Presseartikel
Großansiedlung bei Leipzig: Entwickler will eines der größten Rechenzentren Deutschlands errichten
Es geht um große Versprechen, Milliardeninvestitionen und viele Jobs: Nördlich von Leipzig soll eines der größten Rechenzentren Deutschlands entstehen. Doch es gibt offene Fragen – und Widerstand.
Leipzig/Rackwitz. Großansiedlungen wie die Autowerke im Leipziger Norden und das Frachtdrehkreuz am Flughafen haben die Wirtschaftsregion in den vergangenen gut 20 Jahren geprägt. Die Fahrzeuge von BMW und Porsche werden in die Welt exportiert, DHL-Frachtmaschinen starten nachts in verschiedene Kontinente. Die nächste Milliardeninvestition wirkt da auf den ersten Blick unspektakulär, aber nach dem Willen ihrer Initiatoren soll auch sie die Region verändern.
Der Berliner Projektentwickler AM:PM Grund plant auf einem Acker an der B184 bei Rackwitz, nördlich von Leipzig, ein Rechenzentrum mit 500 Megawatt Anschlussleistung. Die Investition beziffern die Planer auf vier bis sechs Milliarden Euro. Bis zu 150 Jobs sollen auf dem 32 Hektar großen Areal entstehen. Mehrere Gebäude sind geplant, zwischen 23 und 30 Meter hoch. Das Vorhaben zählt zu den größten seiner Art in Deutschland.
Und Rackwitz soll erst der Anfang sein. Von einem „Pilotvorhaben“ spricht Andre Jaschke, der das Projekt mit dem Leipziger Unternehmen Enersyngy steuert. Im Großraum Leipzig seien schon weitere Ansiedelungen in Planung. Den Maßstab setzt Jaschke hoch: „Das ist eine ähnliche Zukunftsentscheidung wie vor rund 20 Jahren der Einstieg Dresdens in die Chipindustrie.“ Steht die Region also vor dem nächsten großen Ding?
Ob auf dem Acker tatsächlich eine Großansiedlung heranwächst, muss sich noch zeigen. Einen Betreiber gibt es bisher nicht, in Betrieb gehen könnte das Rechenzentrum frühestens ab 2030. Und vor Ort formiert sich Widerstand.
Der KI-Boom erreicht den Osten
Mit Rechenzentren haben sich lange vor allem IT-Experten beschäftigt, obwohl ohne sie im digitalen Alltag kaum etwas läuft. In ihnen arbeiten Server rund um die Uhr, die etwa E-Mails speichern oder Videos streamen. Der Boom um künstliche Intelligenz hat das Thema ins Rampenlicht gerückt, denn KI braucht enorme Rechenleistung. Allein die fünf größten US-Cloudkonzerne investieren in diesem Jahr nach Schätzung der US-Bank J. P. Morgan rund 700 Milliarden Dollar, unter anderem in Rechenzentren. Inzwischen erreicht der Boom Deutschland. Und nun auch die Region Leipzig.
Simon Hinterholzer forscht am Berliner Borderstep-Institut und hat an einer Rechenzentrumsstudie für den Digitalverband Bitkom mitgearbeitet. Der Studie zufolge stieg die Kapazität der Rechenzentren in Deutschland 2025 um neun Prozent auf 2980 Megawatt. Bis 2030 dürften es mehr als 5000 Megawatt sein, erwartet Hinterholzer.
„Wenn wir sie nicht im Raum Leipzig ansiedeln, entstehen sie woanders“
Projektsteuerer Andre Jaschke sieht darin ein zentrales Argument für die Region: „Die digitale Wirtschaft wird ohnehin in Deutschland und global kommen, ob wir sie wollen oder nicht. Wenn wir sie nicht im Raum Leipzig ansiedeln, entsteht sie eben woanders – in Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen oder gar nicht in Deutschland und Europa.“
Wie stark die Nachfrage nach Rechenleistung tatsächlich wächst, lässt sich laut Experte Hinterholzer aber nur schwer beziffern. Sie hänge vor allem davon ab, wie schnell KI-Unternehmen ihre kostenpflichtigen Dienste vermarkten könnten und wie wichtig es ihren Kunden sei, die Rechenleistung in Deutschland zu nutzen – etwa wegen Datenschutz und digitaler Souveränität.
Mehrere Betreiber sind denkbar
Viele Unternehmen, Banken und Behörden betreiben für ihre Programme und Daten eigene Rechenzentren, vom Serverraum bis zum eigenen Gebäude. Mehr als die Hälfte der Kapazität stellen laut Bitkom-Studie inzwischen aber Rechenzentren, die Fläche an Kunden vermieten. Experte Hinterholzer erklärt das Prinzip so: Der Betreiber stellt das Gebäude samt technischer Infrastruktur. Nutzer, die ihre eigenen Server mitbringen, zahlen etwa nach Fläche oder Stromverbrauch. Auch Tech-Konzerne wie Google oder Microsoft mieten sich laut Hinterholzer so ein, um international zu wachsen, ohne sich mit dem Baurecht vieler Länder befassen zu müssen.
Auf diese Arbeitsteilung setzt AM:PM. Der Entwickler will den Standort nicht selbst betreiben, sondern als Vorleistung für den späteren Betreiber baureif machen. „Das ist wie beim Bäcker, der fertiges Mehl einkauft, statt das Getreide selbst zu mahlen“, sagt Jaschke. Er stellt in Aussicht: „Am Ende wird es sicher mehrere Betreiber geben, weil das Projekt in Clustern gebaut wird.“
Noch kein Betreiber unter Vertrag
Für welche Anwendungen das Rechenzentrum gebaut werden soll, lässt sich laut Jaschke noch nicht abschließend sagen. Es gebe zwar Angebote von Betreibern. „Einen Vertrag kann aber noch niemand schließen, weil zeitliche und rechtliche Fragen wie das Baurecht noch nicht abschließend geklärt sind.“
In Rackwitz hält Experte Hinterholzer ein Rechenzentrum für denkbar, in das sich ein oder mehreregroße Kunden einmieten. Es sei aber auch möglich, dass sich ein anderer Betreiber finde. Davon gebe es in Deutschland bislang aber nur ganz wenige, etwa die großen Cloud-Konzerne oder Schwarz Digits, die IT-Sparte der Lidl-Mutter Schwarz-Gruppe. „KI-Rechenzentren in der Größe gibt es bislang nicht.“
Rechenzentren: Profitiert die Region Leipzig wirtschaftlich?
Warum nun aber bei Leipzig? Andre Jaschke zeigt zunächst in die Region Frankfurt, den größten Rechenzentrumsstandort Deutschlands. „Frankfurt stößt bei Flächen, Strom und Datenknoten an seine Grenzen. Wir haben dagegen noch verfügbare Grundstücke.“ Zahlen des Immobilienberaters JLL stützen das: Im Rhein-Main-Gebiet warten große Anlagen bis zu 13 Jahre auf einen Netzanschluss. Laut JLL verlagert sich das Wachstum deshalb zunehmend in kleinere Märkte.
Nicht zuletzt sieht Jaschke auch wirtschaftlich Potenzial. „Ein Rechenzentrum ist gut für die Region. Es erzeugt eine hohe Wertschöpfung durch Gewerbesteuer und Folgeinvestitionen, da es eine der wichtigsten Infrastrukturen für künftige Standortentscheidungen für weitere Ansiedlungen ist“, sagt er.
Wettrennen um Rechenzentren hat begonnen
Konkreter sind die Erwartungen der Gemeinde. Rackwitz hat 11,7 Millionen Euro Schulden, der Grundstückserlös würde laut Bürgermeister Steffen Schwalbe (parteilos) zur Entschuldung reichen. Dazu kämen dauerhafte Gewerbesteuern und bis zu 150 Arbeitsplätze, die der Entwickler in Aussicht stellt. Auch Experte Hinterholzer hält die Jobzahl für realistisch – ebenso die Steuererwartungen.
Um Rechenzentren ist in Deutschland längst ein Wettlauf entbrannt. Bundesweit seien derzeit Rechenzentren mit rund 4,5 Gigawatt IT-Anschlussleistung im Bau, sagt Hinterholzer. Hinzu kämen Ankündigungen von etwa 14 Gigawatt, deren Qualität allerdings sehr unterschiedlich sei.
Initiative fordert Bürgerentscheid
Die Frage ist also auch, ob die Region Leipzig schnell genug ist, um hier mitzuhalten. In Rackwitz könnte der Bebauungsplan laut Andre Jaschke Ende 2027 oder Anfang 2028 stehen, gebaut würde etwa ab 2029. „Das steht aber unter Vorbehalt.“ Entscheidend ist der Netzanschluss. Dieser soll laut Jaschke über das ohnehin geplante Umspannwerk Delitzsch erfolgen. Durch das Projekt werde es „lediglich etwas größer ausfallen“.
Ob an der B184 die nächste Großansiedlung der Region heranwächst, entscheidet sich indes nicht nur daran, ob sich ein Betreiber finden lässt und der Stromanschluss steht. Am Ende kommt es auch auf die Bürgerinnen und Bürger an. Peter Büscher, Mitglied einer neu gegründeten Bürgerinitiative, betonte zuletzt bei einer öffentlichen Versammlung: „Wir werden uns dafür stark machen, dass es in dieser Frage einen Bürgerentscheid gibt.“ Dieser könnte – wie 2024 in Wiedemar – das Projekt noch im Bebauungsplanverfahren ausbremsen.
