Presseartikel
Neuartige Marschflugkörper aus Leipzig? Rüstungsfirma plant Ansiedlung
Rüstungsunternehmen gibt es in Leipzig bisher kaum. Doch schon ab dem nächsten Jahr wird im Norden der Stadt wohl ein neuartiger Marschflugkörper produziert. Gespräche mit der Firma gab es schon länger.
Leipzig. Wenn sich ein Unternehmen aus der Rüstungsindustrie ansiedelt, dann – das lässt sich wohl so sagen – ist das für viele Menschen immer noch eine Besonderheit. Insofern war es nicht verwunderlich, dass eine Meldung der Nachrichtenagentur Reuters vom vergangenen Freitag auch über Leipzig hinaus für Aufregung sorgte. Reuters berichtete unter Berufung auf Insider, dass ein Rüstungs-Start-up mit dem Namen Covenant bei Leipzig ab Anfang 2027 bis zu 1000 Marschflugkörper jährlich produzieren wolle. Doch was ist dran an der Meldung?
Nach LVZ-Informationen gibt es dazu schon länger Gespräche zwischen der Stadt und dem Unternehmen. Für die Produktion ist ein Standort im Norden der Stadt vorgesehen. Dort gibt es rund um Porsche und BMW mehrere große Gewerbegebiete mit bestehender Infrastruktur, die sich eignen würden. Das Leipziger Rathaus wollte die Berichte nicht direkt kommentieren. Die Stadt Leipzig und die Invest Region Leipzig GmbH würden fortlaufend Ansiedlungsanfragen bearbeiten, die unter anderem über die Wirtschaftsförderung Sachsen vermittelt würden. Die Firmen forderten Vertraulichkeit. „Die Unternehmen entscheiden eigenständig, wie sie mit den vermittelten Flächenangeboten umgehen und wie sie ihre Entscheidung für oder gegen den Standort Leipzig kommunizieren“, hieß es aus dem Rathaus.
Das Unternehmen Covenant selbst äußerte sich nicht direkt. Ein Sprecher im Auftrag der Firma sagte allerdings, man wolle in der nächsten Woche genauere Informationen zu möglichen Plänen des Unternehmens in Leipzig geben.
Die Linken-Fraktion im Stadtrat kritisierte die mögliche Rüstungsansiedlung bereits massiv. „Als Linke stellen wir uns ganz klar gegen jedwede Ansiedlung kriegsdienlicher Unternehmen in und bei unserer Stadt und ihrem Umfeld. Erst vor wenigen Wochen kam es zu einem Drohnenangriff am Flughafen Leipzig/Halle. Solche Vorfälle zeigen einmal mehr, zu welcher Gefahr der Umgang und – noch gravierender – die Produktion von Rüstungsgütern führen kann, auch für die Zivilbevölkerung“, sagte Fraktionschefin Franziska Riekewald. Die Linken-Fraktion mutmaßte einen Zusammenhang mit der Neuerschließung des Gebiets „Radefelder Allee West“ nahe des Flughafens und hatte für Mittwoch eine dringliche Anfrage im Stadtrat gestellt. Nach LVZ-Informationen geht es bei der Ansiedlung allerdings um ein bereits bestehendes Gebäude.
Rüstungsfirma entwickelt neuartige Marschflugkörper
Wie die LVZ erfuhr, geht es bei der geplanten Produktion nicht um klassische Marschflugkörper. Stattdessen setzt das Unternehmen auf eine Neuentwicklung, die Elemente von Marschflugkörpern und Langstreckendrohnen verbindet. Damit sollen Ziele in einer Reichweite von bis zu 1500 Kilometern Entfernung getroffen werden können.
Marschflugkörper haben – anders als Raketen – keine bogenförmige Flugbahn, sondern fliegen in der Regel nah über dem Boden auf ihr Ziel zu. Ein Marschflugkörper muss deshalb durchgehend beschleunigt werden – in der Regel über ein Düsentriebwerk. Vorteil aus militärischer Sicht: Wegen der Flugbahn in Bodennähe sind Marschflugkörper deutlich schwerer für Radare zu orten.
Ersatz für Tomahawk-Marschflugkörper
Die Bundesregierung hatte eigentlich auf eine Stationierung von US-amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland gehofft. Diese haben eine Reichweite von rund 2000 Kilometern und sollten zur Abschreckung gegenüber Russland dienen. Doch die Trump-Regierung nahm zwischenzeitlich wieder Abstand davon, weshalb die Bundeswehr eigene Fähigkeiten aufbauen will. Mit der geplanten Fertigung in Leipzig wäre die Bundeswehr deutlich unabhängiger von den USA – auch wenn es sich um ein US-Unternehmen mit Tochterfirma in Deutschland handelt.
Unklar ist allerdings, wie realistisch eine zeitnahe Fertigung und Auslieferung der Marschflugkörper von Covenant ist. Erst Anfang August fand in der marokkanischen Wüste ein erster Test des neuen Marschflugkörpers mit dem Namen „Anthem“ statt. Experten aus dem Verteidigungsbereich geben allerdings zu bedenken, dass bisher keine genauen Daten über „Anthem“ bekannt sind – also etwa Zielgenauigkeit oder Geschwindigkeit.
In Leipzig gibt es bisher kaum klassische Rüstungsindustrie, anders als in westdeutschen Regionen wie München oder Kassel. Deshalb laufen seit einer Weile Bemühungen, hier eine solche Industrie anzusiedeln – und damit wirtschaftlich von den Rüstungsmilliarden zu profitieren. Kürzlich wurde dafür das Mitteldeutsche Institut für Sicherheitsindustrie (MISI) gegründet. Letztlich dient es als Ansprechpartner für Firmen aus der Verteidigungs- und Sicherheitsbranche, die sich potenziell in der Region ansiedeln wollen.
Im Frühling wurde in Leipzig zudem eine Außenstelle des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie (FKIE) eingerichtet, das nach eigenen Angaben zu den führenden Instituten für Verteidigungs- und Sicherheitsforschung in Deutschland gehört. Hauptsitz ist Nordrhein-Westfalen. In Leipzig sollen sich 15 Mitarbeiter künftig um die Bereiche Cybersicherheit und digitale Verteidigung kümmern.
