architekten-Ehepaar Ute und Siegfried Steiger aus dem baden-württembergischen Winnenden, im Juli 1969 die Björn-Steiger-Stiftung. Unter dem Motto „Helft Menschen retten“ beginnt ihr Kampf für ein verbessertes Rettungswesen.

Vieles, was heute als selbstverständlich gilt, gibt es damals nicht. Krankenwagen sind reine Transportmittel, den Zustand der Patienten kontrolliert der Fahrer mit einem Blick in den Rückspiegel. Es gibt keine bundeseinheitliche Notrufnummer, keine organisierten Leitstellen. Die Steiger-Stiftung fordert, dass der Staat für das Rettungswesen zuständig wird, sie finanziert voll ausgestattete Rettungswagen und setzt sich beharrlich für die bundesweite Einführung der Notrufnummer 112 ein – was einige Jahre später dann auch umgesetzt wird.

„Bis Mitte der 1990er Jahre hat Deutschland beim Rettungsdienst weltweit den Takt vorgegeben und galt international als Vorbild“, sagt Pierre-Enric Steiger, der Bruder von Björn und heutiger Stiftungs-Präsident. Doch dann habe Deutschland den Anschluss an die Entwicklungen, wie man das Rettungsdienst-System steuert, komplett verpasst. „Unsere Strukturen und Handlungsvorgaben entsprechen inzwischen den Standards von Entwicklungsländern“, so sein hartes Urteil. „Der Zustand ist inzwischen so prekär, sodass wir in aller Deutlichkeit sagen: In Deutschland sterben jeden Tag Menschen systembedingt“, beklagt er. Doch es passiere einfach nichts. „Die politisch Verantwortlichen sind nur damit beschäftigt, das überholte System weiter in Beton zu gießen“, kritisierte der Stiftungs-Präsident.

Das Rettungswesen in Deutschland ist tatsächlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Es wird von kleinteiligen Strukturen geprägt, die mit Blick auf die Möglichkeiten der Digitalisierung völlig überholt sind. Zuständig sind die Länder, die den Rettungsdienst mit jeweils eigenen Gesetzen, Vorgaben und Standards regeln. So sind zum Beispiel die Fristen zwischen Eingang des Notrufs und dem Eintreffen am Einsatzort höchst unterschiedlich festgelegt: Sie reichen von 8 bis 17 Minuten oder sind schwammig als „bedarfsgerecht“ beschrieben, wie etwa in Berlin. Die Kleinstaaterei hat auch absurde Folgen für das Personal: Ist ein Notfallsanitäter aus dem rheinland-pfälzischen Mainz bei einem größeren Unfall im nahe gelegenen Wiesbaden in Hessen im Einsatz, hat er wegen unterschiedlicher Regelungen plötzlich nur noch eingeschränkte Kompetenzen.

Massive Zersplitterung

Organisiert ist der Rettungsdienst auf der Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte, was zu einer massiven Zersplitterung führt: In Deutschland gibt es fast 250 Leitstellen, die mehr oder weniger allein vor sich hin wursteln. Es gibt keine Koordination, keine einheitlichen technischen Systeme, oftmals keine Befragung der Anrufenden nach internationalen Standards.

Bei Einsätzen fahren Rettungsdienste quer durch den Landkreis, statt die Kollegen des Nachbarkreises zu aktivieren. Zum Vergleich: Die Niederlande haben nur noch eine Handvoll Leitstellen und planen die Zusammenlegung zu nur noch landesweit einer Stelle. Hier wird der Einsatz so organisiert, dass der Rettungsdienst möglichst schnell vor Ort ist. Ein weiterer Vorteil: Durch die Bündelung können die Notrufe jederzeit innerhalb von wenigen Sekunden angenommen werden. In Deutschland hängt man mitunter Minuten in der Warteschleife, weil die Anrufe immer nur in einer einzelnen Leitstelle landen und nicht weitergeleitet werden.

Glöckchen am Faxgerät

Pierre-Enric Steiger kann sich richtig in Rage reden, wenn er von seinen Erfahrungen mit dem deutschen Rettungswesen berichtet. Da die Leitstellen nicht vernetzt seien, würden sie bei sogenannten Großschadensereignissen häufig noch per Fax kommunizieren, berichtet er. „In einer Leitstelle haben sie ein Glöckchen am Faxgerät angebracht, damit sie ein eingehendes Fax nicht übersehen“, erzählt er. In Österreich klappe die Zusammenarbeit dank digitaler Vernetzung dagegen sogar länderübergreifend, berichtet Steiger. „In der Grenzregion zwischen Österreich und Tschechien sowie der Slowakei kommt eben der Rettungswagen, der schneller am Einsatzort sein kann“, so Steiger.

Vorbild Österreich

Zudem gibt es in Österreich ein landesweites System, um professionelle Ersthelfer einzubinden. Dieses Vorgehen gilt international als Schlüssel für einen effektiven Rettungsdienst, denn im Notfall sind die ersten Minuten entscheidend. So werden im Nachbarland bei einem Herzstillstand über eine einheitliche App alle verfügbaren Ersthelfer im Umkreis von 400 Metern alarmiert. „Dadurch werden unglaublich niedrige Reaktionszeiten erreicht“, schwärmt Steiger. Und wie sieht es in Deutschland aus? Ein löchriger Flickenteppich mit zig unterschiedlichen technischen Systemen.Doch die Absurditäten gehen noch weiter. Der Rettungsdienst ist wegen der Länderzuständigkeit kein integraler Bestandteil der gesetzlichen Krankenversicherung, was groteske Folgen hat: Die Fahrten werden von den Kassen nur bezahlt, wenn die Patienten in eine Notaufnahme einer Klinik gebracht werden. Und das passiert in der Regel auch, egal ob medizinisch notwendig oder nicht. In der Klinik folgt dann eine teure medizinische Untersuchung – obwohl eine Vor-Ort-Behandlung oder die Überweisung an eine Arztpraxis möglicherweise ausreichend gewesen wäre. Die Zahl der Fehleinweisungen wird auf etwa ein Drittel geschätzt.

Die Kassenausgaben für den Rettungsdienst steigen seit Jahren

„Die schon überlasteten Rettungsdienste überlasten die ohnehin überlasteten Notaufnahmen noch mehr“, sagt Steiger. Von einem „Fehlanreizsystem“ spricht die in der vorigen Wahlperiode eingesetzte Regierungskommission. Das ist schlecht für die Patientinnen und Patienten, die nicht angemessen medizinisch versorgt werden. Das ist aber auch problematisch für die Krankenversicherung: Die Ausgaben der Kassen für den Rettungsdienst steigen seit Jahren überproportional: Die Kosten für die verschiedenen Zweige des Rettungswesens haben sich in den vergangenen zehn Jahren auf mittlerweile fast neun Milliarden Euro verdoppelt.

Schon der Vorvorgänger von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU), der heutige Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU), hatte in seiner Amtszeit versucht, eine Reform der Notfallversorgung auf den Weg zu bringen, die auch den Rettungsdienst einschließt. Doch die Länder leisteten Widerstand, den auch Ampel-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu spüren bekam. Sie wollen ihre Zuständigkeiten nicht verlieren. Hier geht’s schließlich auch ums Geschäft: Ein Großteil des Milliarden-Marktes wird von einflussreichen Hilfsorganisationen wie dem Deutschen Roten Kreuz (DRK) beherrscht. „Wenn der Landrat gleichzeitig der lokale DRK-Präsident ist, müssen Sie sich nicht wundern, dass die Beharrungskräfte riesig sind“, sagt Pierre-Enric Steiger.

Neuer Reformanlauf von ­Ministerin Warken

Gesundheitsministerin Warken will einen neuen Anlauf für eine Notfall- und Rettungsdienstreform nehmen. Die ersten bekannt gewordenen Details ihrer Pläne zeigen, dass sie sich weitgehend an die Entwürfe der Ampel-Regierung hält, die wegen des vorzeitigen Endes der Koalition nicht mehr beschlossen wurden. Danach soll der Rettungsdienst gesetzestechnisch in die Krankenversicherung eingegliedert werden. Dadurch werden bundeseinheitliche und vor allem strengere Qualitätsvorgaben etwa zu den Reaktionszeiten möglich, die dann – ähnlich wie bei der Krankenhausreform – fast zwangsläufig zu einer Zentralisierung führen. Durch eine derartige Reform wird auch ermöglicht, dass ein vermeintlicher Notfallpatient nicht automatisch im Krankenhaus landen muss, sondern auch vor Ort abschließend behandelt oder zu einer normalen Arztpraxis gebracht werden kann.

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen, der das Ampel-Gesetzesvorhaben damals maßgeblich mit vorangetrieben hat, ärgert sich, dass Warken nicht schon viel früher tätig geworden ist. „Die Gesetzespläne lagen fix und fertig auf dem Tisch – selbst die Union hatte sich in der Vergangenheit mehrfach für das Gesetz ausgesprochen“, sagt Dahmen. Er kennt die Probleme im Rettungsdienst aus erster Hand: Bis heute ist er als Notarzt in der Luftrettung tätig – und erlebt die Missstände regelmäßig selbst.

Mittlerweile bröckelt sogar der Widerstand der Bundesländer – allerdings nicht ganz freiwillig: Viele Krankenkassen haben angesichts der Missstände und der Kostenexplosion die Reißleine gezogen: Sie kritisieren die mangelnde Kostentransparenz der Kommunen beim Rettungsdienst nicht nur, sondern kappen die Rechnungen mit der Begründung, sie seien überzogen. Das führte beispielsweise in Brandenburg dazu, dass sich mehrere Landkreise gezwungen sahen, das fehlende Geld bei den Patienten einzufordern. Bis zu 250 Euro werden pro Einsatz fällig. In Nordrhein-Westfalen droht den Bürgerinnen und Bürgern Ähnliches.

„Dass in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen plötzlich Landkreise das Geld bei Patientinnen und Patienten eintreiben müssen, ist der Offenbarungseid eines Systems, das auf Kante genäht ist“, so Dahmen. In Brandenburg war der Ärger in der Bevölkerung so groß, dass das Land einen Antrag in den Bundesrat eingebracht hat mit der Forderung an die Bundesregierung, „zeitnahe“ eine bundesweite Rettungsdienstreform auf den Weg zu bringen. „Das System steht vor erheblichen Problemen“, heißt es in der Begründung für den Antrag.

„Da ist die nackte Panik ausgebrochen“, stellt Dahmen nüchtern fest. Auch in anderen Bundesländern beginnt sich nach seiner Beobachtung, die Stimmung zu drehen. Lediglich einzelne Kommunalverbände stünden noch auf der Bremse. Die Wahrscheinlichkeit, dass es nun im dritten Anlauf endlich zu einer Reform komme, sei gleichwohl stark gestiegen, ist Dahmen zuversichtlich. Für ihn ist jedenfalls klar: „Nichtstun ist keine Alternative mehr.“