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35-Millionen-Projekt startet: Warum Torgau jetzt zum Zentrum der Glas-Zukunft wird
Mit dem Spatenstich für das 35-Millionen-Euro-Projekt startet in Torgau der Bau eines einzigartigen Glaskompetenzzentrums. Es soll Forschung, Ausbildung und Handwerk verbinden, Innovationen vorantreiben und die kriselnde Glasindustrie langfristig stärken. Was geplant ist – und wie es einmal aussehen soll.
Torgau. Mit dem Bau des Glaskompetenzzentrums für 35 Millionen Euro entsteht in Torgau ein überregional bedeutsames Leuchtturmprojekt für die Glas-, Keramik- und Baustoffindustrie. Universitäre Spitzenforschung in Kooperation mit der Bergakademie Freiberg wird hier künftig mit der Ausbildung am Beruflichen Schulzentrum und der Expertise des Glaserhandwerkes verzahnt. Am Donnerstag war Spatenstich.
Das Vorhaben soll zum einen helfen, mittel- und langfristig die Existenz der sächsischen Glasindustrie und somit Arbeitsplätze zu sichern. Zugleich soll es dazu beitragen, zukunftsweisende Technologien in Mitteldeutschland zu etablieren.
Zum symbolischen Spatenstich für das Glaskompetenzzentrum Torgau war Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU)gekommen. Er hob die Bedeutung des hochmodernen Ausbildungs- und Innovationszentrums einschließlich Internat für die mitteldeutsche Glasindustrie sowie das Glaserhandwerk hervor. Das Vorhaben habe überregionale strukturpolitische Bedeutung.
Der Landrat des Landkreises Nordsachsen, Kai Emanuel (parteilos), sagte, dass das 5300 Quadratmeter umfassende Glaskompetenzzentrum die Branche in der Region stärken werde: „Es wird die Glasindustrie mit Innovationen inspirieren und sie mit hochqualifizierten Fachkräften versorgen.“
Erstmals Universitäts-Außenstelle in Nordsachsen
Kooperationspartner ist die Technische Universität Bergakademie Freiberg. Die TU wird mit Wissenschaftlern regelmäßig vor Ort in einem 330 Quadratmeter umfassenden Technikum Forschungsprojekte für die Glasherstellung durchführen. So soll mittels eines Versuchs-Schmelzofens an neuen Produktionsmethoden und Energieträgern – Wasserstoff- und Plasmabrenner sowie elektrische Beheizung – geforscht werden. Zudem soll es umfassende Angebote für die Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften geben.
Die Rektorin der TU, Prof. Dr. Jutta Emes, hob hervor, dass in dem Technikum mit dem Versuchsofen interdisziplinäre Grundlagenforschung betrieben werde. Das Zentrum sei ein „echter Leuchtturm, der in Europa seinesgleichen sucht“. Glas sei ein Werkstoff mit Zukunftspotenzial in der Energie- und Umwelttechnik, in der Digitalisierung sowie für moderne Bau- und Werkstofflösungen.
Der Landesinnungsmeister des Glaserhandwerkes Sachsen, Arnd Steyer, sagte, dass es gerade in Zeiten des Fachkräftemangels wichtig sei, künftige Kräfte gut auszubilden.
Das geplante Glaskompetenzzentrum wird auf einem 4700 Quadratmeter großen Grundstück am Repitzer Weg neben dem Berufsschulzentrum in Torgau errichtet. Das Großprojekt wird weitgehend aus dem Kohle-Umstrukturierungstopf (34 Millionen Euro) finanziert. Einen kleineren Teil steuert das Land bei.
Im ersten Bauabschnitt wird das Glaskompetenzzentrum mit den Werkstätten, dem Technikum und den Seminarräumen gebaut. Ende 2027 soll es in Betrieb genommen werden. Den Auftrag erhielt als Generalunternehmer die Ed. Züblin AG aus Leipzig.
Hiobsbotschaften trübten Stimmung
In den vergangenen Jahren geriet die Glasindustrie in eine tiefe Krise. So hatte der Torgauer Solarmodul-Hersteller Avancis Anfang November 2024 den Stopp der Produktion am Standort bekannt gegeben.
Bereits im Oktober 2024 hatte die Firma Saint-Gobain angekündigt, dass die Produktion von Basisglas vorübergehend eingestellt werde. Grund sei die schwache Nachfrage. Deshalb wurde für einen Teil der Belegschaft Kurzarbeit angemeldet. Doch Ende 2025 kam die erlösende Nachricht: 2027 soll die Wanne wieder hochgefahren werden.
Dies hat Firmensprecher Michel Wenger jetzt auf Anfrage bestätigt – ohne allerdings ein Datum zu nennen. Aktuell seien 300 Mitarbeiter am Standort Torgau beschäftigt, und dabei soll es bleiben.
Sorgen bereiten allerdings die neuen Turbulenzen am Energiemarkt im Zuge der Krise in Nahost: „Die gestiegenen Energiepreise, aber auch die Preise für Rohstoffe wie Silber verteuern unsere Produktion erheblich. Das sorgt für viel Unsicherheit.“ Gleichwohl hoffe man, dass es mit der Baubranche nun wieder aufwärts gehe.
Derzeit werde die Wanne mit Erdgas befeuert. Sofern eine neue Wanne erforderlich werden sollte, sei eine CO₂-neutrale Beheizung vorgesehen. Wenger: „Wasserstoff ist eine Option, die wir prüfen.“
Villeroy & Boch: Hoffnung auf alternative Energieträger
Zuvor hatte auch der Keramikhersteller Villeroy & Boch, der in Torgau Tischkeramik herstellt, im Jahr 2023 vorübergehend Kurzarbeit angemeldet. Die Keramikindustrie zählt ebenso zu den energieintensiven Branchen. Auch bei Villeroy & Boch setzt man deshalb große Hoffnungen auf alternative Energieträger. Im vergangenen Jahr kamen dann gute Nachrichten von dem Traditionshersteller: Man habe Maßnahmen zum Energiesparen umgesetzt und befinde sich auf einem guten Weg. Derzeit beschäftigt Villeroy & Boch 195 Mitarbeiter, darunter 18 Auszubildende.
Internat soll 2028 fertig werden
Das Gebäude in der Puschkinstraße 3 in Torgau wird für das neue Glaskompetenzzentrum im zweiten Bauabschnitt in ein Internat mit 42 Übernachtungsplätzen umgewandelt. Die Arbeiten sollen 2027 beginnen. Bis Ende 2028 soll alles fertig sein.
