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Torgauer Zeitung

Corona bis Waldbrand: „Unsere Helfer waren im Ernstfall sofort zur Stelle“. DRK-Kreisverband Torgau-Oschatz: Im Gespräch mit der Vorstandsvorsitzenden Anne Lissner

Torgau. Der Kreisverband (KV) Torgau-Oschatz des Deutschen Roten Kreuzes hatte seine Mitglieder und Mitarbeiter eingeladen, um gemeinsam auf Erreichtes in den zurückliegenden Monaten, ja Jahren, Rückschau zu halten. In einer solchen umfassenden Form war das durch Corona und die vielen aktuell zu bewältigenden Aufgaben lange nicht möglich. Anlass für die TZ, Vorstandsvorsitzende Anne Lissner um ein Gespräch zu bitten.

Der DRK-Kreisverband wurde wie viele andere soziale Organisationen und Verbände in den vergangenen Monaten vor herausfordernde und teilweise in den vergangenen Jahrzehnten noch nie dagewesene Aufgaben gestellt. Was waren aus Ihrer Sicht in den zwölf vergangenen Monaten die größten?

Zum Jahreswechsel 2021/2022 natürlich Corona. Die zunehmenden Corona-Infektionszahlen im Herbst 2021 brachten das neu aufgesetzte staatliche Angebot der Bürgertestungen auf den „Markt“. In Windeseile baute der DRK Kreisverband unter der Regie von Ausbildungsleiter Dirk Friese zwei täglich geöffnete Testzentren auf. Eins im Münzer-Haus Oschatz und eins im Rock ’n’ Roll- und Tanzclub Ireen in Torgau. Beeindruckend schnell bildete sich ein Testerpool von etwa 50 zum großen Teil neuen ungebundenen Helfern. In der Zeit von Dezember 2021 bis April 2022 führten wir so rund 14 000 Corona-Schnelltestungen durch.

Danach folgt als Herausforderung sicher die Flüchtlingswelle, die mit Ausbruch des Ukrainekrieges auch Deutschland erreichte?

Das stimmt und hält bis heute an. Das tangiert viele Bereiche unserer Arbeit. Im März unterstützten ehrenamtliche Helfer unseres KV beispielsweise mit über 1200 Einsatzstunden die Erstaufnahmeeinrichtungen in Leipzig Mockau und Leipzig neue Messe. Die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger war auch hier in unserer Region riesengroß. Es gab Spendensammlungen und Menschen stellten ihren privaten Wohnraum für Geflüchtete zur Verfügung. Gemeinsam mit dem Landkreis haben wir als KV ein Konstrukt geschaffen, um die geflüchteten Menschen auch nachhaltig und langfristig betreuen zu können. So begann im April die Task Force Asyl mit dem Einsatz mobiler Flüchtlingsbetreuer sowie der Betrieb zwei weiterer Gemeinschaftsunterkünfte in Oschatz und Dahlen. Einen nicht ungefährlichen, dafür aber unvergesslichen Einsatz hatten drei unserer ehrenamtlichen Einsatzkräfte. Für drei Wochen begaben sie sich im Auftrag des IKRK nach Moldawien. Dort führten sie Transporte von Behinderten und deren Angehörigen aus dem Kriegsgebiet der Stadt Odessa nach Moldawien durch.

Wie viele Menschen beschäftigt der KV Torgau-Oschatz?

Aktuell sind 115 Mitarbeiter hauptamtlich in den Bereichen ambulante Pflege, Tagespflegen, Fahrdienst, Asyl und Migration, Verwaltung, Kleiderkammer, Erste Hilfe und im Impfzentrum beschäftigt. Zusätzlich unterstützen derzeit Bundesfreiwilligendienstleistende die Arbeit in den Bereichen.

Haben Sie Fachkräftemangel zu beklagen?

Es wäre ein Wunder, wenn nicht. Dennoch ist es uns in den vergangenen drei Jahren immer wieder gelungen, freie Stellen mit dem erforderlichen Fachpersonal zu besetzen, so dass es aktuell auch keine offenen Planstellen gibt. Noch sind wir in der glücklichen Lage, dass wir auf Stellenausschreibungen im Regelfall wenigstens eine Bewerbung erhalten. Und wir bilden selbst erfolgreich aus.

Trotz Ihrer hauptamtlich Beschäftigten werden viele Aufgaben von Ehrenamtlichen geleistet. Wie groß die sind, können sie das an einigen Fakten verdeutlichen?

Gern. In den verschiedenen ehrenamtlichen Betätigungsfeldern wie Wasserwacht, Bereitschaft und Soziales engagieren sich aktuell rund 300 Helfer ehrenamtlich. Zudem haben wir einen großen Pool an Helfern, die uns – im Ernstfall – ihre Unterstützung als ungebundene Helfer zugesagt haben. Die Leistungsfähigkeit unserer Ehrenamtler ist gigantisch. Insbesondere die vergangenen drei Jahre haben bewiesen, dass unser Ehrenamt hervorragend funktioniert. Egal welche Aufgaben anstanden, unsere Helfer waren im Ernstfall sofort zur Stelle. Ob beispielsweise bei der Unterstützung bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal, oder den verheerenden Waldbränden in Beilrode, Elsnig oder Arzberg oder Herausforderungen während der Corona-Pandemie. In unseren fünf Ortsvereinen wurden in diesem Jahr 42 Veranstaltungen sanitätsdienstlich abgesichert, das heißt wir waren vor Ort mit Technik und Helfern, fast ausschließlich an den Wochenenden. Die Helfer unseres Katastrophenschutzeinsatzzuges befanden sich in den vergangenen drei Jahren in neun Einsätzen, davon sechs Einsätze mit einer Einsatzdauer von mindestens vier Tagen bis zu einem Monat. Hochgerechnet macht das beachtliche 4500 Einsatzstunden.

Ein Projekt, dass sie 2022 vorantrieben, ist der DRK Campus. Was verbirgt sich dahinter?

Bekannt ist, dass wir seit vielen Jahren mit den Zu- und Umständen der Unterbringung unseres Katastrophenschutzzuges alles andere als glücklich sind. Wasserschäden, fehlender Platzbedarf, fehlende Schulungs-, Umkleide- und Sanitärräume und eine katastrophale Parkplatz- beziehungsweise Ausrückordnung sind nur einige wenige Mängel, mit denen unsere ehrenamtlichen Katastrophenschützer seit vielen Jahren leben. Im Frühjahr wurde uns durch den Freistaat Sachsen erstmalig die Möglichkeit eröffnet, selbst Fördermittel für den Neubau einer Katastrophenschutzhalle zu beantragen. Mit einem Fördervolumen von rund 1,6 Millionen Euro taten wir das im März bei der Landesdirektion Sachsen. Dabei entstand die Idee, neben der Zweckeinheit des Katastrophenschutzes weitere Funktionsbereiche wie die des Torgauer Fahrdienstes und der Torgauer Geschäftsstelle nebst Kleiderkammer und einer modernen Ausbildungsarena auf dem Gelände unterzubringen. Zielstellung ist die Schaffung eines modernen, großflächigen Gesamtprojektes für optimale Bedingungen einer nachhaltigen Leistungs- und Einsatzfähigkeit sowie einer umfassenden Entfaltung unserer haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden.

Wie ist der aktuelle Stand?

Wir konnten inzwischen ein Grundstück im Gewerbegebiet Außenring Torgau West, der ehemaligen Torgauer Festwiese, mit einer Größe von 12 452 Quadratmetern erwerben. Seit November arbeitet ein Wurzener Architekturbüro an der Erstellung der Entwurfsplanung und der Baukostenermittlung. Diese Unterlagen werden uns spätestens im Januar 2023 vorliegen. Dann sehen wir weiter. 

Wir hoffen, dass Sie das vergangene Jahr gut überstanden haben und mit Zuversicht im Neuen ankommen konnten. Das bleibt eine Herausforderung, der wir uns alle stellen dürfen.

Aber: Es war nicht alles schlecht und es wird nicht alles schlecht. Dafür setzen wir uns als LINKE weiter ein. Wir wünschen uns und Ihnen ein soziales, friedliches, gerechtes und nachhaltiges Miteinander in Nordsachsen.

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