Presseartikel
Der große Kita-Umbau in Nordsachsen: Warum Einrichtungen schließen und was das für Familien bedeutet
Ein drastischer Geburtenrückgang zwingt den Landkreis Nordsachsen zum Kita-Umbau bis 2029. Die ersten Einrichtungen schließen, während andernorts aber auch neu gebaut wird. Wo Eltern jetzt bangen müssen und welche Standorte profitieren – alle neuen Fakten im Überblick.
Nordsachsen. Weniger Geburten, sinkende Kinderzahlen und zugleich vielerorts sogar überreichlich Plätze: Die Kita-Landschaft im Landkreis Nordsachsen steht vor einem Umbau, wie aus der aktuellen Kindertagesstättenbedarfsplanung bis 2028/2029 hervorgeht, die der nordsächsische Kreistag jetzt beschlossen hat.
Was das für Familien, Kommunen und Einrichtungen bedeutet – dazu die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.
Warum steht die Kita-Landschaft in Nordsachsen vor Veränderungen?
Der wichtigste Grund ist der anhaltende Geburtenrückgang. Im Jahr 2024 kamen im Landkreis 1110 Kinder zur Welt. Das waren 84 weniger als im Vorjahr, also ein Minus von rund sieben Prozent. Damit folgt der Landkreis dem bundesweiten Trend. Für die kommenden Jahre wird erwartet, dass die Zahl der Kinder bis 2028 in Nordsachsen um rund zehn Prozent beziehungsweise 1856 Kinder sinkt. Diese Entwicklung verändert das Verhältnis zwischen vorhandenen Betreuungsplätzen und tatsächlichem Bedarf deutlich.
Ist der Rückgang im ganzen Landkreis gleich stark?
Nein, die Entwicklung fällt regional unterschiedlich aus. Genau diese Unterschiede machen die Planung kompliziert. Während einige Orte ihren Bestand eher sichern müssen, steht in anderen Gemeinden die Frage im Raum, wie Überkapazitäten abgebaut werden können, ohne die wohnortnahe Versorgung zu gefährden.
Wie viele Kitas und Tagespflegestellen gibt es derzeit?
Zum 1. Januar 2026 gab es im Landkreis Nordsachsen 169 Kindertageseinrichtungen mit elf Außenstellen. Dazu zählen Krippen, Kindergärten und Horte. 37 Einrichtungen sind reine Horte, darunter auch acht freie Schulen unterschiedlicher Ausrichtung. Ergänzt wird das Angebot durch 16 Kindertagespflegestellen, die in den Bedarfsplan aufgenommen sind. Das Betreuungsnetz ist damit weiterhin dicht, auch wenn sich bereits abzeichnet, dass in vielen Kommunen künftig mehr Plätze als Kinder vorhanden sein werden.
Welche neuen Einrichtungen sind zuletzt hinzugekommen?
Im Jahr 2025 wurden nach Angaben des Landratsamtes zwei neue Horte eröffnet. In Taucha ging der Hort Partheland mit 150 Plätzen an den Start. Es handelt sich um einen Neubau. In Oschatz wurde 2025 der Hort „Oschatzer Heringe“ mit 240 Plätzen eröffnet. Dort entstand ein Ersatzneubau. Die beiden Projekte zeigen, dass auch in Zeiten sinkender Kinderzahlen weiterhin in die Infrastruktur investiert wird.
Warum werden zugleich Einrichtungen geschlossen?
Die Schließungen haben unterschiedliche Ursachen, wie aus der Kita-Bedarfsplanung hervorgeht. Teilweise spielen bauliche Mängel oder Sanierungsstau eine Rolle, teilweise aber auch sinkende Kinderzahlen und eine zu geringe Auslastung. So wurde etwa die Einrichtung „Döllnitzküken“ in Wermsdorf/Liptitz bereits zum 1. Januar 2025 geschlossen. Das „Haus Sonnenschein“ in Taucha/Plösitz schloss Ende Januar 2025 wegen Mängeln in der Bausubstanz.
Andere Schließungen werden direkt mit dem Rückgang der Kinderzahlen begründet, etwa bei der Kita „Zur Hummelburg“ in Mügeln/Ablaß, beim „Zwergenland“ in Beilrode/Zwethau, die zum 31. Juli 2026 schließt, oder bei der Kita „Sonnenblume“ in Cavertitz/Lampertswalde, die zum 31. August 2026 schließt.
In der Gemeinde Zschepplin hat der Gemeinderat im Herbst 2025 die Kündigung des Betreibervertrages mit dem Diakonischen Werk Delitzsch/Eilenburg für die Kita „Wolkenschäfchen“ Glaucha zum 31. Dezember 2026 beschlossen. Derweil soll in Hohenprießnitz ein Grundschulcampus mit Kita, Grundschule und Hort entwickelt werden.
In Glaucha und Zwethau wehren sich Eltern gegen diese Pläne. Die Interessengemeinschaft Zwergenland zum Erhalt der Kita Zwethau hat 1006 Unterschriften gesammelt, um eine Schließung der Einrichtung abzuwenden. „Mit der Schließung würde der letzte Anlaufpunkt der Begegnung und des Zusammenhalts sterben, nachdem es schon keine Gaststätte, keine Einkaufsmöglichkeit und nichts anderes mehr gibt“, sagt Karina Gebhardt von der Interessengemeinschaft.
Müssen Eltern um wohnortnahe Betreuung bangen?
Nach der derzeitigen Planung soll genau das vermieden werden. Landkreis, Städte und Gemeinden betonen, dass die vorhandenen Ressourcen wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt werden müssen, ohne die wohnortnahe Versorgung von Familien zu gefährden. Ein flächendeckender Rückzug aus der Fläche ist demnach nicht zu erkennen. Aber wohnortnah könnte künftig auch bedeuten: Die Kita ist nur noch im Nachbardorf. Der Wermsdorfer Bürgermeister und CDU-Kreisrat Matthias Müller sagt: „Es liegt in unserer Verantwortung, die Kapazitäten auf ein Maß zu reduzieren, dass Einrichtungen sinnvoll betrieben werden können.“ Wenn es mancherorts Bürgerbegehren gegen Kita-Schließungen gebe, so Müller, werde man dieser Verantwortung nicht gerecht.
Welche Investitionen sind bis 2028/2029 vorgesehen?
Trotz sinkender Kinderzahlen wird weiter investiert. Geplant sind die Erweiterung des Schulzentrums Mockrehna und des Hortes zur Ganztagsbetreuung, der Ersatzneubau des Hortes „Rolandspatzen“ in Belgern, ein Anbau an die Kita „Kinderparadies“ im Dreiheider Ortsteil Süptitz mit 70 zusätzlichen Plätzen sowie der Neubau der Kita „Fliegerhorst“ in Oschatz mit 120 Plätzen als Ersatz für drei Einrichtungen. Die Stoßrichtung ist klar: modernisieren, bündeln und gezielt ersetzen statt flächendeckend neu bauen.
Wohin fließen die Fördermittel künftig?
Anders als in den Vorjahren will der Landkreis bei der Vergabe von Fördermitteln stärker auf Sanierung und Erhalt bestehender Gebäude setzen. Gefördert werden derzeit unter anderem die Erweiterung des Schulzentrums Mockrehna, der Umbau von Grundschule und Hort in Löbnitz, der Ersatzneubau des Hortes „Rolandspatzen“ in Belgern und die Sanierung der Kita „Sonnenkäfer“ in Mörtitz. Zugleich wird in der Kita-Bedarfsplanung darauf hingewiesen, dass in den kommenden Jahren deutlich weniger Investitionsmittel verfügbar sein werden. Ersatzneubauten bleiben möglich, aber nur dort, wo eine Sanierung technisch oder wirtschaftlich nicht sinnvoll ist.
Wie stark werden die Betreuungsangebote aktuell genutzt?
Zum 30. Juni 2025 wurden in Nordsachsen 15.953 Kinder unter elf Jahren in Kitas, Kindertagespflege, Horten oder Betreuungsangeboten an Förderschulen betreut. Das waren 184 Kinder weniger als im Vorjahr. 416 Kinder mit erhöhtem Förderbedarf wurden in integrativen Kindertagesstätten betreut, das entspricht 2,6 Prozent aller betreuten Kinder. 13,4 Prozent der betreuten Kinder waren jünger als drei Jahre, 41 Prozent waren im Kindergartenalter und 45,6 Prozent im Grundschulalter. 1444 Kinder, also neun Prozent, hatten einen Migrationshintergrund.
Wie hoch sind die Betreuungsquoten?
Die Quoten liegen im Landkreis insgesamt hoch. Bei den Kindern ab dem vollendeten ersten Lebensjahr bis unter drei Jahren lag die Betreuungsquote am 30. Juni 2025 bei 85 Prozent. Im Kindergartenbereich betrug sie 93 Prozent, im Hort 89 Prozent. In einzelnen Gemeinden lagen die Werte noch höher, teils sogar über 100 Prozent. Das hängt vor allem damit zusammen, dass auch Kinder aus anderen Gemeinden betreut werden, etwa wegen freier Schulen oder weil Eltern ihr Wunsch- und Wahlrecht nutzen. Insgesamt lag die Inanspruchnahme in Krippe, Kindergarten und Hort bei 90 Prozent.
Wird es künftig mehr Plätze als Kinder geben?
Ja, genau davon geht die Bedarfsplanung aus. Bis zum Ende des Schuljahres 2028/2029 sollen im Landkreis für 16.903 Kinder im Alter bis unter elf Jahre insgesamt 19.027 Betreuungsplätze zur Verfügung stehen. Davon entfallen 10.443 auf Kinder bis zum Schuleintritt und 8584 auf Hortkinder. Rechnerisch ergibt sich damit ein Versorgungsgrad von 130 Prozent in der Kita und 109 Prozent im Hort. Das heißt: Statistisch gibt es deutlich mehr Plätze, als nach Zahl der Kinder notwendig wären.
Was bedeutet das im Endeffekt?
Für Eltern ist die wichtigste Nachricht: Die Versorgung bleibt insgesamt gut. Für Kommunen und Träger wird es allerdings schwieriger, das System wirtschaftlich zu steuern, ohne die Nähe zum Wohnort und die Qualität der Betreuung aus dem Blick zu verlieren.
