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Nicht nur am 27. Januar!
Anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus sprach Dr. Michael Friedrich gestern in Torgau.
Ansprache anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2014 in Torgau am Denkmal der Begegnung an der Elbe
Sehr geehrte Torgauerinnen und Torgauer,
sehr geehrte Fraktionsvorsitzende des Stadtrates und des Kreistages,
sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung und des Landratsamtes,
am heutigen Tag jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee zum 69. Mal. Wir alle wissen, Auschwitz ist das Synonym für den Massenmord der Nazis an den europäischen Juden. Aber nicht nur an ihnen, sondern auch an Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderung, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden, Deserteuren, Zwangsarbeitern sowie den Männern und Frauen des Widerstandes. Ein in jeder Hinsicht brutales und menschenverachtendes Regime, das in den heute für uns alle überhaupt nicht mehr vorstellbaren Kategorien arischen Überlegenheitswahns und nichtarischen Untermenschentums dachte. Das wirklich Schlimme daran: Nicht nur dachte, sondern mit der Präzision eines Uhrwerks und mit scheußlichen Konsequenzen handelte. Derweil damals die große Mehrheit der deutschen Bevölkerung die zunächst schleichende Entrechtung und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung und anderer Opfergruppen zumindest billigend in Kauf nahm oder wegschaute.
Wir gedenken heute in Stille der Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden.
Wir gedenken heute abseits aller tagespolitischen Auseinandersetzungen jener Menschen an diesem höchst symbolträchtigen Ort der Begegnung an der Elbe, der neben Potsdam, Berlin und Nürnberg für das Ende dieser schrecklichen Gewaltherrschaft steht.
Ist es richtig und wichtig, auch noch 69 Jahre nach Kriegsende und 81 Jahre nach der Machtergreifung der Nazis an diese schlimmen Taten zu erinnern? Wäre nicht auch der Wunsch verständlich, endlich die Wunden vernarben und die Toten ruhen zu lassen? Tatsächlich könnte heute das Vergessen eintreten, denn die Zeitzeugen sterben und immer weniger Opfer können das Grauen des Erlittenen persönlich weitertragen.
Alt-Bundespräsident Roman Herzog, auf dessen Initiative die Einführung des heutigen Gedenktages im Jahr 1996 zurückgeht, antwortete auf diese Fragen im Bundestag wie folgt:
„Ich wünschte mir, dass der 27. Januar zu … einem wirklichen Tag des Gedenkens, ja des Nachdenkens wird. Nur so vermeiden wir, dass er Alibi-Wirkungen entfaltet, um die es uns am allerwenigsten gehen darf. Eine Kollektivschuld des deutschen Volkes an den Verbrechen des Nationalsozialismus (… gibt es nicht), denn ein solches Eingeständnis würde zumindest denen nicht gerecht, die Leben, Freiheit und Gesundheit im Kampf gegen den Nationalsozialismus und im Einsatz für seine Opfer aufs Spiel gesetzt haben…
Aber eine kollektive Verantwortung gibt es… Sie geht in zwei Richtungen:
- Zunächst darf das Erinnern nicht aufhören; denn ohne Erinnerung gibt es weder eine Überwindung des Bösen noch Lehren für die Zukunft.
- Und zum anderen zielt die kollektive Verantwortung genau auf die Verwirklichung dieser Lehren, die immer wieder auf dasselbe hinauslaufen: Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Würde des Menschen.“
Diese Mahnung zum Erinnern und zur Weitergabe der Erinnerung, diese Mahnung des Alt-Bundespräsidenten, die richtigen Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit zu ziehen und bereits den Anfängen schlimmer Entwicklungen entgegenzutreten, ist heute angesichts des Erstarkens rechtsradikaler, antisemitischer, antiziganistischer und neofaschistischer Kräfte mindestens so aktuell wie im Jahr 1996. Nicht nur am 27. Januar.
Aber vielleicht kann uns dieser Gedenktag dabei helfen!
