Presseartikel
Mega-Rechenzentrum bei Leipzig: Die wichtigsten Antworten zum Milliarden-Projekt
Nördlich von Leipzig, in der Gemeinde Rackwitz, soll eines der größten Rechenzentren Deutschlands entstehen. Der Investor verspricht Milliardeninvestitionen und einen schnellen Baustart. Doch mehrere Entwicklungen drohen, das Projekt zu kippen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum aktuellen Stand.
Rackwitz. Die Pläne sind gewaltig, doch die Zweifel wachsen: Nördlich von Leipzig soll eines der größten Rechenzentren Deutschlands entstehen. Der Investor verspricht Milliardeninvestitionen und einen schnellen Baustart bis 2030. Doch während erste Gutachten zu Verkehr, Lärm und Umweltschutz noch in Arbeit sind, formiert sich Widerstand – die betroffenen Anwohner der Gemeinde Rackwitz fordern einen Bürgerentscheid. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum aktuellen Stand des umstrittenen Mega-Projekts.
Was genau ist in Rackwitz bei Leipzig geplant?
Der Berliner Projektentwickler AM:PM Grund plant auf einer 32 Hektar großen Ackerfläche an der B184 in Rackwitz, nördlich von Leipzig, ein Rechenzentrum der Superlative. Zwischen den Dörfern Zschortau und Lemsel sollen mehrere Gebäude mit Höhen zwischen 23 und 30 Metern entstehen. Die Anlage soll eine Anschlussleistung von 500 Megawatt haben – das entspricht dem Strombedarf einer Großstadt. Die Investitionssumme wird auf vier bis sechs Milliarden Euro geschätzt.
Das Vorhaben zählt damit zu den größten in Deutschland. „Mit Rechenzentren legt man die Grundlage für Wirtschaft in den Bereichen Robotik und Künstliche Intelligenz“, erklärt Andre Jaschke, der das Projekt mit dem Leipziger Unternehmen Enersyngy steuert.
Was ist der aktuelle Stand?
Aktuell wird der Entwurf der Bebauungsplanänderung erstellt und alle von den Behörden und Bürgern eingebrachten Bedenken eingearbeitet. Ziel ist es, mit der Planung bis Ende 2027 fertig zu sein und dem Gemeinderat Rackwitz zur Abstimmung vorzulegen. „Wenn alles optimal läuft, könnten die Bauarbeiten etwa ab 2029 beginnen“, so Jaschke.
Wann soll das Rechenzentrum ans Netz gehen?
Schon ab 2030 soll der Betrieb starten. Der Anschluss soll dabei über das ohnehin geplante Umspannwerk Delitzsch erfolgen. Doch Aussagen der zuständigen Netzbetreiber gegenüber der LVZ ziehen diesen Zeitplan in Zweifel: 50Hertz, Betreiber des überregionalen Höchstspannungsnetzes, nennt als Inbetriebnahmeziel für das künftige Umspannwerk Delitzsch das Jahr 2045 – also 15 Jahre später. Zudem liege für das Rechenzentrum bislang gar kein Netzanschlussantrag im aktuellen Vergabeverfahren vor. Auch der regionale Verteilnetzbetreiber Mitnetz Strom bremst: Die Planungen stünden „ganz am Anfang“, man müsse technisch auf den Ausbau von 50Hertz warten.
Projektsteuerer Andre Jaschke hält dennoch an den Plänen fest und verweist auf einen gestaffelten Ausbau: 2030 sollen zunächst 100 Megawatt ans Netz gehen, bezogen aus dem lokalen Bestandsnetz – vollkommen unabhängig vom Umspannwerk, erklärt er. Dafür lägen bereits Lieferzusagen vor. Das späte Datum 2045 sei lediglich ein „theoretisches Enddatum“ im Bundesnetzplan. Er gehe davon aus, dass das Umspannwerk pünktlich zum Endausbau des Rechenzentrums im Jahr 2035 steht.
Wer betreibt das Rechenzentrum?
Das steht noch nicht fest. AM:PM Grund agiert lediglich als Entwickler, der die Flächen baureif macht, und Enersyngy als Projektsteuerer. „Es gibt Angebote. Einen Vertrag kann aber noch niemand schließen, weil zeitliche und rechtliche Fragen, wie das Baurecht, noch nicht abschließend geklärt sind“, sagt Jaschke. Er stellt in Aussicht, dass es am Ende mehrere Betreiber geben wird.
Wie steht es um den Wasserverbrauch?
Ein zentrales Versprechen lautet: Für die Kühlung wird kein Trink- und Grundwasser verbraucht. „Das schreiben wir im Bebauungsplan fest“, so Andre Jaschke. Trinkwasser nutze man am Ende lediglich für sanitäre Zwecke. Eine Verdunstungskühlung, wie in den USA lange üblich, soll in Rackwitz nicht stattfinden. Geplant ist ein geschlossener Wasser-Glykol-Kreislauf, vergleichbar mit einem Auto.
Was passiert mit der umliegenden Natur?
Das geplante Rechenzentrum entsteht in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem europäischen Vogelschutzgebiet sowie zu weiteren Natur- und Landschaftsschutzgebieten. Seit Mitte 2025 laufen deshalb Artenschutzkartierungen. Bislang deuten diese darauf hin, dass dort keine Arten leben, die das Vorhaben beeinflussen könnten. Da ein volles Jahr erfasst werden muss, laufen die Untersuchungen noch bis in den Oktober.
Sollte der Bau wie geplant kommen, will man einen umlaufenden dichten Grünstreifen mit mindestens drei Baumreihen als Sichtschutz anlegen. Mögliche Fassadenbegrünungen werden ebenfalls geprüft. Ein Rückhaltebecken soll zudem Niederschlag auffangen. „Ein anderer Teil wird kontrolliert in die Lober abgeleitet“, erklärt Jaschke. So soll der zeitweise trockenfallende Flusslauf stabilisiert werden und ein künstlicher kleiner Auwald entstehen. Die Gutachten zu Boden, Hydrologie und Regenwasser sollen im November und Dezember vorliegen.
Wird es rund um das Rechenzentrum wärmer?
Auch zur Abwärme soll es ein eigenes Klimagutachten geben, welches voraussichtlich im November erstellt wird. Dass es mikroklimatische Veränderungen gibt, hält Jaschke für weitestgehend ausgeschlossen: „Am Ende wird man feststellen, dass man direkt am Zaun des Rechenzentrums bei ungünstigem Wetter vielleicht einen Unterschied von 0,5 Grad wahrnehmen kann. In den umliegenden Ortschaften wird man davon nichts spüren.“ Die im Betrieb entstehende Abwärme könnte Haushalte zumindest teilweise mit Heizwärme versorgen. Dazu sei eine Absichtserklärung mit den Leipziger Stadtwerken geplant.
Wie viel Lärm macht das Rechenzentrum?
Aktuell läuft eine Schallprognose, auf deren Grundlage man freiwillig verbindliche Lärmkontingente im B-Plan festlegen will. Was schon feststeht: Geräusche sollen im regulären Betrieb lediglich an den Kühlanlagen entstehen. Selbst bei extremen Hitzetagen mit 40 Grad Celsius sollen laut ersten Gutachten die Grenzwerte eingehalten werden. Das gelte auch für die Notstromaggregate, die einmal monatlich eine halbe Stunde getestet werden sollen. Auch der Verkehrslärm soll sich auf ein Minimum beschränken: Untersuchungen rechnen mit rund 436 zusätzlichen Fahrzeugen pro Tag. Die Hauptzufahrt soll an der B184 liegen.
Wie groß ist der Widerstand vor Ort?
Parallel zum B-Planverfahren wächst die Sorge der Anwohner vor Ort. Mittlerweile hat sich die „Initiative Rechenzentrum Zschortau-Rackwitz“ gegründet. Sie zweifelt die Versprechen des Investors an und fordert unabhängige Gutachten, insbesondere zu Emissionen und Naturschutz. Das erklärte Ziel der Initiative: ein Bürgerentscheid. Vorbild ist die benachbarte Gemeinde Wiedemar, wo Bürger 2024 per Abstimmung ein riesiges Industriegebiet für Großansiedlungen gestoppt hatten.
Warum unterstützt die Gemeinde das Vorhaben?
Rackwitz hat aktuell rund 11,7 Millionen Euro Schulden und ist wirtschaftlich stark von wenigen Branchen (wie dem Alu-Werk) abhängig. Bürgermeister Steffen Schwalbe (parteilos) sieht das Projekt als Befreiungsschlag: Der Grundstückserlös könnte die Gemeinde auf einen Schlag entschulden. Zudem rechnet man mit bis zu 150 dauerhaften Arbeitsplätzen und hohen Gewerbesteuereinnahmen. Das Rechenzentrum soll als Magnet für weitere Ansiedlungen der Hochtechnologie-Branche dienen.
